"Das Lyrische Quartett":Unterm Packeis des Kanons

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"Das Lyrische Quartett": Die Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert ist bisher für ihre Prosa bekannt. In der Sendung geht es nun auch um ihre Gedichte.

Die Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert ist bisher für ihre Prosa bekannt. In der Sendung geht es nun auch um ihre Gedichte.

(Foto: Ayse Yavas/Diogenes Verlag)

Über Gedichte kann man nicht streiten? Aber bitte! Deutschlandfunk Kultur sendet das erste "Lyrische Quartett".

Von Marie Schmidt

Man hätte sich ja an nur eines gewöhnen können in den letzten Jahren: Dass man, der Coronapandemie wegen, plötzlich an so vielen entlegenen Ereignissen an verschiedenen Orten teilnehmen konnte, weil man sie nach Hause gestreamt bekam. Heute eine Lesung aus Berlin, gestern ein Vortrag in Marbach, morgen eine Performance in München. Treffpunkte besonders glühender Kenner waren lange vor der Pandemie die Abende, an denen im Münchner Lyrikkabinett über Gedichte diskutiert wurde: "Das Lyrische Quartett" hieß die Reihe und ihre Entsprechung am Literaturarchiv Marbach "Lyrik lesen - Gedichte im Gespräch".

Jetzt wird erhalten, was in all den Lockdowns zu lernen war und diese Formate bekommen endlich ein größeres Publikum: Deutschlandfunk Kultur sendet künftig mal aus München, mal aus Marbach die Fusion "Das Lyrische Quartett - Gedichte im Gespräch". Die Sendung ist ein Joint Venture der Stiftung Lyrikkabinett, des Deutschen Literaturarchivs und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Zusammen gehen sie einem besonders schrecklichen Vorurteil an den Kragen: dass Gedichte besonders reine Sprachkunstwerke sind, über die man nicht streiten kann. Dass die neue Radioshow nach der legendär krawalligen Literatursendung im ZDF heißt, muss ein Versprechen sein.

In der ersten Folge, die im Münchner Lyrikkabinett aufgezeichnet wurde, stört als erste die Journalistin und Schriftstellerin Elke Schmitter die Seligkeit des Podiums über die Welt- und Systemdichtung der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, die 2009 gestorben ist: "Die Sprache ist eben nicht die Verlängerung der Natur", wendet Schmitter gegen die poetologische Anlage von Christensens Lyrik ein, "genau das ist falsch! Sprache ist etwas Kulturelles, Sprache ist etwas Menschliches, Sprache ergibt sich aus dem pragmatischen Umgang damit und aus dem Verständnis des Anderen." Damit ist gleich zu Anfang der ersten Sendung ein ästhetischer Grundkonflikt aufgerissen, über dem man leicht unversöhnlich werden könnte.

Man grenzt sich ab von der Bildsprache Herbert Grönemeyers

Das geschieht dann doch nicht. Moderiert von Barbara Wahlster interpretieren der Schriftsteller Jan Bürger, der Germanist Frieder von Amon und Schmitter ihre Gegenstände nach allen Regeln der Kunst. Und auch die Auswahl für die erste Sendung ist optimal: Mit dem Gespräch über Inger Christensen leisten die Vier erstmal Arbeit am Kanon. Auf diese Dichterin beziehen sich, so wird gesagt, die deutschen Lyrikerinnen und Lyriker, die heute den Ton angeben: Monika Rinck, Jan Wagner, Nico Bleutge.

Die Generationen-Einteilung ist alleine ein interessantes Ergebnis des Quartetts. Sie entsteht auch in Abgrenzung zu einer jüngeren Generation, die hier durch den Debütband der Schweizer Schriftstellerin Simone Lappert vertreten ist: "unterm packeis des kanons regen sich wutpartikel", heißt einer ihrer Verse. Lappert, 1985 geboren, ist bisher für ihre Prosa bekannt. Mit dem ersten Gedicht, das die Sprecherin Brigitta Assheuer in der Sendung vorliest, bringt sie Herbert Grönemeyer als Intertext ins Gespräch. Von dessen Bildsprache grenzen sich die Kritiker allfällig ab. "Amour fou" heißt es: "andere haben flugzeuge im bauch, / du nur leere landebahnen. / seit heute streiken sämtliche lotsen, / bis anhin ohne forderung."

So ein Gedicht geht auch beim Hören ein und macht die Diskussion danach transparent. Lyrik kann aber auch sehr vom Schriftbild abhängig sein oder vom wiederholten Lesen, dann darf man sich im Nachvollzug vertrauensvoll den Experten dieser Runde überlassen. Sie sind als Kritikerinnen und Kritiker alle nicht von der emphatisch-genüsslichen Sorte. Aber vor der muss man sich sowieso hüten, gerade wenn es um Gedichte geht. Da ist der Kunst-Verehrer-Kitsch nie weit.

Es dürfte sogar noch etwas didaktischer zugehen in diesem Quartett

Nüchtern aber tief beeindruckt sprechen Schmitter, Bürger und von Amon schließlich mit Barbara Wahlster über den letzten Gedichtband des irischen Dichters Matthew Sweeney. Er sieht, und seine Leser sehen, darin den Tod herannahen: "Niemand weiß, wohin ich gehe / nicht einmal ich." Sweeney, in diesem Band, wie es heißt, zu zurückhaltend übersetzt vom Büchnerpreis-Träger Jan Wagner, starb 2018.

Womöglich dürfte man mit einem größeren Publikum als dem der örtlichen Lyrik-Institutionen etwas didaktischer über Lyrik sprechen, die Zugänge etwas stärker vereinfachen, als es die drei Diskutanten der ersten Sendung tun. Und es kommt natürlich darauf an, wer nach der bewundernswert pointierten Elke Schmitter demnächst als Gast geladen wird. Die zweite Folge wird am 6. Juli in Marbach aufgezeichnet.

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