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"Der Rassist in uns" auf ZDF neo:Erhellender Psychoterror

Der Rassist in uns

Der Rassist in uns läuft auf ZDF neo.

(Foto: Sandra Hoever/ZDF)

Blauäugige gegen Braunäugige: Wie entsteht Rassismus? Und wie fühlt er sich an? ZDF neo inszeniert mit "Der Rassist in uns" ein für Teilnehmer wie Zuschauer qualvolles Experiment.

Von Sebastian Herrmann

Warum Menschen mit blauen Augen das Denken etwas schwerfällt? Ganz einfach: Der Mensch entwickelte sich einst in Afrika, und da ist es oft ziemlich heiß. Dunkle Haut und braune Augen zählten also zu den Standardattributen der ersten Menschen, Melanin schützt den Körper nämlich vor der negativen Wirkung intensiver Sonneneinstrahlung. Blauäugige wiederum haben dieses Pigment irgendwann eingebüßt. Deswegen sind ihre Augen schließlich hell, und deswegen dringt das Sonnenlicht ungehindert in ihr Gehirn ein, wo es Neuronen zerstört. Und voilà, deshalb sind Blauäugige nicht die hellsten Kerzen am Baum. Ihr Hirn ist etwas verschmurgelt.

Natürlich ist das unfassbarer Blödsinn. Aber trotzdem gelingt es Jürgen Schlicher, braunäugige Teilnehmer seines Workshops von der Geschichte zu überzeugen. Das klingt unfassbar, wer glaubt bitte so einen Mist? Aber Moment, wie sieht es denn mit der Plausibilität von Vorurteilen aus, die sich an anderen zufälligen Merkmalen eines Menschen festmachen? Der Hautfarbe etwa, der sexuellen Orientierung, dem Geschlecht? Die Begründungen, die dafür durch die Gegend schwirren, sind oft ebenso aberwitzig wie die Geschichte von der Hirnschmelze - und doch schlüpfen diese Geschichten den Menschen ins Denken. Unter anderem das zu verstehen, darum geht es in dem Workshop, den Jürgen Schlicher leitet und Moderator Amiaz Habtu begleitet. Das Experiment ist unter dem TV-Titel Der Rassist in uns zu sehen.

Fies und herablassend

Dinge zu verstehen, ist jedoch nur eine Sache. Die andere ist es, dass sich etwas auch richtig oder falsch anfühlt. Knapp 40 Menschen haben die Produzenten durch dieses experimentartige Setting gequält - im Wortsinne, angenehm wirkt das alles nicht. Jürgen Schlicher teilt die Teilnehmer in zwei Gruppen auf: die Braun- und die Blauäugigen. Den einen gegenüber verhält er sich zuvorkommend, er lobt sie, baut sie auf und hämmert ihnen ein, warum sie besser sind als die anderen. Besser als die Blauäugigen, zu denen der schwarz gekleidete Schlicher schmerzhaft überzeugend fies und herablassend ist. Die Blauäugigen werden erst separiert, tragen als Zeichen ihrer Minderwertigkeit einen blauen Kragen und werden schließlich systematisch gedemütigt. Der Workshop basiert auf einem etablierten Anti-Rassismus-Training, das die US-Grundschullehrerin Jane Elliott 1968 entwickelte - und löst beim Zuschauer arge Beklemmungen aus.

Man fühlt sich als Beobachter in einen Psychokult versetzt. Man erinnert sich an das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment, bei dem eine Gefängnis-Simulation grausam aus dem Ruder lief und staunt, wie sehr Opfer und Täter ihre Rollen annehmen. Das Begreifen setzt ein: So funktioniert Diskriminierung, so wirkt Rassismus. Als Zuschauer dieser beeindruckenden Folter zieht man sich jedoch automatisch auf die Haltung zurück, dass man anders handeln würde. Dass man genauso Opfer oder Täter geworden wäre, ahnt man zwar - das aber wirklich mit allen Konsequenzen begreifen, dazu müsste man sich selbst diesem erhellenden Psychoterror aussetzen.

Der Rassist in uns, ZDF neo, 22.15 Uhr.

© SZ vom 10.07.2014
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