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"Wilde Dynastien" im Ersten:Kuscheln für den Arterhalt

Erlebnis Erde

Pinguine, die ihr Junges verloren haben, wollen ein Küken kidnappen.

(Foto: WDR/BBC/Stefan Christmann)

Pinguin-Männchen bilden einen Brutkasten und werdende Eltern üben mit Schneebällen für die Ankunft ihres Nachwuchses. Die ARD zeigt die BBC-Fortsetzung von "Der Blaue Planet".

Lustiger Watschelgang, bizarres Verhalten, kegelförmiger Körper: Auf den ersten Blick sind Pinguine seltsame Tiere. "Das Torkeln und das Komisch-Sein" sind laut dem österreichischen Poeten Klaus Ender die hervorstechenden Eigenschaften. Aber nur, wenn man nicht lange genug hinschaut. Stefan Christmann hat elf Monate mit einem Filmteam in der Antarktis verbracht, um die flugunfähigen Vögel zu beobachten - und Erstaunliches erlebt.

Mit dem Regisseur Miles Barton und der Kamerafrau Lindsay McCrae hat der deutsche Fotograf und Kameraassistent Christmann eine Kolonie von 11 000 Kaiserpinguinen an der Atka-Bucht an der antarktischen Küste gefilmt. Nach der Eiablage übergeben die Weibchen den Männchen dort den Nachwuchs und gehen fischen, ein Rollentausch, der den Menschen als Vorbild für konsequent durchgezogene Elternzeiten dienen könnte. Wobei die Bedingungen bei den Pinguinen härter sind, und sie kriegen nicht mal Elterngeld. Zwei Monate lang brüten die Väter, ohne etwas zu fressen. Das Ei darf den Boden dabei nicht berühren, sonst gefriert es. Um die Übergabe nicht zu vermasseln, trainieren die Tiere, berichtet Stefan Christmann: "Wir haben gesehen, wie ein Paar mit einem Schneeball geübt hat, wie man ein Ei auf den Füßen balanciert."

Für die Produktion "Kaiser der Antarktis", die das Erste am 25. März zeigt, wohnte er zusammen mit Barton, McCrae und neun Forschern auf der Station Neumayer III in der Antarktis; es ist die zweite Folge der BBC-Reihe Wilde Dynastien. Die aufwendigen Dokus erzählen faszinierende Familiengeschichten über gefährdete Tierarten. Ein Machtkampf innerhalb einer Schimpansengruppe in Senegal, eine Löwenkönigin in Kenia, Wildhunde in Simbabwe und Tiger in Indien. Wie schon bei der BBC-Reihe Der Blaue Planet betrieb das Team extremen Aufwand, um in extremen Umgebungen extreme Szenen einzufangen.

337 Drehtage verbrachte Stefan Christmann mit dem BBC-Team in der Antarktis, bei Temperaturen bis zu minus 44,3 Grad. 62 Tage lang ging im antarktischen Winter die Sonne nicht auf, es wüteten Schneestürme mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Wie können Pinguine in dieser Umgebung überleben? "Unser roter Faden war die Dynastie", sagt Christmann, "uns hat interessiert, wie die Vögel es schaffen, ihre Art zu erhalten." Im Unterschied zu Schimpansen oder Löwen stehen bei der Pinguin-Folge keine einzelnen Tiere im Vordergrund; in einer Kolonie kann man schlecht Individuen herauspicken, ohne die Tiere zu markieren. Es gibt strenge Vorgaben, niemand darf sich den Tieren weiter als fünf Meter nähern.

Stefan Christmann war schon zum zweiten Mal für längere Zeit in der Antarktis, 2012 hatte er einige Monate für ein Forschungsprojekt auf der Neumayer-Station verbracht. Eigentlich arbeitet er als Elektronik-Entwickler für Autos; Expeditionen sind seine Leidenschaft. Die größte Herausforderung war nicht das Wetter, sondern die Isolation, schließlich war er fast ein Jahr lang von seiner Familie getrennt.

Umso spannender waren für ihn die Vorgänge in der Pinguin-Großfamilie. Vor der Paarung vollführen die Vögel einen eleganten Tanz. Im Schneesturm schließen sich die Männchen zu einem gemeinsamen Brutkasten zusammen, in dessen Mitte es bis zu 30 Grad warm wird. Die geschlüpften Küken treffen sich in Kuschelgruppen, wenn die Eltern sie alleine lassen. Ein besonders ungewöhnliches Verhalten konnten die Tierfilmer erstmals dokumentieren, als einige Kaiserpinguine im Schneesturm die Orientierung verloren und mit ihren Küken in eine Eisschlucht stürzten - und sich durch eine Klettertechnik befreiten. "Erstaunlich, wie sie mit ihren Krallen als Steigeisen und den Schnäbeln als Eisaxt wieder herausgekommen sind", berichtet Christmann.

Doch ein paar Küken schafften es nicht, sie rutschten immer wieder in die Schlucht zurück. Dokumentarfilmer greifen selbst nicht ein - an diesen Kodex halten sich Tierfilmer normalerweise eisern, auch wenn ein Tier stirbt. Doch beim Anblick der flauschigen Küken, die in der Schlucht zu erfrieren drohten, kamen Christmann und seine Kollegen ins Grübeln. "Im Winter gibt es keine natürlichen Feinde der Pinguine an Land, und im Sommer wären die toten Küken von einer dicken Eisschicht überdeckt gewesen, sodass letztlich kein anderes Lebewesen vom Tod der Küken profitiert hätte", sagt Christmann, "überdies kann die Rettung eines Kükens bedeuten, dass es für die nächsten 30 Jahre Nachkommen hervorbringen kann, was der Gesamtpopulation dieser gefährdeten Tierart natürlich sehr dienlich ist." Das Team griff ausnahmsweise ein - und baute eine Rettungsrampe.

Wilde Dynastien , Das Erste, montags, 20.15 Uhr, Folge eins: "Revolte der Schimpansen".

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