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Zum Tod von Conchata Ferrell:Die Stimme der Vernunft aus Wohnwagenhausen

Conchata Ferrell

Conchata Ferrell im Jahr 2007 bei Emmy Awards.

(Foto: Chris Pizzello/AP)

Conchata Ferrell hat in "Two and a Half Men" die Haushälterin Berta gespielt. Sie war inmitten all der Neurotiker die einzige Figur, über die sich Erfinder Chuck Lorre niemals lustig gemacht hat. Zu Recht.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die schönsten Momente der unvergesslichen Figur Berta in der TV-Serie Two and a Half Men waren jene, in denen sie zugedröhnt auf dem Balkon des Strandhauses ihres Chefs lag und den Herrgott für ein paar Minuten einen guten Mann sein ließ. Sie war glücklich, und wer mal in Malibu oder einer anderen Strandstadt in Los Angeles gelebt hat, der weiß, wie dreckig es Leuten wie Berta im wirklichen Leben gehen kann. Da lag sie also, vollgepumpt mit Marihuana, und machte sich über die beiden Brüder lustig, deren Toiletten sie gewöhnlich schrubbte. Das mag banal klingen - hatte aber eine immense Kraft.

Es geht in dieser Serie schließlich nur vordergründig um den Weiberhelden Charlie, der mit unfassbar wenig Arbeit unfassbar viel Geld verdient und Partys feiert, nach denen Berta übrigens stets den unvergessenen Satz sagt: "I ain't cleaning that up!" Das mache ich nicht sauber. Es geht auch nur am Rand um seinen spießigen Bruder Alan oder dessen latent zurückgebliebenen Sohn Jake. Es geht in dieser Serie um die Angst vor der Einsamkeit.

"Sie war ein Fels, wir haben sie alle geliebt."

Alle Charaktere sind hochgradig neurotisch, und wer Los Angeles kennt, der weiß, dass Erfinder Chuck Lorre einfach nur alle Einwohner dieser wahnsinnigen Stadt in die Auslage stellt und lächerlich macht. Nur mit Berta, da geht er anders um.

Conchata Ferrell verkörperte diese Figur von 2003 bis 2015, zwölf Staffeln lang. Dabei wollte Lorre eigentlich eine osteuropäische Hilfskraft, von der er sich mehr komödiantische Elemente versprach. Dann kam Ferrell zum Vorsprechen und antwortete auf die Frage, aus welchem Land sie komme: "Aus Wohnwagenhausen." Das gefiel Lorre. Berta sollte in zwei Folgen zu sehen sein - es wurden 211, und Lorre schrieb nun: "Sie war ein Fels, wir haben sie alle geliebt."

Ferrell hat eine dieser Karrieren hingelegt, von denen es so viele gibt in Hollywood: 1943 in einem Kaff im Bundesstaat West Virginia geboren. Ausbildung zur Theaterschauspielerin, mit der sie es aber nur in Off-Broadway-Rollen schaffte. Umzug nach Los Angeles, kleinere Rollen wie etwa in Mystic Pizza. Vermeintlicher Durchbruch als Anwältin in der Serie L. A. Law inklusive Emmy-Nominierung, danach jedoch meist nur Nebenrollen in Projekten wie Buffy, Edward mit den Scherenhänden und Erin Brockovich.

Und wer nun denkt, das sei eine Geschichte des Misserfolgs, dem sei gesagt: So verlaufen etwa 99 Prozent der Schauspielerlaufbahnen - und zwar von denen, die behaupten dürfen, es wirklich geschafft zu haben.

"In einer gerechten Welt würdet ihr meine Toiletten putzen."

Dann kam außerdem das Casting, bei dem sie zu Berta wurde - und damit, zu Recht, weltberühmt. Zwei weitere Emmy-Nominierungen gab es für die Rolle. Das Leben von Haushälterinnen ist in Kalifornien schließlich meist keine Komödie, sondern eine Tragödie, und Lorre nahm das immer ernst. Deshalb ist Berta so faszinierend. Sie blamiert sich kein einziges Mal wirklich.

Stattdessen bleibt sie Besucherin in dieser für den Beobachter zwar lustigen, eigentlich aber unendlich kaputten Welt der Reichen in L. A. Und ihre Kommentare sind denn auch exakt das, was der Zuschauer den verkorksten Figuren zurufen will. Die vermeintlich Untergebene, sie war die Stimme der Vernunft. Diese Stimme sagte deshalb auch regelmäßig: "In einer gerechten Welt würdet ihr meine Toiletten putzen."

Ferrell kam bereits im Mai mit Herzproblemen ins Krankenhaus, im Juni erlitt sie dort einen Herzinfarkt, an dessen Folgen sie am Dienstag im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Sie hinterlässt ihren Mann Arnold Anderson, eine Tochter und zwei Stieftöchter. "Ich werde mich an jeden Moment erinnern, bis wir uns wiedersehen", sagte Alan-Darsteller Jon Cryer. Beiden ist zu wünschen, dass Ferrell auf ihn wartet. Hoffentlich so verflucht cool wie damals auf dem Balkon.

© SZ/biaz/ebri
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