Süddeutsche Zeitung

"Das Ende einer Nacht" im ZDF:Mann gegen Frau, Aussage gegen Aussage

Zwei Eheleute vor den Trümmern ihres Lebens. Er soll sie vergewaltigt haben. Das ZDF-Justizdrama "Das Ende einer Nacht" erzählt eine Geschichte, deren Grundstruktur jeder zu kennen scheint. Doch der Regisseur Matti Geschonneck macht etwas Großes daraus - auch, weil er die Phantasie des Zuschauers nicht unterschätzt und es um mehr geht, als die bloße Frage der Gerechtigkeit.

Es gibt nichts Schlimmeres im Kino, als den Anfang eines Films zu verpassen. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Journalisten, als den Auftritt seines Gesprächspartners zu verpassen. Wie einer geht, wie einer sich in der Öffentlichkeit bewegt, wie weit einer bereit ist, einem Fremden sein privates Ich zu zeigen, kann man oft schon in den ersten Sekunden beobachten. Jetzt gehören die ersten Sekunden ihm.

Denn Matti Geschonneck ist bereits da. Von der Tür aus gesehen sitzt er auf der Rückseite des Lokals vor einem Aquarium. Groß, unerschütterlich, ruhig. Hinter ihm Zierfische: klein, wendig, bunt. Neben ihm steht ein geflochtener Korb, nicht das übliche Requisit für einen Regisseur. Er hat noch Altpapier weggebracht und keine Lust gehabt, den Korb wieder in die Wohnung zu bringen. Er kann sich das hier erlauben, mit einem altmodischen Korb herumzulaufen. Sie kennen ihn, dieses Gebiet zwischen Scheunenviertel und Spandauer Vorstadt ist sein Kiez, in der Alten Schönhauser Straße hat schon sein Großvater als Nachtwächter gearbeitet.

Das Lokal, ein Vietnamese - warme Farben, viel Holz, Bänke und Tische in Kubusform -, ist nicht ganz voll. Nach der Begrüßung steht Geschonneck auf und zeigt auf einen Tisch im Eck: "Da hinten ist es besser." Die Bedienung trägt lächelnd Gläser und Teller. Nach ein paar Minuten an dem Tisch im Eck sagt er: "Vielleicht ist es dort unter dem Regal schöner." Die Bedienung trägt höflich Gläser und Teller. Wenige Augenblicke später fällt sein Blick auf zwei Gäste, die von einem Tisch näher am Fenster aufstehen. Er steht ebenfalls auf und zeigt - groß, unerschütterlich, ruhig - auf diesen Tisch. Die Vietnamesin trägt etwas verwirrt Gläser und Teller. Er ist ganz entspannt. Er sieht eben Dinge, die andere nicht sehen. Er empfindet vor anderen, dass sie stören könnten. In seinem Beruf muss man konkrete Vorstellungen haben, wie etwas zu sein hat. So einfach ist das.

Matti Geschonneck würde diese Szene in einem Film natürlich völlig anders erzählen. Wenn er einen Menschen zeigen würde, der in den kleinen Dingen ihre große Bedeutung erkennt, würde er ihn nicht mehrmals dasselbe tun lassen. Nach dem zweiten Tisch würden die Zuschauer wissen, dass es schwer ist, den Protagonisten zufriedenzustellen, und dass es sich lohnt, auf die Details zu achten. Die Geschichte müsste auf einer anderen Ebene weiterlaufen, nur würden die einzelnen Sequenzen des Gesprächs an verschiedenen Tischen stattfinden. Das würde reichen. "Man muss weglassen können", sagt er. Und: "Ich glaube, dass die Phantasie des Zuschauers stärker in Bewegung gerät und es einen Film spannender macht, wenn man nicht immer alles sieht, was passiert."

"Filme dürfen auch langsam sein"

Das ist eigentlich schon die ganze Wahrheit. Denn im Film kann man besser als in fast allen anderen Kunstformen weglassen. Verstehen tut man trotzdem alles - wenn man's richtig macht. Richtig macht man's, wenn vor allem auch das Bild, die Stimmung, die Musik und der Rhythmus die Geschichte vorantreiben. Und nicht nur die Schauspieler mit ihrem Spiel. "Filme dürfen auch langsam sein und Gedanken verschweigen. Was gemeint ist, wissen die Zuschauer doch längst aus Filmen, in denen jeder Gedanke ausgesprochen wird." Eigentlich geht es immer um zwei Fragen: Was ist das Geheimnis? Und wie erzeugt man Spannung? Fast überflüssig zu erwähnen, dass Geschonneck versucht, die Spannung aus den Personen heraus zu erzählen - und nicht von außen. Wenn es also eine Erfolgsformel gäbe, die dies alles bündelt, dann ist Matti Geschonneck dieser Formel auf die Spur gekommen.

Er hat ja auch ein wenig Zeit gehabt, dies alles zu entdecken. 59 Jahre ist er jetzt, macht Filme seit mehr als 25 Jahren, hat den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen (zweimal), den Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, den Grimme Preis, den Deutschen Fernsehpreis, die Goldene Kamera (letztes Jahr und dieses Jahr) und jetzt noch ein zweites Mal den Grimme-Preis (für Liebesjahre). Und das immer mit Filmen, die nie anbiedernd waren: mit Psychodramen, mit anspruchsvollen Fernsehfilmen, mit eigenwilligen Thrillern, ernsthaft erzählt, auf die Personen konzentriert und ohne dramaturgischen Schnickschnack. Er müsste mit seinem Können und seiner Lebensleistung längst im Mittelpunkt stehen - doch er wirkt stets, als sei er am Rande, fast ein wenig unbeteiligt. Das gilt vor allem auf den glitzernden Bühnen des Filmgeschäfts. Selbst wenn es nur um ihn geht, steht er gerne am Rande. Im Mittelpunkt am Rande.

"Sehen Sie sich eigentlich gerne selbst im Fernsehen?" Er antwortet schnell, es muss ihn beschäftigt haben. "Nein, nein. Als ich mir die Verleihung der Goldenen Kamera noch einmal angeschaut habe, hab' ich gedacht: Mein Gott, was für ein Trumm läuft da! Was für ein Seemannsgang!"

Gute Geschichten sind meist einfache Geschichten

So ist das, wenn Menschen Dinge sehen, die andere nicht sehen. Die vor anderen erkennen, was stören könnte. Er lächelt entspannt. Er geht meist nur noch zu diesen Festen, wenn er unbedingt muss. Das heißt, wenn er nominiert ist. Im Moment muss er oft gehen.

Am Montagabend, in dem Fernsehfilm Das Ende einer Nacht, geht es um ein Ehepaar, das die Liebe verloren hat. Er, ein millionenschwerer Düsseldorfer Unternehmer (schillernd, bedrohlich, charmant: Jörg Hartmann) liebt seine Frau mehr als sie ihn. Das kann nicht gutgehen, die Ehe ist am Ende. Jetzt geht es nur noch darum, aus den Trümmern des gemeinsamen Lebens heil herauszukommen. Eine einfache Geschichte. Aber gute Geschichten sind meist einfache Geschichten.

Jeder kennt die Grundstruktur: Eine Frau erstattet Anzeige gegen ihren Mann, er soll sie vergewaltigt haben. Der Mann streitet das ab. Ein Gericht muss ein Urteil sprechen, was schwer ist, denn es ist nicht zu beweisen, wer recht hat. Es gibt keine Zeugen, nur Mann und Frau, Aussage gegen Aussage. Wer sich an den bekannten Fall eines Fernsehmoderators erinnert fühlt, der liegt nicht falsch. Allerdings wurde der Film Das Ende einer Nacht vor den Ereignissen um den früheren ARD-Wettermoderator entwickelt und geschrieben. So aufregend für die Öffentlichkeit der Fall Kachelmann im vergangenen Jahr war - aufregender und spannender ist, was Magnus Vattrodt (Buch) und Matti Geschonneck (Regie) zu diesem Thema eingefallen ist.

Denn sie zeigen gerade nicht, wie die vielen bekannten Vergewaltigungsfilme der Vergangenheit, die Geschichte des Opfers oder des Täters. Sondern sie zeigen die Geschichte zweier starker Frauen, die, jede auf ihre Weise, die Wahrheit herausbekommen wollen und mit den Folgen dieser psychologisch schmerzhaften Suche zu kämpfen haben.

Das Ende der Nacht ist also in Wirklichkeit so etwas wie ein Western. Auf der einen Seite der staubigen Arena, die hier im Düsseldorfer Schwurgerichtssaal liegt, steht die Rechtsanwältin Eva Hartmann (unterkühlt, verletzlich und unterschwellig brodelnd: Ina Weisse). Sie verteidigt ihren Mandanten hartnäckig, fast skrupellos und mit allen Mitteln der juristischen Kunst. Auf der anderen Seite die Richterin Katarina Weiss (vordergründig weich, aber unbarmherzig: Barbara Auer). Sie, die Richterin, bringt alle nur denkbaren prozessualen Waffen in Stellung, um dem selbstsicheren und fast ein wenig überheblichen Angeklagten das Leben zur Hölle zu machen. In diesem Spiel hat sie es schwerer: Sie muss die Wahrheit wissen, denn sie muss ein Urteil fällen. Der Verteidigerin reichen Zweifel.

Mehr als eine Frage der Gerechtigkeit

Beide Frauen merken schnell, dass es nicht nur um Wahrheit und Gerechtigkeit geht, sondern um die Grundlagen ihrer Überzeugungen als Frau: den Männern und dem männlich geprägten System gegenüber. Die Justizmaschinerie und die Aufgabenverteilung im Prozess macht sie fast zu so etwas wie Feindinnen - und nur langsam, während auf beiden Seiten die professionelle Distanz bröckelt, merken sie, dass selbst sie als kluge und alle Tricks kennende Frauen Opfer sind - und auf einer ganz anderen Ebene vergewaltigt werden.

Das ist großartig erzählt. Geschonneck inszeniert dieses Kammerspiel wie einen Tanz ohne festgelegte Choreographie, er kann schließlich seinen beiden Hauptdarstellerinnen vertrauen, in deren Gesichtern die entscheidenden Bewegungen vor sich gehen. In großen Bögen nähern sich die beiden an, treffen immer wieder vor Gericht kurz aufeinander, beißen sich mit blitzschnellen Wortwechseln, kreisen dann wieder um sich und um ihr Leben, das sie so verletzt hat, und merken erst mit der Zeit, wie die Frage, ob der Angeklagte nun wirklich ein Vergewaltiger ist, sie vorantreibt bei der Überprüfung ihrer Haltung zu Männern generell. Eine schmerzhafte Prüfung.

Alles ist Licht, Klang und Atmosphäre (Kamera: Judith Kaufmann). Ständig ist die Kamera in Bewegung und betont, plötzlich ruhig, den Zweikampf, der durch knappe Dialoge scharfe Umrisse erhält. Jede neue Einstellung führt zu winzigen Verschiebungen in den Überzeugungen der Charaktere, Schritt für Schritt wird eine neue Facette der Geschichte freigelegt. Das ist das wahre Kunststück dieses eleganten Films: Bei aller Entschlossenheit, mit der die Figuren ihren Weg gehen, ist in jeder Szene auch das Aufbrechen des Bisherigen zu hören, das sich aus der Verschiebung der Figuren zueinander ergibt. Man muss den beiden Heldinnen nur ins Gesicht schauen, um zu erkennen, worum es bei dieser Wahrheitssuche vor allem geht: um Niederlagen und Hoffnungen, um Liebe und Selbstachtung. Und um die Suche nach der inneren Kraft, das Schicksal in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen.

Ein Ende in Schweigen

Wenn man Geschonnecks Leben in den beiden deutschen Staaten mit zwei dicken Balken kennzeichnen würde, dann wäre der Balken, der seine Zeit im Westen beschreibt, um einiges länger: Er lebt jetzt schon sieben Jahre länger im Westen, als er im Osten gelebt hat. Dabei gibt es wohl kaum einen Namen, der mehr an den Osten erinnert als Geschonneck.

In der DDR gab es zwei Schauspieler, die von den Leuten auf der Straße mit Vornamen angesprochen wurden. Manne - das war Manfred Krug. Und Erwin - das war Erwin Geschonneck. Erwin Geschonneck war in der DDR das, was in der Bundesrepublik Heinz Rühmann war: ein berühmter Volksschauspieler, ein Charakterdarsteller, ein Berliner mit unverkennbarer Schnauze. "Mein Vater", sagt der Sohn, "war einer, mit dem man sich identifizierte, den man mochte, den man achtete. Erwin spielte den kleinen Mann, der eigentlich keine Chance hat und trotzdem pfiffig ist, der sich wehrt und es schafft. Erwin war der Inbegriff des proletarischen Schauspielers."

Matti Geschonneck kann das durchaus mit Distanz betrachten. Denn seine Mutter, die Schauspielerin Hannelore Wüst, und der Vater trennten sich, als er gerade mal drei Jahre alt war. Mattis Ziehvater war dann ebenfalls eine DDR-Größe: der Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann. Einen Vater zu haben, der ein ganz Großer ist und den jeder kennt, kann erdrückend sein. Zwei Väter zu haben, die ganz groß sind und die jeder kennt, kann niederschmetternd sein. Matti Geschonneck haben die Väter nicht erdrückt, schon gar nicht niedergeschmettert. Er hat unter dem einen nicht gelitten und den anderen geliebt. Zwei Väter zu haben, kann auch die Chance auf Glück verdoppeln.

Dabei hätten die Lebensbahnen von Vater und Sohn nicht unterschiedlicher sein können. Erwin Geschonneck glaubte unerschütterlich an die Sache des Kommunismus, obwohl er dafür unter den Nazis ins KZ musste. Sein Sohn hingegen ging mit Wolf Biermann und dessen Leuten 1978 in den Westen. Was das in Menschen auslösen kann, ist nur zu erahnen. "Aber es war nie so etwas wie Hass zwischen uns, nur das Wissen, dass wir die Dinge sehr verschieden bewerten." Erwin Geschonneck starb 2008 mit 101, da hatten Vater und Sohn längst ihren Frieden miteinander gefunden. "Mein Respekt und meine Ehrfurcht waren immer da. Ehrfurcht vor allem vor einem Mann, der mehr als sechs Jahre KZ erlebt hatte."

Es gibt kein Schwarz und Weiß, bei niemandem

Vielleicht liegt in all diesen losen Enden seiner Biographie auch das Gespür dafür, dass alle Menschen, so heldenhaft und erfolgreich sie sein mögen, irgendwie auch beschädigte Figuren sind. Und dass die beschädigtsten Figuren, die Kriminellen, irgendwo auch eine Seite haben, mit der man leben könnte. Es gibt eben nicht Schwarz und Weiß, bei niemandem. Es gibt nur die Gewissheit, selbst dafür verantwortlich zu sein, was man ist.

Es ist spät geworden. Draußen hat es wieder angefangen zu regnen. Das Ende einer Nacht, sagt Matti Geschonneck in seiner bedächtigen Art, war nicht leicht zu Ende zu bringen, der Film könnte durchaus auch provozieren. Aber der Film macht das einzig Richtige: Er endet mit Schweigen. Mit einer Szene an einem Fußballplatz, im Regen, an einem Abend. Ina Weisse alias Eva Hartmann, diese erfolgreiche Anwältin, die sich zeit ihres Lebens auf ihren kaltblütigen Verstand verlassen konnte, wartet. Sie sitzt im Regen an einem Fußballplatz und wartet auf die Wahrheit. Sie war immer der Überzeugung, dass ein Verteidiger die Wahrheit nicht wissen muss. Aber sie kann in diesem speziellen Fall einfach nicht aufgeben: Sie will, vermutlich das erste Mal, Klarheit für sich haben, ob sie auf der richtigen Seite gekämpft hat. Das Schöne an diesem Schluss ist dann, dass er auch die Möglichkeit offen lässt, die Lüge bewiesen zu bekommen.

Draußen, in der Dunkelheit der Straße vor dem Lokal, spannen die Menschen die Regenschirme auf. Manche ducken sich unter Vordächer, andere schlagen die Kragen hoch. Nach einem festen Händedruck gehen er und die schlanke, hochgewachsene Frau die Alte Schönhauser Straße hinunter, das Straßenlicht spiegelt sich auf dem nassen Asphalt. Ina Weisse schiebt ein Fahrrad, sie hat Matti Geschonneck abgeholt. Er trägt den geflochtenen Korb, der so überhaupt nicht zu einem Regisseur passt. Es ist eine Szene, die Vertrautheit ausdrückt. Es ist eine Szene, die eine Geschichte erzählt. Kein Wunder, sie sind verheiratet.

Matti Geschonneck würde die Szene natürlich anders erzählen. Wahrscheinlich würde er sie weglassen. Der Regen aber, der würde ihm gefallen.

ZDF, Montag, 20:15 Uhr

Was sonst noch im TV läuft, erfahren Sie hier.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1318768
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.03.2012/rela
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.