Süddeutsche Zeitung

Dreharbeiten und Corona:Mit Risiken und Nebenwirkungen

Am Set von "Star Wars" soll es Covid-Fälle geben. Über das Drehen unter pandemischen Bedingungen.

Von Nicolas Freund

Am Set der neuen TV-Serie Andor im englischen Dorset wurden zwei Corona-Fälle gemeldet. Die britische Zeitung The Sun schreibt über den Ausbruch, als berichte sie von der Front: "Ganze Abteilungen sind vollständig von der Arbeit abgezogen und befinden sich in Isolation," soll ein Setmitarbeiter dem Boulevard-Blatt gesteckt haben. "Die ganze Corona-Situation ist aus dem Ruder gelaufen, es verbreitet sich weiter und sie kriegen es nicht unter Kontrolle, wollen aber trotzdem nicht zumachen." Klar, der Starttermin im nächsten Jahr bei Disney Plus ist natürlich nichts, was man einfach so verschiebt, denn die "Star Wars"-Serien wie The Mandalorian sind eines der Alleinstellungsmerkmale des Streamingdienstes im Kampf um Abonnenten. Nur, rechtfertigt das, trotz mehrerer Corona-Infektionen am Set einfach weiterzumachen? Oder während einer Pandemie überhaupt zu drehen?

Nicht zu drehen ist schmerzhaft in einer Branche, die monatelang unter geschlossenen Kinos litt. Nur sind Filmsets eben gerade nicht der Arbeitsplatz, an dem AHA-Regeln einfach umzusetzen wären. Filme, die mit einem winzigen Team unter freiem Himmel gedreht werden, sind die Ausnahme, bei den meisten Kinofilmen und Serienproduktionen tummeln sich am Set Dutzende, wenn nicht Hunderte Mitarbeiter, vom Caterer bis zur Setrunnerin. Maskenbildner, Requisiteure, Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Kameramänner. Ihre Arbeit ist, wie viele andere Jobs, unter Corona-Bedingungen ein Risikofaktor.

Was also tun, wenn nicht nur "Star Wars"-Fans, sondern alle Serienzuschauer und Kinogänger nicht sehr bald auf Entzug gesetzt und eine Branche in den Ruin getrieben werden soll?

Die Dreharbeiten sind nun komplizierter, aber immerhin wieder möglich geworden

Michael Polle ist Produzent von Babylon Berlin, wo sich am Set zwar einzelne Schauspieler per Attest von der Maskenpflicht befreit haben sollen, ansonsten aber strikte Sicherheitsvorkehrungen herrschen, wie er betont: "Wir haben wie sonst auch überall umfassende Maßnahmen: Abstand, Masken, zudem umfangreiche Tests und Eingangskontrollen", sagt er am Telefon. "Wenn jemand vor der Kamera ohne Atemschutzmaske agiert, gelten die klaren Regeln der BG Etem, der Berufsgenossenschaft. Wenn sich, wie zum Beispiel in der Maske, kein Abstand einhalten lässt, gibt es zusätzliche Maßnahmen, neben der Schutzmaske, die ebenfalls durch die Berufsgenossenschaft geregelt sind." Diese Regeln der Berufsgenossenschaft entsprechen im Wesentlichen den Maßnahmen, die überall gelten. Es gibt am Set außerdem zusätzlich eigene Covid-Units, die nur dazu da sind, die Maßnahmen zu überprüfen und durchzusetzen.

"Wenn man einen Corona-Fall am Set hat, wird nicht automatisch alles gestoppt", sagt Polle. "Es wird mit Unterstützung des Betriebsarztes und in Rücksprache mit dem Gesundheitsamt verfolgt, welche Kontakte wie lange am Set bestanden und ob Schutzmaßnahmen befolgt wurden. Danach richtet sich, wie bei jedem anderen auch, wer in Quarantäne muss und wer nicht." Alles dichtmachen sei übertrieben.

Dreharbeiten sind im Vergleich zum vergangenen Jahr komplizierter, aber immerhin wieder möglich geworden. Und die zusätzlichen Kosten für die Umsetzung der Maßnahmen sind laut Polle ein lösbares Problem. "Das sind sehr hohe Beträge, die in den Finanzierungen anerkannt werden, aber dennoch von allen Partnern gemeinsam aufgebracht werden müssen."

Der Fond "Neustart Kultur" federt mit 75 Millionen Euro das Risiko beim Dreh ab

Und was passiert, wenn doch einmal wegen des Virus die Arbeiten unterbrochen werden müssen? Ein großes Problem für Dreharbeiten mit Corona waren bisher die Versicherungen von Filmproduktionen. In diesem Bereich hat sich aber viel getan. Weil Drehen unter pandemischen Bedingungen ein offenbar nur schwer kalkulierbares Risiko darstellte, haben Versicherer sich geweigert, Filmproduktionen abzudecken. Viele Filmemacher wollten bis Ende vergangenen Jahres gar nicht erst anfangen zu drehen, wenn ein Corona-Ausbruch ihnen potentiell Kosten in Millionenhöhe bescheren könnte. Schon 2020 forderte die Filmbranche in Deutschland deshalb eine solche Versicherung, notfalls vom Staat. Sonst würde sich niemand mehr an Produktionen wagen, die mit vielen Millionen Euro finanziert werden.

Eingesprungen ist nun unter anderem das Programm "Neustart Kultur" des Staatsministeriums für Kultur und Medien. Bis 30 Juni 2022 gilt laut dessen Webseite: "Der Ausfallfonds federt das Risiko von Covid19-bedingten Produktionsunterbrechungen und -abbrüchen bei bundesgeförderten Kinofilm- und HighEnd-Serienproduktionen und den daraus folgenden Mehrkosten ab." Warum ohnehin geförderte "HighEnd-Serienproduktionen" schützenswerter sind als andere Produktionen, erschließt sich nicht, aber der Fond von 75 Millionen Euro entspricht den Wünschen nach einer Absicherung von 60 bis 100 Millionen Euro, die aus der Branche gefordert wurden. Laut Michael Polle von Babylon Berlin sind mit diesen und weiteren Mitteln des Bundes Film- und Fernsehproduktionen wieder ohne unkalkulierbares Risiko möglich. Zumindest in finanzieller Hinsicht.

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