Gespräch mit Kritikern:ARD diskutiert über Corona-Berichterstattung

Jörg Schönenborn zum Tatort

WDR-Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung Jörg Schönenborn.

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Eine Petition fordert eine Sondersendung mit coronakritischen Medizinern. Der Senderverbund reagiert mit einer Videokonferenz.

Von Marija Barišić

Im September schreibt WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn eine lange Mail an die Belegschaft, die Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufhorchen lassen dürfte. Er wolle von zwei privaten Begegnungen erzählen, die ihn "ratlos" zurückgelassen hätten. In der Mail, die der SZ vorliegt, schreibt der Programmdirektor, zwei Bekannte hätten die Corona-Berichterstattung des WDR in persönlichen Gesprächen mit ihm kritisiert. Hauptkritikpunkt: Es gebe renommierte Wissenschaftler, die in den Medien totgeschwiegen würden. Bei seinen Bekannten handele es sich nicht um Menschen, "die Corona leugnen oder andere Fakten ignorieren", betont er, sondern solche, die Maßnahmen und Einschränkungen für unangemessen und übertrieben hielten.

Schönenborn schreibt, er frage sich, ob andere in der Redaktion ähnliche Begegnungen gehabt hätten, welche Perspektiven in der Berichterstattung womöglich fehlten und ob das Publikum spüre, "dass unsere Empathie für Demos von "Fridays for Future" größer ist als die von Querdenkern - obwohl doch unsere Berichterstattung gleichermaßen sachlich sein müsste?"

Dass die geforderte Sondersendung tatsächlich kommt, ist unwahrscheinlich

Zwei Wochen später bekommen die Redakteurinnen und Redakteure des WDR eine weitere Mail von Schönenborn. Seine erste Nachricht, schreibt er, habe "so viele Reaktionen ausgelöst, wie ich es hier in der Programmpost noch nicht erlebt habe". Viele Redakteurinnen und Redakteure hätten von ähnlichen Begegnungen berichtet. Außerdem gebe es nun eine Online-Petition, "die uns mit einer ganz konkreten Forderung konfrontiert: dass die ARD namentlich benannte Virologen und Epidemiologen bei Anne Will miteinander diskutieren lassen möge."

Tatsächlich wurde Ende September der ARD eine Petition übergeben, die eine Sondersendung mit dem Titel "Wie gefährlich ist Corona?" fordert. Darin, so die Forderung, sollten namhafte Virologen wie Christian Drosten auf andere Stimmen treffen, die in den vergangenen Monaten für ihre Kritik an den Corona-Maßnahmen bekannt geworden sind, so etwa der Epidemiologe Sucharit Bhakdi oder der Mediziner Wolfgang Wodarg. Initiiert wurde die Petition von Bastian Barucker, der sich laut seiner Homepage mit "Wildnispädagogik, Gefühls- und Körperarbeit" beschäftigt. 63 571 Menschen haben die Petition unterschrieben.

Die Diskussion beschäftigt also nicht nur den WDR. Als Reaktion organisierte die ARD vergangenen Donnerstag ein Hintergrundgespräch per Videokonferenz, bei dem fünf Unterstützer der Petition - darunter Barucker - und sieben leitende ARD-Redakteure und Redakteurinnen aufeinandertrafen. Man habe das Hintergrundgespräch angeboten, "damit wir zu Kritik, Sorgen und Vorschlägen der Petenten in einen Dialog kommen und miteinander reden statt übereinander - das ist für uns als öffentlich-rechtliche Sender, die dem Gemeinwohl dienen, wichtig", schreibt die ARD auf Anfrage. Die Frage nach Inhalten und dem Ergebnis der Videokonferenz wird allerdings nur zurückhaltend beantwortet. Es habe einen "sachlichen und ernsthaften Austausch" gegeben, die Petenten hätten kurzfristig mehrere Vorschläge eingebracht, "zu denen wir uns jetzt erst im Nachgang eine Meinung bilden werden." Was konkrete Programmanfragen angehe, würden die Redakteurinnen und Redakteure allerdings unabhängig handeln: "Es gilt die Programmautonomie im Rahmen der Rundfunkfreiheit."

Dass die geforderte Sondersendung in der ARD künftig wirklich ausgestrahlt wird, ist jedenfalls unwahrscheinlich. Schon in seiner zweiten Mail im September schrieb Schönenborn: "Ich glaube nicht, dass eine Talkshow der beste Ort für wissenschaftliche Debatten ist. Und schon gar nicht für eine Auseinandersetzung darüber, was Fakt ist und was gefühlte Wahrheit."

© SZ/ebri
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