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"Maybrit Illner" zur Coronakrise:Lindner will es nicht kapieren

Maybrit Illner im ZDF am 30.4.2020

FDP-Chef Christian Lindner in der Sendung Maybrit Illner im ZDF.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Der FDP-Chef versteht nicht, warum Wissenschaftler zuweilen heute das eine, morgen etwas anderes sagen. Der Virologe in der Runde muss mal wieder wissenschaftliche Selbstverständlichkeiten erklären.

Nachtkritik von Quentin Lichtblau

FDP-Chef Christian Lindner hatte am Donnerstagabend bei Maybrit Illner einiges geradezubiegen. Es war sein Vize Wolfgang Kubicki, der am Dienstag erklärt hatte, die Corona-Zahlen des Robert-Koch-Institutes (RKI) "vermitteln eher den Eindruck, politisch motivierte Zahlen zu sein als wissenschaftlich fundiert". Womit er sich zumindest rhetorisch in die Nähe all jener beförderte, die das Virus und die daraus folgenden Lockdown-Maßnahmen für einen weltumspannenden Geheimplan zur Schwächung der deutschen Produktivität halten.

Mit seinen Aussagen folgte Kubicki einem regelrechten Trend dieser Woche: Von Theater-Regisseuren bis zu schwäbischen Bürgermeistern, kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht jemand mit einem argumentativ, nun ja, interessanten Zwischenruf zu Wort meldet. Das ist natürlich erlaubt, es wäre nur schön, diejenigen hätten zuvor einen Moment lang nachgedacht. Wolfgang Kubicki eingeschlossen.

Maybrit Illner also fragte Lindner, warum Kubicki seine Verständnisfragen nicht lieber im Dialog mit der Wissenschaft klärt, bevor er einen solch verschwörerischen Ton anschlägt. Lindner meint, sein Parteifreund habe damit lediglich die eigenartige Kommunikationsstrategie des Instituts kritisieren wollen, die sich auch ihm nicht immer erschließe.

Der Wissenschaftler in der Runde, der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg, muss also mal wieder ganz Grundsätzliches erklären: Die Wissenschaft befinde sich auf neuem Terrain. Dementsprechend müsse sie sich und die Forschung ständig hinterfragen, nachbessern und lerne schlicht dauernd dazu. Eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit, die auch in dieser Sendung auf die weit verbreitete Haltung in der Politik prallt, dass eine Meinungsänderung nur mit Wankelmut, Prinzipienuntreue oder Verrat am Wähler erklärt werden kann.

Das Thema der Sendung sollte eigentlich ein anderes sein: "Die Politik macht auf - die Unsicherheit bleibt?" Neben Lindner und Schmidt-Chanasit sitzen darum SPD-Familienministerin Franziska Giffey und Pädagogin Katharina Saalfrank in der Runde.

Im späteren Verlauf wird noch der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio hinzugeschaltet. Der zitiert gleich einen weiteren schrägen Satz der vergangenen Tage: Wenn jemand mit Aussagen à la "da sterben Menschen, die sowieso sterben müssen" an die Öffentlichkeit trete (er meint den grünen Tübinger Bürgermeister Boris Palmer) sei das ein "verfassungsrechtlich prekärer Tonfall", sagt di Fabio. Ein alter Mensch habe schließlich das gleiche Recht zu leben wie ein junger.

Einer Aussage wie der von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, wonach dem Schutz des Lebens in der derzeitigen Krise nicht alles andere untergeordnet werden dürfe, schließt di Fabio sich allerdings an. Zu Beginn der Pandemie habe es eine "grundrechtliche Schutzpflichtlage" gegeben. In solchen Lagen dürfe der Staat nicht nur mit intensiven Grundrechtseingriffen handeln, er müsse es sogar. Diese Phase sei aber nun an ihrem Ende, nun müsse abgewogen werden, welche Freiheiten wieder möglich seien - selbst wenn ein hundertprozentiger Viren-Schutz darunter wohl leiden würde. Di Fabio vergleicht die Lage mit den jährlich 3000 Verkehrstoten, die ja auch toleriert würden, damit Mobilität möglich bleibt.

Pädagogin Saalfrank lenkt den Blick auf den Alltag in den Familien. Die seien am Ende. Sie habe natürlich Verständnis für die Corona-Maßnahmen. Die Politik müsse aber wahrnehmen, dass ein In-Einklang-Bringen von Home-Office und Kinder-Beschulung schlicht unmöglich sei. "Das halten die Familien nicht mehr lange durch", mahnt sie.

Lindner hat keine Angst vor zweiter Welle

Lindner nickt hier heftig. Er will Kindern baldmöglichst wieder die nötigen Freiheiten zum Spielen und Lernen ermöglichen. Schließlich gingen ihnen gerade große "Entwicklungschancen" verloren. Zuvor hatte er noch verkündet, dass niemand ihm "Angst mit einer zweiten Welle" machen könne. Die Krankenhäuser seien ja nun vorbereitet, die Bürger hätten sich an die Hygienemaßnahmen gewöhnt.

Dass es ganz so einfach vielleicht doch nicht ist, legt dann der kurz hinzugeholte Berliner Schulleiter Robert Giese dar. Er berichtet von Schülern, die sich in den Klassenräumen zwar recht vorbildlich verhielten, vor dem Schuleingang aber sofort wieder in Gruppen zusammenstünden und sich zum Abschied umarmten. Er wünscht sich mehr Eigenverantwortung für die Schulen, um jeweils selbst über geeignete Maßnahmen und Öffnungen entscheiden zu können. Auch Giffey plädiert auf ein offenes Ohr für die Praktiker vor Ort. Es könne nicht alles bundesweit geregelt werden. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass junge Menschen nun mal junge Menschen seien, und das Leben mitunter eben "lebensgefährlich". Worin sie sich sogar mit Lindner einig ist.

Der will allerdings auch beim Thema Kinder noch einmal den vermeintlichen Wankelmut der Wissenschaft ins Zentrum rücken: Er zitiert einen einige Stunden alten Bericht der Bild-Zeitung, laut dem sich der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in Bezug auf die vermutete Ansteckungsgefahr von Kindern selbst widersprochen habe.

Am Donnerstag habe Drosten nämlich im NDR-Corona-Podcast die Ergebnisse einer eigenen Studie erläutert, laut der möglicherweise Kinder ein ähnliche Infektiosität wie Erwachsene hätten. Im selben Podcast wiederum zitierte er dann eine kürzlich erschienene Studie im Wissenschaftsmagazin "Science", durchgeführt in China, aus der wiederum der Verdacht hervorgeht, dass das Risiko bei Kindern nur ein Drittel des Erwachsenen-Risikos beträgt. Das seien doch zwei gegenteilige Aussagen innerhalb von 24 Stunden, schimpft Lindner nun. Er wünsche sich, dass Virologen mal zusammenkommen und "sich einig werden".

Virologe Schmidt-Chanasit versucht es erneut: Drosten habe nun mal unterschiedliche Erkenntnisse zitiert. Politiker müssten lernen, damit umzugehen. "Wir wissen, dass wir sehr wenig wissen", erklärt er geduldig. Eine Einsicht, die anderen weiterhin fehlt.

© SZ.de/kler
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