Schweizer Verlag Tamedia:"Regime des Mobbings"

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Das Tamedia-Verlagsgebäude in Zürich. (Foto: imago stock/Travel-Stock-Image)

Machtmissbrauch, Beleidigungen, Sexismus: Eine Journalistin erhebt Vorwürfe gegen das Medienhaus.

Von Isabel Pfaff

Die Journalistin Anuschka Roshani, 57, ist geborene Berlinerin. Sie begann ihre Karriere beim Spiegel, dann wechselte sie nach Zürich, um dort von 2002 bis 2022 für Das Magazin zu arbeiten, eine der renommiertesten Publikationen der Schweiz. Das Blatt erscheint als Samstagsbeilage der Tageszeitungen, die die Tamedia-Gruppe herausgibt. Tamedia gehört zu den vier großen Medienkonzernen der Schweiz, auch die Süddeutsche Zeitung kooperiert mit dem Verlagshaus.

In der jüngsten Ausgabe des Spiegel erhebt Roshani in einem Gastbeitrag schwere Vorwürfe gegenüber Finn Canonica, bis Juni 2022 Chefredakteur des Magazins. Canonica habe "ein Regime des Mobbings" installiert. Roshani schreibt von "verbalen Herabsetzungen", etwa der Unterstellung, sie habe sich journalistische Leistungen mit Sex erschlichen. Auch ihre Herkunft soll eine Rolle gespielt haben. In Deutschland geläufige, aber in der Schweiz unübliche Wörter habe Canonica in ihren Texten mit Hakenkreuzen markiert.

Roshani schreibt, dass sie ihre Situation "seit 2010 mehrfach gegenüber verschiedenen Stellen" bei Tamedia geschildert habe - ohne Erfolg. 2021, als knapp 80 Tamedia-Journalistinnen dem Verlag in einem Brief vorwarfen, er toleriere sexistisches Verhalten, war Roshani unter den Unterzeichnerinnen.

Im Sommer 2022 verkündete Tamedia, dass Finn Canonica das Magazin verlassen werde. Kurz darauf entließ Tamedia auch Anuschka Roshani. Die Journalistin reichte im November Klage gegen das Verlagshaus ein - "wegen Verletzung der Fürsorgepflicht aufgrund sexistischer Diskriminierung und Mobbings".

Der Spiegel schreibt, er habe die Anschuldigungen Roshanis geprüft, die Recherche stütze die Vorwürfe und lasse sie insgesamt plausibel erscheinen. Die Redaktion hat auch den Beschuldigten und Tamedia mit einem Fragenkatalog konfrontiert. Demnach antwortete Finn Canonicas Anwalt: "Die Vorwürfe treffen nicht zu und werden vehement bestritten." Tamedia wiederum teilte dem Spiegel mit, der Verlag habe die Vorwürfe "sehr ernst genommen und akribisch prüfen lassen". Doch eine externe Untersuchung habe die Vorwürfe von Roshani "zum überwiegenden Teil" nicht bestätigen können.

Der SZ liegt darüber hinaus eine interne Stellungnahme der Tamedia-Geschäftsleitung an die Belegschaft vom Sonntag vor. Darin räumen Geschäftsführer Andreas Schaffner und Geschäftsleitungsmitglied Mathias Müller von Blumencron ein, "dass es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben hat und dass die Aufklärung in diesem Fall zu lange gedauert hat".

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