"Der Club" auf Netflix:"Sehr wichtig für uns Juden"

Lesezeit: 4 min

Filmstills zur Netflix-Serie "Der Club" für LB Medien; © Netflix

Tabus und historische Verwerfungen gefühlig erzählt: die Netflix-Serie "Der Club".

(Foto: Mehmet Ali Gök/Netflix)

Die türkische Netflix-Serie "Der Club" erzählt vom Tabu der Herkunft im Istanbul der Fünfzigerjahre. Was das mit dem Heute zu tun hat.

Von Tomas Avenarius

Istanbul, der Stadtteil Ortaköy. An der Uferstraße staut sich der Verkehr, die Menschen flanieren im Abendlicht, strömen in die Restaurants des Ausgeh-Viertels am Bosporus, andere laufen zur Fähranlegestelle, um auf die asiatische Seite der Riesenstadt überzusetzen. An einer Brandmauer in melancholischen Farben die Werbung für eine neue Netflix-Serie: Der Club. Die türkische Serie bricht gerade Rekorde im Land, es geht um die Istanbuler Juden, um jüdisches Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren und um das Schicksal einer Minderheit in Zeiten, in denen das Türkisch-Sein, und damit zwangsläufig das Muslim-Sein, schon einmal große Konjunktur hatten in der Republik.

Es waren, wie immer für die Minderheiten in der modernen Türkei, schwierige Zeiten. Sie sind es heute noch. Die jüdische Minderheit schrumpft, nur noch rund 15000 Juden leben im Land mit seinen über 80 Millionen Einwohnern, die meisten in Istanbul und Izmir. Das jüdische Leben in der Türkei - es wird nicht nur marginal. Es verschwindet. Langsam, aber sicher.

Auf das weiße Stahltor gegenüber der Brandmauer mit der Netflix-Werbung achtet kaum einer der Passanten, allenfalls die Sicherheitsleute fallen beim Vorbeigehen ins Auge. Hinter dem Tor liegt die Etz-Ahayim-Synagoge, eines von den rund zwei Dutzend jüdischen Gotteshäusern in Istanbul. Im Saal haben sich an diesem Abend ein gutes Dutzend Gemeindemitglieder versammelt, vorne neben dem achtarmigen Chanukka-Leuchter steht ein großformatiger Bildschirm: Es ist der Auftakt des jüdischen Lichterfestes. Gemeindevertreter aus den Synagogen von Çanakkale, Ankara, Gaziantep, Antakya und Edirne melden sich, jüdische Schulen, Krankenhäuser, Altersheime werden zugeschaltet, Kinder singen. Man wünscht sich ein gesegnetes Fest.

Jüdisches Leben ist weitgehend vergessen in der Türkei, auch in Istanbul

Wegen Corona können die Gemeindemitglieder nicht zusammenkommen zu Chanukka. "Also haben wir alle türkischen Gemeinden zusammengeschaltet", sagt Rabbiner Naftali Haleva. "Das ist wirklich einmalig, das haben wir noch nie getan." Doch die Gemeindemitglieder - die meisten von ihnen sind schon alt - bleiben bei aller Begeisterung unter sich, trotz der Einmaligkeit der Kommunikationsmittel des Digitalzeitalters.

Jüdisches Leben ist weitgehend vergessen in der Türkei, auch in Istanbul, wo die Gemeinden während des Osmanischen Reichs an beiden Ufern des Goldenen Horns und am Bosporus lebten, am Hof geschätzt waren. Ihre Vorfahren, meist Kaufleute und Handwerker, waren nach jahrzehntelanger Verfolgung 1492 von den katholischen Herrschern aus Spanien endgültig vertrieben. Der Sultan in Istanbul lud sie ein in sein Reich, daher sind die meisten türkischen Juden Sephardim, spanische Juden. Ein Teil der türkischen Juden spricht oder versteht zumindest bis heute Ladino, ein altertümliches Spanisch. Und die jüdische Wochenzeitung Şalom (dtsch. Schalom), Auflage 3000, hat bis heute eine eigene Ladino-Seite.

Victor Apalaçi, Filmkritiker bei Şalom, weiß, dass das jüdische Leben in der Türkei wohl kaum noch Zukunft hat. Umso mehr hofft er auf die Wirkung der Netflix-Serie "Der Club", vergleicht sie in seiner Experten-Euphorie mit Roots und Holocaust, Serien, die die von verlogenen Tabus und Schweigegelübden gedeckelten Gesellschaften der USA und der Bundesrepublik aufgerüttelt hatten. "Der Club ist sehr wichtig für die Türkei, sehr wichtig für uns Juden. Es ist der erste türkische Film, der ehrlich und detailliert über die jüdische Minderheit spricht". Was den breiten Erfolg der Serie ausmacht, liegt für den Kritiker auf der Hand: "Dieser Film riecht nach echtem Leben."

Die Vergangenheit der jüdischen Serienheldin ist ein No-Go-Thema

Die Handlung ist schnell erzählt. Im Istanbul der Fünfzigerjahre eröffnet ein Nachtclub. Ein genialisch-queerer Sänger und Entertainer bricht dort erfolgreich Tabus und Konventionen, aber die wirklichen Denk- und Redeverbote gelten bei ganz anderen Fragen als den schrillen Auftritten von Selim Songür. Das eigentliche No-Go-Thema ist die Vergangenheit der jüdischen Heldin Matilda. Sie hat - mit sehr gutem Grund - den Vater ihrer Tochter erschossen, kommt nach einer Amnestie frei, will nach Israel auswandern.

Sie trifft aber vor der Abreise ihre Tochter, die sie als Neugeborene ins Waisenhaus geben musste, übernimmt erst eher unwillig und dann leidenschaftlich die Verantwortung für Raşel. Die ist eine unbändige junge Frau geworden, die von Regeln und Konventionen so wenig hält, dass sie mit einem Bein bereits im Gefängnis steht.

Also heuert Matilda als Wäscherin und Büglerin im Club an, der gerade zum In-Ort der Stadt wird. Ihr Arbeitsvertrag ähnelt der Selbstverpflichtung zur Sklaverei, ausgeliefert den Machenschaften des sadistischen Managers und Überschurken Çelebi. Was sich da in klassischer Serienmanier abspult, sind die sich immer enger verflechtenden Leben der Figuren, das Drama, das - sehr türkisch - unausweichliche Leiden und Scheitern an der Liebe und am Leben.

Und das betrifft nicht nur die Jüdinnen Matilda und Raşel, sondern auch viele der Tänzerinnen, Schneiderinnern, Beleuchter und Köche und sogar den Club-Besitzer. Sie gehören Minderheiten an, sind Juden, Armenier oder Griechen. Die Türkei konnte sich aus dem Zweiten Weltkrieg heraushalten, erhob dennoch eine hohe "Kriegssteuer ". Die hatten vor allem die Minderheiten zu tragen. Es war Enteignung mit fiskalischen Mitteln, zugunsten der muslimischen Mehrheit . Dass sie in der neuen Republik politisch nicht gewollt waren, wussten und spürten die Minderheiten. Viele verleugneten ihre Herkunft. In der Serie verbietet der griechisch-stämmige Club-Betreiber seiner Mutter dann auch, ihre eigene Muttersprache zu sprechen.

All diese bis heute wirkenden Tabus und historischen Verwerfungen der modernen Türkei mit den Mitteln einer oft ansprechend gefühligen Serie zu präsentieren, ist schon ein Erfolg für sich, auch in Israel ist die Zustimmung hoch. Dass Der Club wirklich die aufrüttelnde Breitenwirkung von Holocaust oder Roots haben wird, wie sich das der Filmkritiker Apalaçi erträumt, ist in der Erdoğan-Türkei eher unwahrscheinlich. Aber zumindest eines der Dinge, die Apalaçi laut bedauert, könnte enden oder wenigstens sich zum Besseren wenden. "Das türkische Volk kennt die Probleme der Juden nicht", sagt er. "Das Leid der Juden in der Türkei kennen nur die türkischen Juden."

Der Club, sechs Folgen, auf Netflix.

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