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"Maybrit Illner" zum Coronavirus:"Es wird schlimm werden"

Maybrit Illner

Der Virologe Prof. Christian Drosten (Mitte) glaubt in Hinblick auf das Coronavirus in Deutschland: "Es wird schlimm werden."

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Die zweite Maybrit-Illner-Sendung zum Coronavirus gerät zum Schlagabtausch zweier Ärzte. Doch in einem sind sich beide einig: Da rollt einiges auf das Land zu.

Nachtkritik von Thomas Hummel

Wer gehofft hatte, die Expertenrunde bei Maybrit Illner zum Coronavirus würde dazu führen, danach beruhigt ins Bett gehen zu können, der wird spätestens kurz vor Ende der Sendung erschreckt. Christian Drosten, Professor und Institutsdirektor der Virologie an der Charité Berlin, hat da schon seit einiger Zeit schlechte Laune und schnoddert, dass sich in Deutschland noch nicht das richtige Bewusstsein rund um dieses neue Virus ausgebildet habe. In Amerika habe eine hochrangige Behördenleiterin die Bevölkerung zuletzt um Mithilfe gebeten, "in der Erwartung, dass es schlimm werden wird". Illner fasst etwas irritiert zusammen: Also "Mithilfe" und "es könne schlimm werden", fasst sie zusammen. Drosten blickt sehr streng und korrigiert sie: "Es wird schlimm werden." Jetzt hat es auch der Letzte verstanden.

Der Professor aus Berlin ist der eindrücklichste Gast in dieser sogenannten Talkshow, die diesmal keine Talkshow ist, sondern eine medizinische Informationsveranstaltung für eine Bevölkerung, die seit ein paar Tagen schwankt zwischen Angst und Coolness. Das Coronavirus scheint jetzt außer Kontrolle zu sein im Land. Unter anderem weil ein infiziertes Ehepaar in Nordrhein-Westfalen bei einer Karnevalssitzung mit Hunderten Gästen war, der Ehemann ist später wegen einer Lungenentzündung kollabiert und kann nicht mehr befragt werden, wo er sich das Virus womöglich eingefangen hat. Eine Person, die sich wiederum bei dem Paar angesteckt hatte, war anschließend tagelang im Erlebnisbad Tropical Island in Brandenburg. Wo all die anderen Karnevalisten inzwischen waren, wird schwer zu erkunden sein. Und da das Virus offenbar äußerst leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist, ist es für die Behörden kaum mehr möglich, weiterhin alle Infizierten zu finden und zu isolieren. "Wir stehen am Anfang einer Epidemie", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn bereits am Mittwoch.

Ist Deutschland gut vorbereitet oder überfordert? Zwei Experten streiten

Deshalb die Frage bei Maybrit Illner: "Coronavirus ohne Grenzen - wie gut ist Deutschland vorbereitet?" Spahn wird wieder zugeschaltet aus Düsseldorf und sagt beruhigende und nicht beruhigende Dinge. Es fallen Wörter wie Krisenstab, Todesrate, Pandemiepläne, Wachsamkeit, Entschiedenheit. Vier Wochen zuvor war er live in der Sendung gewesen, damals zusammen mit dem Arzt Johannes Wimmer. Der ist auch jetzt wieder da und erinnert alle daran, dass er damals gewarnt hatte vor einem erheblichen Problem. Er darf sich nun bestätigt fühlen und kritisiert durchgängig die Behörden dafür, zu spät reagiert zu haben. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, weist darauf hin, dass Deutschland mit 28 000 Intensivbetten, 1200 Intensivstationen, 1400 internistischen Stationen gut vorbereitet sei auf eine Ausweitung der Infektionen. Doch Wimmer hält dagegen: Wenn um drei Uhr morgens zwei Infizierte gleichzeitig in eine Notfallaufnahme kämen, wäre das dortige Personal bereits überfordert.

Christian Drosten erstarrt bei dieser Debatte. Keine Mimik ist zu erkennen, bis er schließlich sagt: "Ich muss wirklich sagen, die Diskussion hier macht mich stiller und stiller und stiller. Das ist wirklich vollkommen daneben. Wir suchen nach Problemen, wo keine sind." Kritik an den Behörden sei eine einzige Zeit- und Energieverschwendung, die Strategien seien allesamt richtig. Das hört sich erst einmal gut an. Doch: "Dieses Virus wird all diese Diskussionen wegwischen." Schätzwerte der Epidemiologen deuteten darauf hin, dass hier eine Art pandemische Influenza auf das Land zurolle. Die letzten dieser Art habe es 1957 und 1968 gegeben. Die erste trug den Namen Asiatische Grippe und forderte weltweit ein bis zwei Millionen Tote. Die zweite hieß Hongkong-Grippe mit bis zu zwei Millionen Toten, davon circa 30 000 in Deutschland. "Niemand kann sich daran ernsthaft erinnern", glaubt Drosten, "wir hatten damals eine andere Medizin, eine andere Gesellschaft."

Einen Impfstoff könnte es erst im Sommer 2021 geben

In manchen Momenten der Sendung ist unklar, ob Drosten eher beschwichtigen will oder aufrütteln. Er ist auf jeden Fall unzufrieden mit dem Verlauf der Sendung und schimpft: "Es ist vollkommener Unsinn, zu fragen, ob Deutschland vorbereitet ist." Denn noch könne niemand wissen, auf was sich das Land vorbereiten solle. Die für ihn entscheidende Frage sei: "In welcher Geschwindigkeit werden 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung mit dem Virus Erfahrungen machen?" Das wären etwa 50 Millionen Menschen. Sollte das innerhalb weniger Wochen geschehen, wäre das der schlimmste Fall. Spiele sich das Szenario innerhalb der kommenden zwei Jahre ab, wäre es überhaupt kein Problem. Es deute derzeit einiges darauf hin, dass sich dieser Verlauf innerhalb eines Jahres ergebe, und "dann ist es schon ein Problem", sagt Drosten. Besonders ältere, vorerkrankte Personen seien gefährdet, bei einer Infektion Opfer des Virus zu werden. Und einen Impfstoff werde es wohl frühestens im Sommer 2021 geben, da könnte es schon zu spät sein.

Er liefert sich mit Wimmer den zentralen, verbalen Schlagabtausch in der Sendung. Carola Reimann, Gesundheitsministerin von Niedersachsen von der SPD, sowie Wissenschaftsjournalistin Alina Schadwinkel liefern eher gängige Einordnungen. Fast schon entsetzt reagiert Schadwinkel indes auf die Forderung von Doktor Wimmer, man hätte dieses Jahr den Karneval absagen sollen. "Extreme Angst und übertriebene Panik" wäre das Ergebnis gewesen, glaubt Schadwinkel. Doch Wimmer ist viel zu überzeugt von seiner Meinung, als dass er sie aufgeben würde. Und dass diese Massen- und Feierveranstaltungen ein Träumchen für Viren und ihre Ausbreitung seien, sei nichts Neues. "Der Karneval ist vielen Menschen heilig, aber dann ist man halt mal der Buhmann", erklärt er, "man hätte schon mal sagen können: Passt auf!"

Ein Experte macht Hoffnung, dass die Ausbreitung bald abflauen könnte

Ein paar hoffnungsvolle Aussagen fallen auch in der Runde. Zum Beispiel Tipps: Die üblichen, wie Hände waschen und in die Ellenbeuge niesen, sowie weitreichendere wie Handschuhe anziehen (Wimmer) oder mit dem Rauchen aufhören (Drosten). Zudem seien schwangere Frauen und Kinder offenbar gut gerüstet gegen das Virus. Und Drosten sagt den kuriosen Satz: "Meine Befürchtung ist, dass wir es gut schaffen werden, das Ganze zu verzögern." Er meint wohl, dass es seine Hoffnung sei. Außerdem hofft er, dass mit der wärmeren Jahreszeit die Ausbreitung des Virus wesentlich verlangsamt werden könne. Und selbst Wimmer hat noch eine gute Nachricht für all die verunsicherten Zuschauer: "Wenn ich eine schwere Lungenerkrankung durch Corona hätte, dann wäre ich am liebsten in Deutschland." Weil hier die Versorgungslage im Vergleich sehr gut sei.

Im Laufe des Abends gehen einige Meldungen zum Virus in Deutschland ein: Hamburg und Hessen bestätigen erste Fälle, Bayern hat wieder einen, in Baden-Württemberg sind es nun acht Infizierte, im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg mit den Karnevalisten sind es nun 20. Wenn Christian Drosten richtig liegt, dürfte das erst der Anfang sein.

© SZ.de/mxm/thba
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