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Datingshow:Liebe auf den ersten Schritt

Das britische Fernsehen verkuppelt Menschen beim "Flirty Dancing".

Von Cathrin Kahlweit

Das Remake des Kinohits Dirty Dancing von 2017 war ein Megaflop; Kritiker nannten den Film eine "hölzerne Musical-Soap". Kaum jemand wollte die von RTL aufgewärmte Romanze zwischen der braven Frances aus gutem Hause und Johnny, dem verarmten Tanzlehrer, sehen. Der britische Fernsehsender Channel 4 hat jetzt eine Tanz- und Flirtshow ins Leben gerufen, die mit dem Filmtitel spielt - und auch ansonsten ziemlich seifig ist. Beim Publikum kommt Flirty Dancing aber ungleich besser an.

Singles studieren separat eine Choreografie ein - und sollen dann zusammen tanzen

Das Prinzip: Zwei Singles auf Partnersuche, die sich noch nie gesehen haben, studieren getrennt voneinander mit dem professionellen Tänzer und TV-Moderator Ashley Banjo, der selbst seit Jahren in Talent- und Tanzshows auftritt, die gleichen Moves, den gleichen Tanz ein. Dann werden sie, vor laufender Kamera, unbekannterweise aufeinander losgelassen und sollen gemeinsam zeigen, was sie gelernt haben. Die Idee: Liebe auf den ersten Schritt. Die Begegnung zweier Fremder als Tanz ohne Worte, Körperlichkeit ohne nervigen Smalltalk, und wenn es gutgeht und der Funke fliegt, dann entsteht aus Bewegung und Begegnung: eine Beziehung. Vorspiel mit Musik also.

Fremdschämen oder fremdfreuen? Nicht bei allen Kandidaten der britischen TV-Show Flirty Dancing fliegt beim tänzerischen Kennenlernen der Funke.

(Foto: Channel 4)

Es gab und gibt Dutzende TV-Formate, in denen gekuppelt wird, was das Zeug hält: beim Kochen, in den Ferien, auf Bauernhöfen, beim Partnertausch und per Anmache auf offener Bühne. In Flirty Dancing wird die Liebe der Briten zu Tanzshows ausgespielt; Strictly Come Dancing etwa, ein Format der BBC, ist eine der populärsten Shows im Königreich, bei der Freiwillige mit Profis kombiniert werden und gegeneinander antreten. Das Ganze ist zusehends zu einem semiprofessionellen Tanzwettbewerb mutiert und funktioniert ähnlich wie die RTL-Show Let's Dance, die inzwischen zwölf Staffeln hinter sich hat.

Bei Channel 4 hingegen sollen es Laien mit Tanzen versuchen, die alle Dating-Apps erfolglos hinter sich gebracht haben und endlich mal wieder etwas Analoges ausprobieren wollen. So was kann schiefgehen, tut es oft auch. James etwa, der gern Schlagzeug spielt und eine Herztransplantation hinter sich hat, trifft auf Jaz, die einen Mann sucht, der abends, wenn sie müde nach Hause kommt, für sie den Teekessel anmacht. Interessant sind beide nicht, höchstens einsam. Das Flirty Dancing der beiden findet auf einem vom Sender inszenierten Konzert statt, bei dem James erst trommelt, und sich dann, nachdem er die Sticks theatralisch zu Boden geworfen hat, als Partner von Jaz zu erkennen gibt, die suchend im Raum umherschaut, wer wohl ihr Tänzer sein mag.

Die beiden tanzen, wie man eben tanzt, wenn man untrainiert und unbegabt ist und ein paar Stunden lang mit einem Coach ein paar Schritte einstudiert hat. Nach dem Tanz dürfen sie sich nicht etwa unterhalten, kennenlernen, und - im besten Falle - flirten. Sie werden stattdessen, das ist das zweite Prinzip der neuen Kuppelshow, weggeführt und zum späteren Kennenlernen gebeten. Nur, wenn sie sich auch wiedersehen wollen, wird ein neuer Termin vereinbart. Dann aber ist irgendwie schon die Luft raus. Aber es kann auch gutgehen, und dann entwickelt diese kitschige, gewollte, von einer einzigen, romantischen Idee lebende Show einen ganz zauberhaften Sog.

Dan und Luke zum Beispiel, beide bärtig und nicht ganz schlank, beide um die 25, beide auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, sehen sich erstmals auf den Stufen eines herrschaftlichen Gebäudes. Rücken an Rücken, Musik setzt ein, Luke legt Dan den Arm um die Schulter, dreht ihn zu sich herum und, ach - der Rest zeigt zwei sehr glückliche Männer. Und man verzeiht ihnen gern, dass sie nicht tanzen können.

© SZ vom 30.01.2019
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