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Zeitung des deutschen Bundestags:"Das sind keine 18-Jährigen, die uns abonnieren."

Vor seiner Zeit als Chefredakteur sei das aber noch extremer gewesen, erzählt er. Früher hätten Fraktionen wohl Praktikanten beauftragt, nach Veröffentlichungen Zeilen zu zählen. Um zu prüfen, ob die eigene Partei auch genug Platz bekommen hat. Es gibt noch andere Besonderheiten beim Parlament: Jörg Biallas und seine zehn Redakteure schreiben keine Kommentare. Meinungsstücke kommen nur von Gastautoren. "Wir sind Protokollanten des politischen Geschehens." Die Texte: sachlich, nüchtern, schnörkellos.

709 Abgeordnete gleich 709 Herausgeber. Und jede Fraktion soll gleich viel zu Wort kommen

Biallas ist aber kein Unparteiischer ohne Haltung, natürlich nicht. Das merkt man zum Beispiel, wenn er darüber spricht, dass er sich vor ein paar Jahren mit dem damaligen türkischen Parlamentspräsidenten angelegt hat. Damals ging es um eine Türkei-Ausgabe seiner Zeitung, Erdoğan-Kritik inklusive. Der Beschwerdebrief kam direkt aus Ankara. Jörg Biallas schrieb persönlich zurück, "dann war Ruhe", sagt er und grinst, als wäre ihm gerade ein genialer Streich gelungen.

Das Parlament gibt es seit 1951. Die Zeitung hat eine Auflage von 57 000, davon werden 14 000 Exemplare verkauft, der Rest liegt in Schulen, Bibliotheken, Universitäten und Kasernen aus. Das Erstaunliche: Im Gegensatz zum bundesweiten Print-Rückgang wächst die Auflage sogar leicht. Leser seien vor allem ältere Menschen, sagt Biallas, die sich sehr für Politik interessieren und weniger mit dem Internet anfangen können. "Das sind keine 18-Jährigen, die uns abonnieren."

Die Büros sind in der Bundestagsverwaltung, manche Redakteure sind verbeamtet - auch Biallas. "Wir sind letztlich eine öffentlich-rechtliche Zeitung", sagt er. Links von seinem Schreibtisch steht ein Bild von zwei Männern im Regal. Der eine ist Hans-Dietrich Genscher, der andere Jörg Biallas, der damals für die Mitteldeutsche Zeitung im Einsatz war. Dort hat er vor dem Bundestag gearbeitet. Und davor? "Ich war Profivolleyballer und habe mich mit Anfang 20 am Knie verletzt." Volontariat bei den Westfälischen Nachrichten, dann Redakteursdienst, später zog es ihn zur Mitteldeutschen, wo er auch Chefredakteur war.

Immer wieder spricht er von "sogenannten" sozialen Medien, als wäre das ein Fremdwort.

Das Parlament wolle anderen großen Blättern keine Konkurrenz machen, sagt Biallas nun in seinem Büro, das sei bei manchen Themen ohnehin nicht möglich. Wie viele Leser hat wohl ein Text über die 23. Runde im Landwirtschaftsausschuss über die Ferkelkastrationsverordnung schon?

Man muss sich diese Frage stellen, um zu verstehen, dass es nicht leicht ist, das Parlament auf Instagram zu präsentieren. Demokratie lässt sich schlecht bebildern, Ausschüsse haben wenig Hochglanzpotenzial. Klar ist aber auch, Biallas und sein Team machen längst nicht mehr nur Zeitung. Sie haben ein E-Paper, liefern Texte für die Webseite des Bundestags und schreiben circa 1000 Newsletter im Jahr.

Nicht nur Biallas Arbeit hat sich also in den vergangenen Jahren stark verändert. Wer aber nach seinen Social-Media-Profilen sucht, findet: nichts. Darauf angesprochen sagt er, dass er sich wegen seines besonderen Jobs lieber mit Meinungen zurückhalte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Biallas skeptisch ist. Immer wieder spricht er von "sogenannten" sozialen Medien, als wäre das ein Fremdwort.

Warum hat der Bundestag eigentlich immer noch keinen Facebook-Account? Für den Chefredakteur gibt es vor allem zwei Baustellen. Soziale Medien seien auf Interaktion ausgelegt. Aber was soll der Bundestag antworten, wenn er nach einer Einschätzung zu einem Thema gefragt wird? "Es gibt mindestens so viele politische Meinungen, wie es Fraktionen gibt."

Instagram? Demokratie lässt sich schlecht bebildern, Ausschüsse haben wenig Hochglanzpotenzial

Das andere Problem ist der Datenschutz. Das Bundesland Sachsen-Anhalt hat seine Facebookseite erst vor Kurzem wieder vom Netz genommen. Als Begründung wird eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs genannt. Demnach ist der Betreiber einer professionellen Facebook-Seite gemeinsam mit Facebook für die Verarbeitung der Daten der Besucher der Seite verantwortlich und kann zur Verantwortung gezogen werden. "Ich finde das ein starkes Argument", sagt Biallas. Twittern sei unproblematischer. Er lässt es trotzdem lieber.

Jeden Dienstag wird beim Parlament um halb zwei konferiert. Dafür geht es in den Glaskasten im Erdgeschoss, wo sonst auch die Besucherklassen sitzen. Der Reihe nach erzählen die erfahrenen Redakteure und wenigen jungen Redakteurinnen, was für die Seiten geplant ist. Untersuchungsausschuss, Treuhand, Grundsteuer, Organspende-Reform. Irgendwann womöglich auch so, dass auch ein junges Publikum bitte nicht einschläft.

© SZ vom 10.07.2019/tmh
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