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"Das Ende einer Nacht" im ZDF:Gute Geschichten sind meist einfache Geschichten

So ist das, wenn Menschen Dinge sehen, die andere nicht sehen. Die vor anderen erkennen, was stören könnte. Er lächelt entspannt. Er geht meist nur noch zu diesen Festen, wenn er unbedingt muss. Das heißt, wenn er nominiert ist. Im Moment muss er oft gehen.

Das Ende einer Nacht

Der Polizeikommissar Ralf Benning (Bernhard Schütz, l.) findet die verängstigte Sandra Lamberg (Katharina Lorenz, r.). Zeugen gibt es nicht, wem glaubt man hier?

(Foto: ZDF und Martin Valentin Menke)

Am Montagabend, in dem Fernsehfilm Das Ende einer Nacht, geht es um ein Ehepaar, das die Liebe verloren hat. Er, ein millionenschwerer Düsseldorfer Unternehmer (schillernd, bedrohlich, charmant: Jörg Hartmann) liebt seine Frau mehr als sie ihn. Das kann nicht gutgehen, die Ehe ist am Ende. Jetzt geht es nur noch darum, aus den Trümmern des gemeinsamen Lebens heil herauszukommen. Eine einfache Geschichte. Aber gute Geschichten sind meist einfache Geschichten.

Jeder kennt die Grundstruktur: Eine Frau erstattet Anzeige gegen ihren Mann, er soll sie vergewaltigt haben. Der Mann streitet das ab. Ein Gericht muss ein Urteil sprechen, was schwer ist, denn es ist nicht zu beweisen, wer recht hat. Es gibt keine Zeugen, nur Mann und Frau, Aussage gegen Aussage. Wer sich an den bekannten Fall eines Fernsehmoderators erinnert fühlt, der liegt nicht falsch. Allerdings wurde der Film Das Ende einer Nacht vor den Ereignissen um den früheren ARD-Wettermoderator entwickelt und geschrieben. So aufregend für die Öffentlichkeit der Fall Kachelmann im vergangenen Jahr war - aufregender und spannender ist, was Magnus Vattrodt (Buch) und Matti Geschonneck (Regie) zu diesem Thema eingefallen ist.

Denn sie zeigen gerade nicht, wie die vielen bekannten Vergewaltigungsfilme der Vergangenheit, die Geschichte des Opfers oder des Täters. Sondern sie zeigen die Geschichte zweier starker Frauen, die, jede auf ihre Weise, die Wahrheit herausbekommen wollen und mit den Folgen dieser psychologisch schmerzhaften Suche zu kämpfen haben.

Das Ende der Nacht ist also in Wirklichkeit so etwas wie ein Western. Auf der einen Seite der staubigen Arena, die hier im Düsseldorfer Schwurgerichtssaal liegt, steht die Rechtsanwältin Eva Hartmann (unterkühlt, verletzlich und unterschwellig brodelnd: Ina Weisse). Sie verteidigt ihren Mandanten hartnäckig, fast skrupellos und mit allen Mitteln der juristischen Kunst. Auf der anderen Seite die Richterin Katarina Weiss (vordergründig weich, aber unbarmherzig: Barbara Auer). Sie, die Richterin, bringt alle nur denkbaren prozessualen Waffen in Stellung, um dem selbstsicheren und fast ein wenig überheblichen Angeklagten das Leben zur Hölle zu machen. In diesem Spiel hat sie es schwerer: Sie muss die Wahrheit wissen, denn sie muss ein Urteil fällen. Der Verteidigerin reichen Zweifel.

Mehr als eine Frage der Gerechtigkeit

Beide Frauen merken schnell, dass es nicht nur um Wahrheit und Gerechtigkeit geht, sondern um die Grundlagen ihrer Überzeugungen als Frau: den Männern und dem männlich geprägten System gegenüber. Die Justizmaschinerie und die Aufgabenverteilung im Prozess macht sie fast zu so etwas wie Feindinnen - und nur langsam, während auf beiden Seiten die professionelle Distanz bröckelt, merken sie, dass selbst sie als kluge und alle Tricks kennende Frauen Opfer sind - und auf einer ganz anderen Ebene vergewaltigt werden.

Das ist großartig erzählt. Geschonneck inszeniert dieses Kammerspiel wie einen Tanz ohne festgelegte Choreographie, er kann schließlich seinen beiden Hauptdarstellerinnen vertrauen, in deren Gesichtern die entscheidenden Bewegungen vor sich gehen. In großen Bögen nähern sich die beiden an, treffen immer wieder vor Gericht kurz aufeinander, beißen sich mit blitzschnellen Wortwechseln, kreisen dann wieder um sich und um ihr Leben, das sie so verletzt hat, und merken erst mit der Zeit, wie die Frage, ob der Angeklagte nun wirklich ein Vergewaltiger ist, sie vorantreibt bei der Überprüfung ihrer Haltung zu Männern generell. Eine schmerzhafte Prüfung.

Alles ist Licht, Klang und Atmosphäre (Kamera: Judith Kaufmann). Ständig ist die Kamera in Bewegung und betont, plötzlich ruhig, den Zweikampf, der durch knappe Dialoge scharfe Umrisse erhält. Jede neue Einstellung führt zu winzigen Verschiebungen in den Überzeugungen der Charaktere, Schritt für Schritt wird eine neue Facette der Geschichte freigelegt. Das ist das wahre Kunststück dieses eleganten Films: Bei aller Entschlossenheit, mit der die Figuren ihren Weg gehen, ist in jeder Szene auch das Aufbrechen des Bisherigen zu hören, das sich aus der Verschiebung der Figuren zueinander ergibt. Man muss den beiden Heldinnen nur ins Gesicht schauen, um zu erkennen, worum es bei dieser Wahrheitssuche vor allem geht: um Niederlagen und Hoffnungen, um Liebe und Selbstachtung. Und um die Suche nach der inneren Kraft, das Schicksal in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen.

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