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Umstrittene Corona-Doku im Fernsehen:Wenn Peking die Bilder liefert

Zehn Millionen Menschen in Wuhan getestet: Kaum noch Infizierte

Corona-Tests in einer Grundschule in Wuhan. Dort nahm die Pandemie nach allem, was bisher bekannt ist, Ende vergangenen Jahres ihren Anfang.

(Foto: Xiao Yijiu/dpa)

Der SWR zeigt eine Doku über die ersten Wochen der Pandemie in Wuhan. Doch ein eigenes Team hat die beauftragte deutsche Produktionsfirma nicht nach China geschickt. Stattdessen griff sie auf Material der Propagandabehörden zurück.

Von Lea Deuber, Peking

Was geschah in Wuhan? Wann wussten Chinas Behörden, wie gefährlich das Coronavirus wirklich ist? Hätte die Pandemie verhindert werden können? Kaum ein Thema wird in den kommenden Jahren politisch so relevant werden, wie die ersten Wochen des Corona-Ausbruchs in Wuhan.

Nun versucht sich auch der SWR an der Aufklärung. "Kaum jemand weiß, was in der Zeit wirklich passiert ist", heißt es in der Ankündigung zu einer Dokumentation "Inside Wuhan", die am 15. Juni um 22:45 Uhr im Format "Story im Ersten" laufen soll.

Rekonstruiert werden soll die Chronik des Ausbruchs. Der Titel klingt, als habe sich der SWR für den Zuschauer auf Spurensuche begeben. Was in der Pressemitteilung auf der Internetseite des SWR zu der Dokumentation aber nicht steht: Die private "Gebrüder Beetz Filmproduktion", die den Film im Auftrag des SWR produziert hat, hat mit dem China Intercontinental Communication Center (CICC) zusammengearbeitet. Lediglich in den Copyright-Hinweisen der zwei Bilder des Onlinebeitrages ist das CICC genannt..

Hinter dem kryptischen Namen CICC steckt keine unabhängige Produktionsfirma, sondern eine Unterabteilung des Informationsbüros des chinesischen Staatsrats. Das heißt, die chinesische Zentralregierung. Bis 2011 war das Büro auch für die Internetzensur im Land zuständig, darum kümmert sich inzwischen eine andere Abteilung. Vor einigen Jahren sind die Bezeichnungen für diese Abteilung auf Englisch in "Büros für Öffentlichkeits- oder Informationsarbeit" umbenannt worden, weil das beim ausländischen Publikum besser ankommt. Auf Chinesisch heißt das Informationsbüro, zu dem das CICC gehört, immer noch: Propagandaministerium.

Die Interviews mit den chinesischen Virologen und Ärzten hat die Propagandaabteilung selbst gedreht

Das CICC hatte bei der Dokumentation eine "beratende Funktion", hat verschiedene Versionen des Manuskripts eingesehen und soll auch auf Änderungen gedrungen haben, wie mehrere Quellen unabhängig voneinander berichten. Die Bildaufnahmen aus China hat fast ausschließlich das CICC geliefert.

Der SWR wirbt mit den Interviewpartnern Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut, Hendrik Streeck vom Universitätsklinikum Bonn und Christian Drosten, die Stellung nehmen sollen zu den Ereignissen in Wuhan.

Ein eigenes Team hat die deutsche Produktionsfirma aber nicht nach China geschickt. Die Interviews mit den chinesischen Virologen und Ärzten im Januar und Februar hat die Propagandaabteilung selbst gedreht. Darüberhinaus gibt es in der Dokumentation keine Interviews mit unabhängig recherchierten Gesprächspartnern in China.

Korrespondenten der ARD, die formal vom NDR entsendet werden und vor Ort in Peking arbeiten, waren nicht eingebunden. Zwischen SWR und NDR soll es dadurch zu deutlichen Verstimmungen gekommen sein. In Hamburg soll man alles andere als glücklich sein über das Projekt. Auf eine Anfrage beim NDR antwortete Chefredakteur Andreas Cichowicz, "alle ARD-Anstalten können Dokumentation aus jedem Teil der Welt ins Programm bringen." Die Korrespondenten seien dagegen für die aktuelle und semi-aktuelle Berichterstattung zuständig. "Aus diesem Grund waren und sind unsere beiden Korrespondent*innen im Studio Peking in dieses SWR-Projekt nicht eingebunden und liefern auch keine Unterstützung für das Projekt."

Gegenüber der SZ rechtfertigt der SWR hingegen die Zusammenarbeit: "Wir waren uns der sehr sensiblen Materiallage bewusst und haben uns daher mit dem Produzenten auf ein äußerst gründliches Absichern aller Informationen verständigt, das über den üblichen Rechercherahmen hinausgeht." Bei der Frage, wie die Abmachung zwischen der Produktionsfirma und dem CICC genau ausgesehen hat, verweist der SWR aber auf die Produktionsfirma.

Auf eine Anfrage der SZ zur Kooperation mit dem CICC reagiert die Produktionsfirma bis Montagmorgen nicht. Christian Beetz, Gründer der Produktionsfirma, ist mehrfacher Grimme-Preisträger. ARD-Chefredakteur Rainald Becker erklärte, er habe den Ausführungen des SWR nichts mehr hinzuzufügen.

Die Regierung in Peking verfolgt in der Corona-Pandemie eine aggressive Propagandastrategie. Um von den Versäumnissen in Wuhan abzulenken, wettert sie in westlichen sozialen Medien gegen andere Staaten, attackiert Kritiker, unliebsame Medien und streut aktiv Falschnachrichten. Auch auf Ministerien in Deutschland und die EU haben chinesische Diplomaten versucht, Einfluss zu nehmen. Eine unabhängige Untersuchung im Land hat China hingegen abgelehnt, lediglich unter Aufsicht der Regierung soll eine Kommission in das Land reisen dürfen, was eine objektive Untersuchung fast unmöglich macht.

Herzen und Köpfe im Ausland gewinnen

Dass die chinesische Regierung ihre eigene Version der Ereignisse in Wuhan verbreiten kann, verdankt sie der medialen Expansion, die sie selbst betrieben hat. Seit mehr als zehn Jahren pumpt Peking mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr in internationale Sender, kauft Medien auf und startet Kooperationen. Herzen und Köpfe sollen im Ausland gewonnen werden, hat Parteichef Xi Jinping angeordnet.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen warnte bereits im vergangenen Jahr, dass China an einer "neuen Weltordnung der Medien" arbeite. Die Zusammenarbeit mit Sendern im Ausland spielt dabei eine wichtige Rolle. "Ein Boot leihen, um zur See zu fahren" nennt sich diese Taktik, sagt Mareike Ohlberg von der Denkfabrik German Marshall Fund in Berlin. In der Krise zahlt sich das aus: China nutze Kooperationen wie im Fall der SWR-Dokumentation, um seine Botschaften in die Welt zu bringen. "Auf chinesischer Seite existiert das Bewusstsein, dass ihre Kanäle weniger Glaubwürdigkeit besitzen. Deshalb nutzen sie ausländische Medien, die in ihren Ländern Vertrauen genießen," sagt Ohlberg.

ARD und ZDF haben schon mehrmals Material des CICC gesendet. Dabei ging es aber meist um deutlich unverfänglichere Wohlfühlthemen. Der NDR strahlte im November 2015 die Dokumentation "China von oben" aus mit Luftaufnahmen des CICC. Dieses Jahr zeigen das ZDF und Arte die Dokumentation "Die Farben Chinas", die durch die "jahrtausendalte Mythologie der Farben" führen soll. Letztere wurde ebenfalls von der Gebrüder Beetz Filmproduktion produziert. Zum Filmmaterial schreibt der SWR, man achte mit größter Sorgfalt auf die Unabhängigkeit solcher Produktionen, allerdings sei ein Vorgehen wie bei der Dokumentation über die Farben zu prüfen, wenn es keinen anderen Zugang zu Filmmaterial aus bestimmten Gebieten und Ländern gebe und bebilderte Berichterstattung journalistisch geboten sei.

Ohlberg betont, dass es verständlich sei, auf Material aus China zurückgreifen zu wollen, an das man sonst nicht kommt. Wuhan war wochenlang isoliert. Vor Ort arbeiteten zu einem Großteil nur Journalisten der Staatsmedien. Sie haben häufig das einzige Material. Die wenigen Aufnahmen von Toten und dem anfänglichen Chaos waren fast ausschließlich private Aufnahmen von Anwohnern, die Chinas Sicherheitsbehörden meist schnell verschwinden ließen. Bürgerjournalisten, die aus der Stadt berichteten, wurden verschleppt und mundtot gemacht, ihre Berichte zensiert.

Das Wirtschaftsmagazin Caixin als Beispiel für wertvolle Corona-Berichterstattung

"Es muss klar sein, dass das staatliche Material (von Chinas Regierung, Anm.d. Red.) genutzt wird, um Einfluss auf die ausländische Berichterstattung zu nehmen", sagt Ohlberg. Die direkte Zusammenarbeit ist aus Sicht der China-Expertin auch deshalb ärgerlich, weil man in der Krise gute Medienarbeit erlebt habe. Darunter die Recherchen des Wirtschaftsmagazins Caixin. Das unterliegt zwar auch der staatlichen Zensur, arbeitet aber deutlich unabhängiger und hat trotz der engen staatlichen Überwachung wichtige Erkenntnisse zu den ersten Wochen in Wuhan recherchiert.

Wenn man Material aus China angeboten bekommt, aber selbst nicht einschätzen kann, mit welcher Absicht dieses geteilt wird, sollte man lieber auf die Expertise der Korrespondenten vor Ort zurückgreifen, empfiehlt Ohlberg. Mit dem selbstgesetzten Anspruch der ARD an seine Dokumentationen - "Wir packen jedes Thema an" - dürfte die Wuhan-Dokumentation zumindest wenig zu tun haben. In den Leitlinien des SWR heißt es, "da jeder seinen Beitrag leistet, ist der SWR unabhängig von einzelnen Geldgebern, Investoren oder politischen Interessen. Das ist gut, denn so kann niemand Einfluss auf unsere Inhalte nehmen."

Der SWR schreibt in seiner Antwort, "Inside Wuhan" sei eine Dokumentation, "die übliche redaktionelle Abnahmeprozesse in unterschiedlichen Stadien der Entstehung des Films durchläuft und der redaktionellen Hoheit des SWR unterliegt." Der Film entspreche "Ansprüchen an unabhängigen Journalismus." In der Ankündigung zur Dokumentation stellt der Sender aber selbst die entscheidende Frage: "Wie verlässlich sind die Fakten?" Für den Zuschauer wird das in dieser Dokumentation kaum zu beantworten sein.

© SZ.de/olkl
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