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Bastelshow auf Netflix:"Es hat irgendwie mit Gärtnern zu tun"

Der große Blumenkampf

Kristen Griffith-Vanderyacht ist Hauptjuror der Sendung.

(Foto: NETFLIX/Netflix)

Die Show "Der große Blumenkampf" ist unterhaltsam, obwohl sie aus Sicht eines Trash-TV-Dramaturgen das Wichtigste falsch macht - sie führt niemanden vor.

Von Marc Baumann

Jim hatte Angststörungen, Sarah ist übergewichtig, Andi ist transsexuell, Henck und Yan kleiden sich verrückt. Und sie alle treten mit 15 weiteren Teilnehmern vor den Kameras gegeneinander an. Man kann sich vorstellen, wie Regisseure von Deutschland sucht den Superstar oder Produzenten von Germany's Next Topmodel diese Lebensgeschichten ausschlachten würden: mit Tränen in Großaufnahme und emotionalen Zusammenbrüchen.

Wer mit deutschem Privatfernsehen groß geworden ist, erwartet bei der britischen TV-Show Der große Blumenkampf (The Big Flower Fight) acht Folgen lang, dass Kandidatin Andi aufgewühlt und mit dramatischer Musik unterlegt darüber reden muss, im "falschen Körper geboren zu sein". Aber stattdessen sagt Andi in Folge zwei nur lapidar: "Transsexuell sein ist sicher nichts, was mich definiert. Wir sind alle Menschen, und du bist, was du bist. Ich bin eine Gärtnerin."

Die Sendung Der große Blumenkampf macht aus Sicht eines Trash-TV-Dramaturgen so ziemlich alles falsch: denn sie führt niemanden vor. Sie versucht ebenso wenig besonders einfühlsam oder politisch sehr korrekt zu sein. Es spielt in der von Netflix ausgestrahlten Show einfach keine Rolle, wer im Teilnehmerfeld wen liebt, wer welches Geschlecht hat oder haben möchte, welche Körperform oder Hautfarbe jemand hat oder wer sich wie kleidet. Die Kandidaten sind dabei, weil sie professionelle Gärtner sind oder hauptberufliche Floristen. Es geht einfach darum, möglichst kunstvoll absurd große Blumengestecke zu basteln.

Der große Blumenkampf

Es geht darum, absurd große Blumengestecke zu basteln: Co-Moderatoren Vic Reeves und Natasia Demetriou.

(Foto: NETFLIX/NETFLIX)

"Es klingt verrückt, es ist verrückt", erklärte die Co-Moderatorin Natasia Demetriou in einem Interview der BBC das Konzept der Sendung, "es hat irgendwie mit Gärtnern zu tun und es hat definitiv mit Blumen zu tun". Stimmt. Zehn Teams mit je zwei Kandidaten sollen riesige Draht-Figuren bepflanzen und dabei möglichst kreativ gestalten. Mal geht es um das Thema Insekten, später um Meerestiere, am Ende um Märchenfiguren. Dafür haben die Teams bis zu 15 Stunden Zeit, am Tag darauf wählt die Jury pro Folge ein Gewinnerpaar und ein Verliererteam, das die jeweilige Sendung verlassen muss. Wer am Ende als Sieger übrig bleibt, darf als Hauptpreis eine Skulptur für die Royal Botanic Gardens in London gestalten.

Das Grundgerüst der Sendung ist bekannt, es gibt jede Menge ähnlich aufgebauter Shows. Sehr erfolgreich ist etwa The Great British Bake Off, von der die BBC seit dem Jahr 2010 bislang zehn Staffeln ausgestrahlt hat. In Spin-offs folgten TV-Wettkämpfe im Nähen (The Great British Sewing Bee), Töpfern (The Great Pottery Throw Down) oder sogar Glasbläserei (Blown Away). Letztere ist eine kanadische Produktion, denn das Um-die-Wette-Handwerken funktioniert als TV-Format weltweit, Nadiya Hussain, Gewinnerin von The Great British Bake Off bekam etwa jüngst eine eigene Netflix-Sendung.

Genau das ist die Stärke der Sendung: charmante Sinnlosigkeit

Auf den ersten Blick wirkt The Big Flower Fight wie eine etwas verzweifelte Fortsetzung, als hätten die TV-Macher angestrengt überlegt, ob es nicht noch irgendein Hobby gibt, aus dem noch kein Wettkampf wurde. Bis einer die Idee hatte: "Wie wäre es mit Blumengestecken?"

Großbritannien hat eine große Garten-Tradition, da konnte man auf Zuschauerinteresse spekulieren. Erwartbar wäre gewesen, dass es in der Sendung einfach um schöne Sträuße geht - stattdessen fand man den leicht skurrilen Dreh mit den riesigen Blumenskulpturen.

In Kochsendungen bekommt man als Zuseher neue Rezepte oder zumindest Hunger. Aber wer zusieht, wie irgendwo im englischen Hinterland Floristen und Gärtner riesige Blumen-Insekten bauen, wird danach eher nicht ins nächste Gartencenter laufen und tonnenweise Pflanzen, Erde, Äste und Draht kaufen, wie sie im Blumenkampf verarbeitet werden. In einigen TV-Kritiken in Großbritannien oder den USA wurde genau das bemängelt: Wo ist der Mehrwert? Aber genau das ist die Stärke von The Big Flower Fight: charmante Sinnlosigkeit.

Baue einen riesigen Blumen-Schmetterling oder das Hexenhaus von Hänsel und Gretel. Wer Action mag, ist hier denkbar falsch. Die Sendung ist wie ein Offline-Nachmittag im Gartenstuhl: pulssenkend und voll kleiner botanischer Entdeckungen. Und man staunt tatsächlich, welche großartigen Skulpturen Andrew und Ryan anfertigen, die als Designer und DJ am wenigsten Erfahrung mit Blumen hatten. Wie sie die Aufgaben umsetzen, ist für jeden Hobby- oder Profigärtner schlicht sehenswert. Beim Thema Märchen verzieren sie etwa ihr von außen düster gehaltenes Hänsel-und Gretel-Haus nur im Inneren mit Unmengen an Blumen, ein anderes Mal arbeiten sie nicht weniger fantasievoll mit Spiegelungen. Und sie setzen auch mal die Ellenbogen ein: Dass sie Henck und Yan in einer Folge eine bestimmte Blumensorte wegraffen, gehört dann auch schon zu den wildesten Szenen der Show.

© SZ/ebri/tmh
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