"Daredevil" auf Netflix:Kitsch und Katholizismus

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3) Daredevil überzeugt mit Symbolik und der richtigen Dosis Kitsch

Matt Murdock ist ein sehr wütender Mensch. Einer, für den das Anger-Management-Seminar zu spät kommt. Der Teufel sitzt ihm im Nacken, wie man so schön altmodisch und bildhaft sagt. Darin liegt ein weiterer Höhepunkt der Serie. Ihre aufgeladene Symbolsprache lässt kaum ein Klischee aus.

Teufel und Engel, im Vorspann umspült von Blut. Dann der Anwalt, ebenso blind wie Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit, und eine fürsorgliche Krankenschwester (Rosario Dawson), die den verletzten Helden wieder zusammenflickt. In Daredevil steckt Kitsch, aber in der richtigen Dosis.

Wo findet ein Mann, getrieben von Rachegelüsten und Sünde, seinen Frieden? Richtig. Im Beichtstuhl. Und dort beginnt auch die Serie: "Ich suche nicht nach Vergebung für das, was ich getan habe, Vater, sondern für das, was ich tun werde." Kitsch und Katholizismus erinnern an die frühen Filme von Martin Scorsese. Auch dort befinden sich die Getriebenen und Suchenden in einer Spirale aus Gewalt - nur im "Hexenkessel" statt in Teufels Küche.

4) Daredevil ist brutaler Film Noir

Pessimistisch, klaustrophobisch, düster. Das ist die Ästhetik von Daredevil. Und sie steht diesem Helden verdammt gut. Korrumpierte und kaputte Persönlichkeiten, wohin man schaut. Daredevil ist ein moderner Film Noir.

Die Stadt ist Heimat und Gefängnis zugleich. Die Straße bietet keinen Ausweg - außer die Konfrontation. So entwickelt sich ein Drama, dessen Konflikte nie friedlich gelöst werden, sondern immer noch mehr Gewalt nach sich ziehen. Dessen physische Präsenz manchmal eine nicht auszuhaltende Intensität erreicht. Ein wenig erinnert Daredevil dabei an die Welt von Sin City. Keine Überraschung, Autor Frank Miller ist an beiden Comic-Vorlagen beteiligt.

5) Der neue Daredevil lässt Ben Affleck vergessen

Daredevil rettet nicht nur die Nachbarschaft, er rettet auch sich selbst. Denn die neue Serie lässt den missglückten Spielfilm aus dem Jahr 2003 vergessen. Ben Affleck steckte damals im roten Lederanzug und selbst dieser Trash erfahrene Schauspieler half der schrägen Comicverfilmung nicht. Allein dieser Anzug! Und die Auftaktsprügelei in der Biker-Bar. Und diese Ledermäntel.

Eine vollkommen missglückte Ästhetik, entstanden unter dem überwältigenden Eindruck, den der erste Matrix-Teil in Hollywood hinterlassen hatte. All das ist nun vergessen. Daredevil darf sich neu erfinden. Und wir dürfen gespannt sein auf die Serien-Projekte von Netflix und Marvel, die da noch kommen mögen.

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