"Das Ende einer Nacht" im ZDF Ein Ende in Schweigen

Die Klägerin Sandra Lamberg (Katharina Lorenz), einsam im Gerichtssaal. Geschonneck inszeniert dieses Kammerspiel wie einen Tanz ohne festgelegte Choreographie, er kann schließlich seinen beiden Hauptdarstellerinnen vertrauen.

(Foto: Martin Valentin Menke)

Wenn man Geschonnecks Leben in den beiden deutschen Staaten mit zwei dicken Balken kennzeichnen würde, dann wäre der Balken, der seine Zeit im Westen beschreibt, um einiges länger: Er lebt jetzt schon sieben Jahre länger im Westen, als er im Osten gelebt hat. Dabei gibt es wohl kaum einen Namen, der mehr an den Osten erinnert als Geschonneck.

In der DDR gab es zwei Schauspieler, die von den Leuten auf der Straße mit Vornamen angesprochen wurden. Manne - das war Manfred Krug. Und Erwin - das war Erwin Geschonneck. Erwin Geschonneck war in der DDR das, was in der Bundesrepublik Heinz Rühmann war: ein berühmter Volksschauspieler, ein Charakterdarsteller, ein Berliner mit unverkennbarer Schnauze. "Mein Vater", sagt der Sohn, "war einer, mit dem man sich identifizierte, den man mochte, den man achtete. Erwin spielte den kleinen Mann, der eigentlich keine Chance hat und trotzdem pfiffig ist, der sich wehrt und es schafft. Erwin war der Inbegriff des proletarischen Schauspielers."

Matti Geschonneck kann das durchaus mit Distanz betrachten. Denn seine Mutter, die Schauspielerin Hannelore Wüst, und der Vater trennten sich, als er gerade mal drei Jahre alt war. Mattis Ziehvater war dann ebenfalls eine DDR-Größe: der Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann. Einen Vater zu haben, der ein ganz Großer ist und den jeder kennt, kann erdrückend sein. Zwei Väter zu haben, die ganz groß sind und die jeder kennt, kann niederschmetternd sein. Matti Geschonneck haben die Väter nicht erdrückt, schon gar nicht niedergeschmettert. Er hat unter dem einen nicht gelitten und den anderen geliebt. Zwei Väter zu haben, kann auch die Chance auf Glück verdoppeln.

Dabei hätten die Lebensbahnen von Vater und Sohn nicht unterschiedlicher sein können. Erwin Geschonneck glaubte unerschütterlich an die Sache des Kommunismus, obwohl er dafür unter den Nazis ins KZ musste. Sein Sohn hingegen ging mit Wolf Biermann und dessen Leuten 1978 in den Westen. Was das in Menschen auslösen kann, ist nur zu erahnen. "Aber es war nie so etwas wie Hass zwischen uns, nur das Wissen, dass wir die Dinge sehr verschieden bewerten." Erwin Geschonneck starb 2008 mit 101, da hatten Vater und Sohn längst ihren Frieden miteinander gefunden. "Mein Respekt und meine Ehrfurcht waren immer da. Ehrfurcht vor allem vor einem Mann, der mehr als sechs Jahre KZ erlebt hatte."

Es gibt kein Schwarz und Weiß, bei niemandem

Vielleicht liegt in all diesen losen Enden seiner Biographie auch das Gespür dafür, dass alle Menschen, so heldenhaft und erfolgreich sie sein mögen, irgendwie auch beschädigte Figuren sind. Und dass die beschädigtsten Figuren, die Kriminellen, irgendwo auch eine Seite haben, mit der man leben könnte. Es gibt eben nicht Schwarz und Weiß, bei niemandem. Es gibt nur die Gewissheit, selbst dafür verantwortlich zu sein, was man ist.

Es ist spät geworden. Draußen hat es wieder angefangen zu regnen. Das Ende einer Nacht, sagt Matti Geschonneck in seiner bedächtigen Art, war nicht leicht zu Ende zu bringen, der Film könnte durchaus auch provozieren. Aber der Film macht das einzig Richtige: Er endet mit Schweigen. Mit einer Szene an einem Fußballplatz, im Regen, an einem Abend. Ina Weisse alias Eva Hartmann, diese erfolgreiche Anwältin, die sich zeit ihres Lebens auf ihren kaltblütigen Verstand verlassen konnte, wartet. Sie sitzt im Regen an einem Fußballplatz und wartet auf die Wahrheit. Sie war immer der Überzeugung, dass ein Verteidiger die Wahrheit nicht wissen muss. Aber sie kann in diesem speziellen Fall einfach nicht aufgeben: Sie will, vermutlich das erste Mal, Klarheit für sich haben, ob sie auf der richtigen Seite gekämpft hat. Das Schöne an diesem Schluss ist dann, dass er auch die Möglichkeit offen lässt, die Lüge bewiesen zu bekommen.

Draußen, in der Dunkelheit der Straße vor dem Lokal, spannen die Menschen die Regenschirme auf. Manche ducken sich unter Vordächer, andere schlagen die Kragen hoch. Nach einem festen Händedruck gehen er und die schlanke, hochgewachsene Frau die Alte Schönhauser Straße hinunter, das Straßenlicht spiegelt sich auf dem nassen Asphalt. Ina Weisse schiebt ein Fahrrad, sie hat Matti Geschonneck abgeholt. Er trägt den geflochtenen Korb, der so überhaupt nicht zu einem Regisseur passt. Es ist eine Szene, die Vertrautheit ausdrückt. Es ist eine Szene, die eine Geschichte erzählt. Kein Wunder, sie sind verheiratet.

Matti Geschonneck würde die Szene natürlich anders erzählen. Wahrscheinlich würde er sie weglassen. Der Regen aber, der würde ihm gefallen.

ZDF, Montag, 20:15 Uhr

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