"Deadlines" auf ZDF Neo:Verwendung gesucht

DEADLINES

Lustig und unlustig: Franzi (Llewellyn Reichman,v. l.), Jo (Salka Weber), Lena (Sarah Bauerett) und Elif (Jasmin Shakeri) gehen in ihrer alten Schule auf einen Trip.

(Foto: Anne Wilk/ZDF)

Die Serie "Deadlines" erzählt fantastisch von vier Frauen um die 30.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Früher fand Lena Heiraten faschistisch, jetzt singt sie "Von guten Mächten wunderbar geborgen" in die Kamera, Hochzeitsverkündungsvideo nennt man so was. Aber sagt man Gott oder Göttinnen? Alles kompliziert heute. So eine korrekte Wohlstandswelt kann ja schnell kippen und da trifft es sich gut, dass es klingelt. Hoffentlich sind diesmal Pastinaken in der Gemüsekiste. Vor der Tür stehen aber keine Pastinaken, sondern ihre drei engsten Freundinnen aus der Schulzeit, Elif, Franzi und Jo. Was gleichbedeutend ist mit: Abi 2005, Take That, Gameboys, Pillen und Kontrollverlust.

Die achtteilige ZDF-Neo-Serie Deadlines setzt in dem Moment ein, als Elif (Jasmin Shakeri), eine scheißgern fluchende Frau mit Hip-Hop-Sozialisation, Investment-Karriere und Bindungsstörung zurück in die Heimat kommt und Kontakt mit ihren Freundinnen von früher aufnimmt. Die vier sind in den späten Neunzigern/frühen Nullerjahren in Frankfurt-Goldstein aufgewachsen, zusammen auf die Schule gegangen und nun im Lebensabschnitt der Desillusionierung angekommen. Lena (Sarah Bauerett) ist damit beschäftigt, ihren CO₂-Fußabdruck klein zu halten (daher das Pflegekind) und ihre Beziehung zu zerdenken (daher die faire Hochzeit mit fair produzierten Ringen). Noch zwanghafter ist Franzi (Llewellyn Reichman), Influencerin mit provencefarbener Bettwäsche, sie hat das Sperma ihres Verlobten untersuchen lassen und plant ihr Leben in einem Handykalender. Jo (Salka Weber) ist die Kaputte. Sieht aus wie Rihanna, ist aber verarmt und nicht krankenversichert. Ihr bester Satz: "Wahrscheinlich gibt es einfach keine offizielle Verwendung für mich."

Die Frage nach der offiziellen Verwendung stellt sich ja leider fast immer, wenn es im Fiktiven oder im Realen um Frauen um die 30 geht. Siehe dazu auch der Titel: "Deadlines". Während Elif reumütig einen Exfreund stalkt, dessen Kind sie abgetrieben hat, lässt Franzi ihre Eizellen in der Kinderwunschklinik zählen. Jo raucht Bong und Lena bietet mit ihrer angezweifelten Hochzeit den recht klassischen Rahmen für die Geschichte der Vier, die mit recht klassischen Themen zugange sind: Wohlstand und Wohlstandsskepsis, Attraktivität und Fortpflanzung, Kontrollwahn und Betäubungsmittel.

Jede versucht, die zu werden, die sie einmal sein wollte

Wie gut, dass die Entwicklung der Charaktere so unklassisch verläuft, wie man es selten sieht in Serien, zumal in deutschen. Elif, Lena, Jo und Franzi sind lustig und unlustig, sie sind schön und haben Pickel, finden sich "geil" und zweifeln an sich. In erster Linie aber verstricken sie sich in teilweise extrem gut geschriebene Dialoge über "Patriarchalkapitalismus" oder den "Bündnisfall" Freundschaft und werfen mit Verweisen auf die Zeit von Sarah Connor, R. Kelly und Bauchnabelpiercings um sich. Ein Konzept, das Streamingmenschen aus Nostalgie-Serien wie Stranger Things vertraut ist.

Die Drehbücher hat Johannes Boss gemeinsam mit Nora Gantenbrink geschrieben. Boss, der die Serie auch entwickelt hat, wurde als Autor von Comedy-Formaten wie Jerks bekannt, Gantenbrink ist Redakteurin beim Spiegel. Manche Szenen sind so temporeich und übervoll an Wortspielen, Pointen und Zitaten, dass man fast meint, die Dialoge noch einmal spießig nachlesen zu müssen, um auch alles mitzubekommen.

Und obwohl auch mal die ein oder andere Szene überladen ist und man irgendwann verstanden hat, dass niemand so schön "Was laberst du?" sagen kann wie Elif, schaut man den Frauen gerne dabei zu, wie sie nach ihrer offiziellen Verwendung suchen. Wie sie Drogen nehmen, tindern, fremdgehen, Geld schnorren, Geld raushauen, die selbstgemalten Bilder der Kinderwunschärztin verachten und in ihrem Ich-Limbo versuchen, die zu werden, die sie einmal sein wollen.

Einmal fragt Franzi ihre Freundin Jo: "Soll ich dein Lifecoach sein?" Jo: "Ich muss vorher noch einen kiffen." Wenn das mal keine offizielle Verwendung ist.

Deadlines, ab 9. Juli in der ZDF-Mediathek und ab 13. Juli um 23.15 Uhr auf ZDFneo.

© SZ/cag
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