Crossmediale Serie Eine Frage der Nähe

Analoge Kommunikation: Chris Veres mit Milena Tscharntke in Druck.

(Foto: ZDF)

Die Erfolgsserie "Druck" geht in die dritte Staffel. Vor, nach und während der TV-Folgen kann das Publikum den Figuren im Internet folgen.

Von Michael Kohl

Samstag, 00:02 Uhr, Hausparty. Alkohol und Gras vernebeln Matteo und seinen Kumpels das Gehirn, sie diskutieren über eine Stellung beim Sex, die so geht: "Zusammen bildet man dann ein rechtwinkliges Dreieck." Es ist eine der ersten Szenen der dritten Staffel von Druck, die es vorab auf Youtube gibt. Ansonsten: alles streng geheim. Das hat gute Gründe: Ab sofort laufen immer freitagabends die Episoden der dritten Serienstaffel auf ZDFneo und Funk. Doch schon unter der Woche wird das Publikum mit Instagram-Bildchen, Whatsapp-Nachrichten und Youtube-Clips vorab versorgt.

Druck basiert auf dem norwegischen, weltweit erfolgreichen Original Skam, und erzählt von Schülern im Abi- und Liebesstress in Zeiten des Hormonwandels. Unter der Regie von Tom Lass, Pola Beck und Chris Miera geht es in der dritten Staffel um die Jungsclique um Matteo (Michelangelo Fortuzzi), Jonas (Anselm Bresgott), Abdi (Arda Goerkem) und Carlos (Louis Daniel) an einem Berliner Vorort-Gymnasium.

Die 100. Folge spielt also nicht nur an einem Montag um 08.05 Uhr, sondern wird um diese Zeit online hochgeladen, wenn die meist schulpflichtigen Zuschauer verschlafen in der Schulbank sitzen und die Grenzen ihres Datenvolumens ausreizen, um nicht den Wochenstart der fiktiven Mitschüler zu verpassen. Druck ist in Deutschland nicht das erste crossmediale Projekt, bei dem Geschichten über den Fernseher hinaus erzählt werden. Beim ZDF-Krimi Wer rettet Dina Foxx? konnte das Publikum 2011 schon online mitermitteln. 2013 konnte man bei der Arte-Produktion About:Kate das Leben der Protagonistin durch eigenes Material mitgestalten. Aber Druck nutzt die digitalen Kanäle anders. Weniger avantgardistisch, mehr als Vorschau. Whatsapp-Diskussion unter zwei fiktiven Schülerinnen über einen neuen Mitschüler: "Hä? Wer is das? Aber süß is er" - "Das is son neuer. . . Ich find den mega hot" - "Alter du stalkingqueen." Eine der großen Fragen im Vorfeld der dritten Staffel war es, wer der "deutsche" Even sein würde. Also der Typ, in den sich Matteo verliebt, und dessen Gesicht bereits am Montag in einem Clip enthüllt wurde. Seit der zweiten Staffel weicht die deutsche Version immer mehr vom Original ab, was zu wilden Spekulationen im Netz führt. Wer da bis zur Ausstrahlung am Freitagabend wartet, ist fünf Tage hinterher. Und fünf Tage können sehr lang sein.

Auf Instagram und Youtube toben bisweilen wilde Diskussionen über die neuen Posts zur Serie

Aber wird das auch genutzt? Die Abrufzahlen der Episoden sind doppelt so hoch wie die kurzen Clips auf Youtube, aber wie Milena Seyberth, die Content Leiterin (ZDF) bei Funk, beobachtet, nimmt die Diskrepanz zwischen diesen beiden Zahlen über die Staffeln hinweg ab. Das heißt: immer mehr verfolgen die Story nicht nur an einem festen wöchentlichen Termin im TV, sondern in Echtzeit im Netz. Auf Youtube hat die Serie 280 000 Follower, auf dem Instagram-Fanaccount 75 000.

"Trotzdem funktionieren die Folgen auch für diejenigen, die nicht jeden Tag auf Instagram und Whatsapp aktiv sind", sagt Seyberth. Nur ist man dann nicht auf der kreativen Seite - denn die Kommentare der Zuschauer im Netz können das Seriengeschehen ein wenig beeinflussen. Die grobe Story wird von einem Autorenteam festgelegt. Aber wenn dem Publikum falsche Details auffallen wie die Kleidung der Schauspieler ("Ein bisschen zu studentisch und zu wenig Schulhof"), wird das geändert. Manchmal sind es aber auch größere Eingriffe: Für die neue Staffel, die sich auch mit Matteos Coming-out beschäftigt, hat das Team, wie die Regisseurin Pola Beck berichtet, auf die Anregung eines Zuschauers reagiert und sich mit ihm ausgetauscht. Das Ergebnis will sie noch nicht verraten. "Die Fans bekommen alle Neuigkeiten zuerst, nicht die Presse." Und die Fans legen los, sobald ein neues Foto, ein neuer Clip gepostet wird.

Autorin Julia Penner sagt: "Es ist wie ein Echo. Innerhalb von 20 Minuten gibt es tausende Kommentare. Teils positive, teils lustige oder auch ganze Kontroversen, in denen sich die Fans gegenseitig regulieren. Wenn zum Beispiel rassistische oder homophobe Aussagen kommen, gibt es immer jemanden, der dagegenspricht." Druck erzeugt Diskussionen. Zurecht, sagt Pola Beck. "Eine Jugendserie muss es schaffen, dass die Leute darüber auf dem Pausenhof streiten und die Figuren hinterfragen." Im neuen Clip schiebt Matteo einer Freundin Gras unter, damit er nicht von der Polizei erwischt wird. Zündstoff.

Bemerkenswert ist auch, wie authentisch die Jugendlichen in der Druck-Clique miteinander sprechen und schreiben, wie unterhaltsam sie sich lieben und hassen. Da ist die Frage nach dem Medium gar nicht so entscheidend.