Debatte um Kinderkanal-Sendung Bei aller Liebe

Das deutsch-syrische Paar Malvina (links) und Diaa wurde nach Gewaltandrohungen unter Polizeischutz gestellt.

(Foto: KIKA)

Eine Doku über die Beziehung zwischen einer jungen Deutschen und einem Flüchtling hat eine Debatte ausgelöst. War der Film zu unkritisch? Oder war der Streit eine konzertierte Aktion? Eine Einordnung.

Von Susanne Höll

Wenn an diesem Donnerstag in Frankfurt der Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks zusammenkommt, wird als Gast auch Paul Kirchhof erwartet. Der frühere Verfassungsrichter will seine Ideen zur Transparenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darlegen. Kirchhofs Vortrag samt Diskussion dürfte dauern. Auch deshalb wird es aller Voraussicht nach in der Sitzung keine Debatte über ein Thema geben, das zumindest Teile der Öffentlichkeit seit ein paar Wochen erregt: Der Streit um die Dokumentation Malvina, Diaa und die Liebe über die Beziehung eines deutschen Mädchens zu einem syrischen Flüchtling, die schon vergangenen November im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal (Kika) ausgestrahlt wurde. Ausgelöst wurde er durch zumindest ein Versäumnis der Redaktion, vor allem aber durch eine offenkundig gezielt gesteuerte Empörungswelle seitens der AfD.

Auch der Vorsitzende des HR-Rundfunkrats Harald Brandes befasst sich mittlerweile persönlich mit dem Disput und will ihn, wie er sagt, selbstverständlich in den Aufsichtsgremien ausführlich diskutieren. Am Montag kommender Woche würden sich die Mitglieder des Fernsehausschusses damit beschäftigen. Brandes, der 2013 als Vertreter der Hessischen Handwerkskammern in den Rat kam und ein bodenständiger, unaufgeregter Mensch ist, prophezeit, dass es wohl noch weitere Beratungen geben wird, in den hessischen Gremien sowieso, vielleicht sogar auf höheren Ebenen. "Es gibt viel Aufregung und etliche Fragen", sagt Brandes. Schließlich berühre die Dokumentation ein "schwieriges gesellschaftliches Thema". Brandes meint damit das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen in Deutschland.

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Dem widmete sich die Dokumentation aus der Reihe Schau in meine Welt auf ganz eigene und sehr persönliche Weise. Malvina und Diaa entdecken in dem halbstündigen Film schnell kulturelle Differenzen. Sie zieht keine kurzen Röcke mehr an, weil er das nicht schätzt, verzichtet auch auf Schweinefleisch. Ein Kopftuch will sie, die sich als "christliche Emanze" versteht, allerdings nicht tragen. Der junge Syrer macht aus seinen traditionellen Vorstellungen im Film keinen Hehl, glaubt, wie er sagt, an die Bedeutung seiner religiöser Regeln. Schwierige Umstände, keine Frage.

Hätten die von Diaa verbreiteten Einstellungen nicht hinterfragt werden müssen?

Ausgestrahlt wurde die Dokumentation in Redaktionsverantwortung des HR am Abend des 26. November um 20.35 Uhr, gerichtet, wie der HR erklärt, an die Älteren unter den jungen Zuschauern. Auf der Kika-Website wurde das Alter von Diaa mit 17 Jahren angegeben, ein verhängnisvoller Fehler, wie sich wenig später zeigen sollte. Denn der junge Syrer war, wie der Sender später mit Bitte um Entschuldigung mitteilte, zur Zeit der Aufnahmen bereits 19 Jahre alt, inzwischen hat er seinen 20. Geburtstag gefeiert. Als er Malvina im hessischen Fulda kennenlernte, war er 17.

Für etliche Kritiker der Sendung bot dieses Versäumnis eine öffentlichkeitswirksame Angriffsfläche. Denn die Protestwelle nahm ihren Lauf erst nach dem vielbeachteten Verbrechen im rheinland-pfälzischen Kandel: Ein syrischer Flüchtling zweifelhaften Alters erstach seine Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt. Ein Blog aus der rechten Szene zog Anfang Januar wegen der Altersfrage eine erste Verbindung zwischen der Doku und der Bluttat in Kandel. Am 8. Januar twitterte der AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Spaniel: "Skandal - Rührselige Seifenoper. Kika-Propaganda für Beziehungen mit moslemischen Flüchtlingen." Seither sind nach Darstellung von HR-Rundfunkratschef Brandes etliche Hunderte Protestschreiben zu der Doku eingegangen, alle mit gleichlautendem Text. Brandes spricht von einer gesteuerten Aktion; wer genau dahinter steckt, könne er freilich nicht sagen. Malvina und Diaa wiederum wurden nach Drohungen aus der rechtsextremen und der salafistischen Szene unter Polizeischutz gestellt.

Brandes bekommt aber auch individuelle Zuschriften von Menschen, bei denen die Doku und die anschließenden Debatten Fragen ausgelöst haben. Darin geht es um die Zweifel, die auch andere Kommentatoren inzwischen beschäftigen. Hätten die von Diaa verbreiteten kulturellen Vorstellungen von Frauen und dem Verhältnis der Geschlechter nicht kritisch beleuchtet werden müssen? Verschwieg die Dokumentation die besonderen Schwierigkeiten, die eine Liebschaft zwischen jungen Menschen mit sehr unterschiedlicher Herkunft in sich bergen kann?

Der Hessische Rundfunk hat sich den Protesten gestellt. Er veröffentlichte eine Liste mit Fragen und Antworten zur Doku und widerspricht dem Vorwurf, die Beziehung beschönigt zu haben. Sowohl Malvina als auch deren Eltern hätten die Probleme dieser Verbindung benannt.

Gut möglich, dass manche Vertreter im Rundfunkrat die Dinge anders sehen. Brandes jedenfalls richtet sich auf kontroverse Debatten ein. Bei den Politikern im Wiesbadener Landtag zumindest ist keine Aufregung über diesen Fall zu spüren. Dort ist die AfD bislang nicht vertreten. Bei Brandes hat sich, wie er selbst sagt, bisher nicht ein einziger Politiker gemeldet.

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