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Corona-Kampagne #allesdichtmachen:"Dieser Diskurs wird seit einem Jahr medial geführt"

Internetaktion #allesdichtmachen

Eine Collage aus Video-Standbildern der Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube. Sie zeigt Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich daran beteiligt haben.

(Foto: dpa)

Die Kritik an #allesdichtmachen reißt nicht ab. Zugleich äußern sich manche Teilnehmenden erneut, Videos verschwinden - und eine Mitteilung auf der Homepage der Aktion will das Ganze einordnen.

Die Internetaktion #allesdichtmachen sorgt auch mehrere Tage nach ihrem Start für Kritik. Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Schauspieler Ulrich Matthes, äußerte Verwunderung über die Unterstellung in den meisten der Videos, es gäbe keinen Diskurs über die Berechtigung der Maßnahmen in der Pandemie.

"Dieser Diskurs wird seit einem Jahr medial geführt. Der wird im Bundestag geführt, den führen die Stammtische, den führen wir permanent alle", sagte Matthes. "Und die Kolleginnen und Kollegen beklagen mittels dieser vermeintlichen Satire, dass dieser Diskurs nicht stattfände und geben damit - und das ist meine Hauptkritik - indirekt Schützenhilfe für die Querdenkerszene und die AfD."

Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten Dutzende Film- und Fernsehschauspieler mit Videos, die sie als ironisch-satirisch bezeichneten, die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert. Die Videos waren am Donnerstagabend veröffentlicht worden und thematisierten etwa die politische Entscheidungsfindung, die öffentliche Diskussion oder die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie.

Am Samstag wurde auf der Seite allesdichtmachen.de ein Statement veröffentlicht. "Die Gruppe hat keinen 'Kopf' und keine gemeinsame Stimme", heißt es darin. "Das Projekt ist kollektiv entstanden, die Gruppe ist divers, die Meinungen gehen auch hier auseinander."

"Ich war naiv genug"

Nach heftiger Kritik und teils Zustimmung aus dem rechten Lager hatten sich im Laufe des Freitags einige Teilnehmende von ihren Beiträgen distanziert. Die Schauspielerin Ulrike Folkerts etwa bezeichnete ihre Mitwirkung als Fehler. "Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen", schrieb die "Tatort"-Kommissarin auf Instagram. "Ich habe einen Fehler gemacht, ich war naiv genug zu glauben, mit meinen Kollegen*innen ein gewinnbringendes Gespräch in Gang zu bringen. Das Gegenteil ist passiert." Es tue ihr leid, "Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen zu haben".

Auch Schauspieler Richy Müller distanzierte sich inzwischen von der Aktion. "Ich musste feststellen, dass mein Video vielen Menschen wehgetan hat, die ich niemals kränken oder veralbern wollte", sagte der 65-Jährige dem Nachrichtensender N-TV. Er sei blauäugig gewesen, dabei sei er indirekt sogar selbst betroffen: "Die Tochter meiner Frau ist mit Anfang 20 zu Beginn der Pandemie an Corona erkrankt. Und sie hatte ein halbes Jahr lang Probleme mit der Atmung."

"Auf massivste Art und Weise beschimpft und bedroht"

Schauspieler Jan Josef Liefers äußerte sich am Freitagabend in der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9". Er fände zwar "den Punkt interessant, dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist". Er sehe aber derzeit eine Lücke: "Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten." Er hatte zuvor in einem Instagram-Post zu der Aktion seine Follower gefragt, ob sie sich durch die Medien-Berichterstattung zu Corona "manipuliert gefühlt" hätten. "Habt ihr es auch so erlebt, als wären die meisten Journalisten plötzlich einem Chor beigetreten?"

Kritisch zur Aktion äußerte sich auch der Daten- und Politikwissenschaftler Josef Holnburger. "Leider bedienen viele der Prominenten hämisch Narrative, welche Bestandteil vieler Verschwörungserzählungen sind", sagte er. "Etwa vermeintlich gleichgeschaltete Medien oder ein Kritikverbot an der Regierung. Es wundert mich deshalb nicht, dass der Applaus aus dieser Szene besonders laut ist."

Im Statement auf der Projekt-Homepage heißt es: "Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, dass von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben. Vielmehr geht es uns um die Corona-Politik, ihre Kommunikation und den öffentlichen Diskurs, der gerade geführt wird." Man übe Kritik mit den Mitteln von Satire und Ironie. "Wenn man uns dafür auf massivste Art und Weise beschimpft und bedroht, ist das ein Zeichen, dass hier etwas ins Ungleichgewicht geraten ist."

Gegenaktion verweist auf Corona-Dokumentation

Doch nach Ansicht des Wissenschaftlers Holnburger trägt die Aktion nicht zu einer konstruktiven Debatte bei. "Die vor allem polemisch dargestellte Kritik seitens der #allesdichtmachen-Aktion wird den öffentlichen Diskurs nicht versachlichen, sondern verschärfen", sagte er.

Auch die Bildungsstätte Anne Frank beobachtet die Internetaktion nach eigener Darstellung mit äußerster Besorgnis. "Wir haben mehr als genug geschmacklose KZ-Uniformen, Anne-Frank-Vergleiche und Judensterne auf Querdenken-Demos gesehen. Promis, die bei ihrer Kritik jetzt mit NS-Vergleichen operieren, bestärken eine Szene, die ohnehin kaum noch Zurückhaltung kennt", schrieb die Bildungsstätte bei Twitter. Sie zitierte in diesem Zusammenhang aus einem im Zuge der Aktion verbreiteten Clip des Regisseurs Dietrich Brüggemann, in dem dieser ironisch feststellt: "Ich meine, nach 75 friedlichen Jahren sind uns doch in Deutschland die Geschichten längst ausgegangen, wir brauchen neue."

Brüggemann appelliert im Video an deutsche Politiker mit den Worten: "Lassen Sie es eskalieren! Nur dann haben wir am Ende spannende Filme." Brüggemann behauptete der Deutschen Presse-Agentur gegenüber: "Der ironische Aufruf zur Eskalation enthält (...) klar die Aussage: Das ist jetzt nicht wie damals. Ganz einfach." Es handle sich um ein "eindeutig ironisch gehaltene(s) Video", in dem eine Kunstfigur zu sehen sei. Im Deutschlandfunk hatte er zuvor gesagt: "In einer Situation wie dieser muss Kritik wehtun. Wenn man lieb und brav ist, bringt es nichts."

Samstagmittag waren auf der Seite der Aktion und auf Youtube mehr als ein Dutzend der Videos nicht mehr zu sehen. Kritik an der Aktion fand währenddessen auch in der nachgeahmten URL allesdichtmachen.com Ausdruck. Die Seite hat eine andere Endung als die Original-Homepage - und führt direkt zur Corona-Doku aus der Berliner Charité mit dem Titel "Station 43 - Sterben". Yannick Haan, Vorsitzender der SPD Berlin-Mitte, gab sich auf Twitter als Urheber der umgeleiteten Domain zu erkennen. Auf die Doku, die die immense Belastung des Krankenhauses durch die Pandemie zeigt, hatte zuvor auch Satiriker Jan Böhmermann verwiesen.

© SZ/dpa/ihe
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