Süddeutsche Zeitung

"Das Adlon" im ZDF:Zimmer mit Aussicht

Ein Jahrhundertstoff: Das ZDF erzählt die wechselvolle Geschichte des Berliner Hotels Adlon und seiner Betreiber - von der Gründung in der Kaiserzeit über vier politische Systeme und einen Krieg hinweg. Das gelingt.

Adlon verpflichtet. Hotel- Faction funktioniert. Und wir haben in diesem Land wirklich große Schauspieler. Also kann das ZDF zum Jahresauftakt die neuen Zwangsgebühren mit einer kleinen Sensation rechtfertigen: Viereinhalb Stunden großes Kino, verteilt auf drei Abende. Das ist nicht Bed & Breakfast.

Zur Kaiserzeit, als Wilhelm Zwo noch mittenmang durch das Brandenburger Tor geritten kam, weil er lieber bei Adlons logierte als in seinem zugigen Schloss, haben die Berliner den Namen Adlon französelnd nasal ausgesprochen aus lauter Ehrfurcht: Adlon oblige.

Heute haben wir es mehr mit dem Angelsächsischen. Das neudeutsche Faction (von englisch facts und fiction) bedeutet trotzdem nichts anderes als: Dichtung und Wahrheit. Ein immer schon probates, immer schon erlaubtes und gelegentlich geniales Erzählverfahren zur Dramatisierung von historischen, wahren Stoffen.

Verfolgung, Mord, Verrat , Bruderzwist

Mehr als zehn Jahre trug sich der Produzent Oliver Berben mit der Idee, diesen Film über das Berliner Adlon und die Adlons zu machen. Dann war klar, was diesen Film tragen könnte - von der Hotelgründung in der Kaiserzeit über vier politische Systeme und einen Krieg bis zum Nachbau und der Wiedereröffnung im Jahr 1997. Uli Edel (Buch und Regie) und Rodica Döhnert (Buch) haben in die - ohnehin schon aufregende und mit der deutschen Geschichte subtil verwobene - reale Familien- und Hotelgeschichte der Adlons den erfundenen Erzählstrang einer zweiten Familie geflochten. Sie bringt alles mit, was eine große Erzählung außerdem braucht: noch mehr Drama, ein Familiengeheimnis, Liebesgeschichten, politische Verwicklung, Verfolgung, Mord, Verrat , Bruderzwist, KZ, Ausbürgerung. Am Ende noch ein Familiengeheimnis, das die überraschende Wende bedeutet - und ein sehr trauriges Finale, das aber auch nur beinahe.

Die Hauptfigur Sonja Schadt (Josefine Preuß) hat einst im Adlon ihr Erbe abgewohnt in den Goldenen Zwanzigern, in der Nazizeit, im Krieg, als das Adlon Lazarett war, und auch noch zu DDR-Zeiten, als sie verbittert und traurig versucht, wenigstens einen kleinen Hotelbetrieb auf einer Etage der Adlon-Ruine aufrecht zu erhalten. Jetzt ist sie als alte Frau (Rosemarie Fendel) zur Eröffnung des neuen Adlons zurück gekommen und erzählt ihre Geschichte in die großen Stauneaugen eines neuzeitlich-weiblichen Hotelpagen hinein.

Als sie 1904 zur Welt kam, hat ihr zukünftiger Patenonkel Lorenz Adlon (Burghart Klaußner) gerade die Baugenehmigung für sein Luxushotel am Pariser Platz erhalten. Finanziert hat er seinen Hoteltraum mit dem Kredit seines besten Freundes Gustaf Schadt (Thomas Thieme), ein Kaufmann, der mit dem Handel von Rohstoffen und Gütern aus den deutschen Kolonien sehr reich geworden ist. Der große Thomas Thieme und Sunnyi Melles, die Gustaf Schadts bleiche, neurotische Frau Ottilie spielt, heben diese etwas zu lang geratene Exposition in etwas Zauberhaftes. Wie ein Vorspiel auf dem Theater.

Sonja ist das Kind der erst sechzehnjährigen Tochter der Schadts, von Alma (als junge Frau gespielt von Maria Ehrich, später von Anja Kling) und dem Sohn des Kutschers Friedrich Loewe (als Junge gespielt von Kai Malina, dann von Wotan Wilke Möhring). Um die Mesalliance zu vertuschen, nimmt die bleiche Mutter ihrer Tochter nach der Geburt das Kind weg und gibt es als das ihre aus. Die Kutscherfamilie muss das Haus am See verlassen. Vater Friedrich findet eine Stelle als Page im Adlon. Alma wird von ihrer Mutter verlobt mit einem jungen Adeligen, dem sie davonläuft, als sie sich bei einem Besuch im Adlon in die amerikanische Fotografin Undine Adams (Christiane Paul) verliebt.

Das Ende - ein wenig traumschiffhaft

Dann bricht der erste Weltkrieg aus. Sonja, die erst am Sterbebett ihres vermeintlichen Vaters erfährt, dass Mutter und Vater in Wahrheit Großvater und Großmutter sind, nimmt das Angebot ihres Patenonkel an, zusammen mit ihrer afrikanischen Vertrauten und Dienerin Galla nach Berlin ins Adlon zu ziehen und so ihren Erbteil "abzuwohnen". Die Geschichte nimmt jetzt Fahrt auf und Tempo.

Im Hotel Adlon taucht die ehrgeizige und attraktive Hedda Burger auf. (Marie Bäumer). Lorenz Adlons verheirateter Sohn und fünffacher Vater, Louis Adlon, verliebt sich in sie. Heino Ferch mit blondierter Nazifrisur bringt diesen Louis großartig und vielschichtig durch vier Jahrzehnte, mithilfe von fünf Perücken, vielen kleinen Silikonteilen und bewundernswerter Schauspielkunst.

Im Adlon beginnen die berauschten Goldenen Zwanziger mit Charleston, Champagner und Gigolos, die gegen Geld mit älteren Damen tanzen. Einer von ihnen, der jüngere Bruder des einstigen Zwangsverlobten der Mutter, ist sehr verliebt in Sonja. Sebastian von Tennen wird gespielt von Johann von Bülow, der, wie er erzählt hat, lange vergeblich geübt hat, für diese Rolle ein Monokel im Auge zu behalten. Bis sie es ihm schließlich angeklebt haben.

Sonja aber findet - unter den wunderbar wohlwollend liebenden Augen ihres zum Concierge aufgestiegenen Vaters Friedrich - die Liebe ihres Lebens: den jüdischen Barpianisten Julian Zimmermann.

"Um das Adlon durchs Dritte Reich zu bringen", gehen Louis und Hedda Adlon Kompromisse mit den neuen Machthabern ein. Die Speisekarte wird eingedeutscht, Ragou fin heißt jetzt Würzfleisch. Und überhaupt ist plötzlich alles ganz anders. Sehr verwickelt, atemraubend, dramatisch. Es bleibt spannend. Wie, das wird aber hier jetzt nicht verraten.

1952 jedenfalls kommt eine junge Frau aus Israel nach Ostberlin. Noch ein furchtbares Geheiminis wird entdeckt und die Geschichte nimmt noch einmal eine sehr überraschende Wendung, eigentlich zwei Wendungen.

Das Ende, die Auflösung der Rahmenhandlung, ist dann ein wenig traumschiffhaft süßlich. Als hätten plötzlich öffentlich-rechtliche Redakteure jetzt reingeredet ins feine Drehbuchgeschehen, weil Fernseh-Geschichten doch immer gut und versöhnlich ausgehen müssen. Anders mag es der Zuschauer ja angeblich nicht.

Was der Zuschauer wirklich nicht mag, jedenfalls nicht, wenn er Liebhaber von Luxushotels ist oder in Berlin lebt: Dass man immer trauriger wird, je länger man dieses prachtvolle Film-Adlon anschaut. Sie haben die großen Interieurs des alten Hotels wunderbar nachgebaut, den schwelgenden Luxus in kathedralenhohen Räumen, die es heute nicht mehr gibt. Weil dafür kein Platz mehr war in der schönen, neuen, durchrationalisierten Welt. Weil das neue Adlon hinter der schönen alten Historien-Kulisse ja unbedingt zwei Stockwerke mehr haben musste - für mehr Zimmer.

Das Adlon. Eine Familiensaga , ZDF, Sonntag, 6. Januar, Montag, 7. Januar und Mittwoch, 9. Januar jeweils um 20:15 Uhr. Im Anschluss am Sonntag, 6. Januar um 21:50 Uhr: "Das Adlon - Die Dokumentation" von Gero von Boem.

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SZ vom 05.01.2013/ihe
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