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Comics und Journalismus:Zeichne das auf!

Die Ausgabe von "Die Unsichtbaren und die Zornigen" der Moskauerin Victoria Lomasko.

(Foto: Museum für Kommunikation Berlin)

Comicjournalismus ist eine neue Form der Informations­vermittlung. Aber lassen sich Subjektivität und Fakten wirklich miteinander verbinden?

Keine Recherche ohne Papier und Stift. Das, was Journalisten beobachten, das, was sie erfragen, das, was sie hören, sogar das, was sie riechen, skizzieren sie am zuverlässigsten mit rasch gekritzelten Worten, die später einen Text formen. Bo Soremsky geht niemals ohne Stift und Papier auf Recherche. Aber das, was er wahrnimmt, hält er nicht mit Worten fest. Seine Notizen sind rasch gekritzelte Skizzen, die später einen Comic formen. Er erzählt die Realität, indem er sie zeichnet. "Ich sitze da, mit meinem Stift und meinem Block, beobachte und skizziere." Bo Soremsky, vor sich eine Limo, an sich ein T-Shirt der Band "Motorjesus", sitzt im Café des Museums für Kommunikation in Berlin, wo aktuell die Ausstellung "Zeich(n)en der Zeit. Comicjournalismus weltweit" zu sehen ist. Soremsky ist einer der Künstler, deren Arbeiten Teil dieser Ausstellung sind. Eigentlich ist der 36-Jährige freiberuflicher Grafiker und Illustrator, aber er ist zugleich das, was man als Comicjournalisten bezeichnen könnte.

"Zeich(n)en der Zeit" widmet sich der Disziplin des Comicjournalismus. Im Kabinett des Museums, gleich um die Ecke des Potsdamer Platzes, sind Zeichnungen von Künstlern und Künstlerinnen verschiedener Länder an die schwarzen Wände gepinnt. Es sind Geschichten über Flucht und Migration, über den "Dschungel von Calais" zum Beispiel, den Transitort Geflüchteter zwischen Frankreich und Großbritannien, Geschichten über die Misere vor dem italienischen Festland und über die vielen Ertrunkenen im Mittelmeer. Es sind Reportagen über die Auswirkungen des Irakkriegs auf die amerikanische Bevölkerung, über die konstant angespannte Beziehung zwischen Israel und Palästina. Es sind Porträts über das gegenwärtige Russland, über orthodoxe Aktivisten und Ultranationalisten. Die Arbeiten an den Wänden sehen aus wie das, was man sonst aus Comicheftchen kennt: bunte Figuren mit Sprechbläschen wie bei Lucky Luke und Asterix. Doch weder die Figuren noch die Texte in den Sprechblasen sind hier Fiktion.

Beim Prozess gegen Jörg Kachelmann verschwimmen die Bleistiftgesichter

Die Frage, welche die Ausstellung provoziert, ist so interessant wie umstritten: Was heißt es, wenn Kunst und Informationen zum Zeitgeschehen aufeinandertreffen? Sie ruft eine Debatte hervor, die sich am Begriff des Comicjournalismus entzündet, nämlich die, ob es gerechtfertigt ist, von Journalismus zu sprechen, wenn Comics Information vermitteln sollen. Entspricht gezeichnete Information dem Berufsverständnis des Journalismus, objektiv zu berichten, und stützt sie die Funktion des Journalisten als Chronist des Zeitgeschehens?

Comicjournalismus ist kein offizieller Begriff. In Frankreich spricht man von "Reportage dessiné", der gezeichneten Reportage, im Englischsprachigen von "graphic journalism". Im deutschsprachigen Raum verbreitete sich der Begriff durch die Ausstellung im Comic-Salon Erlangen 2018, die inhaltlich dem glich, was derzeit in Berlin zu sehen ist. "Unter Comicjournalismus lassen sich die Vielfältigkeit des Formats und die unterschiedlichen Stile und Gattungen am besten zusammenfassen", sagt Lilian Pithan. Sie ist eine der Kuratorinnen der Ausstellung, Journalistin und Mitglied des Deutschen Comicvereins.

Jede und jeder der Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung, erklärt Lilian Pithan, verstünden unter Comicjournalismus etwas anderes. Die österreichische Zeichnerin Ulli Lust spricht von "dokumentarischem Erzählen", die russische Künstlerin Viktoria Lomasko von "grafischen Reportagen" und "Gesellschaftscomics". Zusammen mit dem Journalisten Anton Nikolajew verfolgte Lomasko einen Gerichtsprozess gegen die Kuratoren der Ausstellung "Verbotene Kunst 2006" in Moskau. Aus den Skizzen entstand 2013 eine grafische Gerichtsreportage.

Bo Soremskys Aufzeichnungen aus dem Kachelmann-Prozess.

(Foto: Museum für Kommunikation Berlin)

Auch Bo Soremskys Annäherung an den Comicjournalismus war eine Gerichtsreportage. Er erzählt, wie er sich zwischen 2010 und 2011 mehrere Tage lang in Mannheim in den Gerichtssaal der Prozesse gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann setzte. Vergewaltigung war die Anklage, Aussage stand gegen Aussage. Weil der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, rekonstruierte ihn Soremsky mithilfe von übereinstimmenden Fakten und Berichten aus seriösen Zeitungsquellen und seinem Eindruck von Atmosphäre, Raum und äußerer Erscheinung der Klägerin, dem Angeklagten, den Staatsanwälten und Verteidigern wenige Minuten, bevor er den Gerichtssaal verlassen musste. Soremskys fertige Reportage, online nicht nur eine Abfolge gezeichneter Bilder mit textlichen Ergänzungen, sondern interaktiv gestaltet, ist ein non-lineares Konglomerat der sich widersprechenden Äußerungen. Die Bleistiftgesichter der Personen im Gerichtssaal verschwimmen miteinander, Zitate sind in Erstklässler-Manier bewusst krakelig niedergeschrieben. So ungewiss der Wahrheitsgehalt der Aussagen, so unlesbar teils der Text. "Mein Konzept ist die Subjektivität, mit der die Involvierten die Tat beschreiben und die ich in meiner Darstellung aufgreife", sagt Soremsky. "Meine Reportage soll einen umfassenden Überblick geben, ohne Antworten zu liefern." Soremsky schickte die Reportage an Tageszeitungen, an Wochenzeitungen, an Magazine. "Ich wollte von Profis wissen, was sie von einer solchen Darstellungsweise halten", sagt er. Die Antwort: zu subjektiv. "Selbst die Bildzeitung meinte, diese Form der Berichterstattung sei mit ihren journalistischen Standards nicht vereinbar."

Die Kritik, die sich an der Subjektivität von Comicreportagen entzündet, ist der Grund, warum sich das Format in Deutschland anders als in Frankreich, der Schweiz und den USA noch nicht so recht durchsetzen konnte. Die Verdichtung einer Situation, die Abstraktion von Personen, der individuelle Blick des Zeichners auf das Geschehen, die Interpretation, die in die Zeichnung einfließt - all das vernebelt die Objektivität, für die der Journalismus steht. Kuratorin Pithan findet das Argument gegen die Subjektivität aber zu simpel. "Die meisten comicjournalistischen Projekte sind Reportagen. Gerade die Reportage ist es, die eine subjektive Perspektive des Autors zulässt." Pithan vergleicht den Comicjournalismus mit Fotojournalismus. Subjektiv sei sowohl bei einem gezeichneten Bild als auch bei einem Foto bereits die Entscheidung, welche Gegenstände, welche Personen wie, wo und warum gezeigt würden und welche nicht. Ähnliche Fragen stellen sich auch Printjournalisten, wenn es darum geht, was von all dem Stoff, der sich während der Recherche auftürmt, letzt-lich erzählt werden soll. "Comicjournalismus muss Sinn machen", sagt Pithan. "Dass sich Interviews und Nachrichten eher weniger als Comic eignen, ist klar."

Sarah Gliddens Cover ihres Comics "Im Schatten des Krieges".

(Foto: Museum für Kommunikation Berlin)

Alles Teamsache: Wenige Journalisten sind zugleich begnadete Zeichner

Auf die Kritik an der Subjektivität reagieren Comicjournalisten, indem sie den Kontext ihrer Recherchen reflektieren oder sich selbst als Protagonist und Figur in die Bilderreihe zeichnen. Das französische Magazin La Revue dessinée, neben dem Schweizer Comicmagazin Strapazin eines der wenigen Medien in Europa, das Information ausschließlich als Comic verpackt und alle drei Monate erscheint, ergänzt Geschichten über Doping im Orchestergraben und Marinefischer an den Küsten Frankreichs mit Hintergrundberichten und Kommentaren der Zeichner und Journalisten. Auffällig ist, dass die Reportagen häufiger in Teams als im Alleingang entstehen, nicht selten deshalb, weil nur wenige Journalisten zugleich begnadete Zeichner und nur wenige begnadete Zeichner handwerklich gut ausgebildete Journalisten sind. So kommen Text, Dialog und Zitate meist von Journalisten, die Illustration von den Zeichnern, alles in enger Absprache und Zusammenarbeit.

"Comicjournalismus ist für mich der logische nächste Schritt, wenn es darum geht, nach neuen Formen des Journalismus zu suchen", sagt Pithan. "Mich fasziniert die Kombination aus Kunst und Information und wie sich Information anderweitig als mit Text und Bild vermitteln lässt."

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Wenn die Begriffe Kunst und Journalismus kombiniert werden, erinnert das an die Debatte, die seit dem Fälschungsskandal des Ex-Spiegelautors Claas Relotius in der Öffentlichkeit schwelt. Journalismus dürfe nicht als Kunst verstanden werden, sondern basiere auf der schnörkellosen Darlegung von Fakten, lautet die eine Meinung. Die andere: Das Leseerlebnis könne sehr wohl bereichernd und unterhaltsam sein, ohne die Realität zu verzerren. "Comicreportagen haben das Potenzial, komplexe Zusammenhänge leicht verständlich darzustellen", sagt Bo Soremsky. "Was nicht bedeutet, dass Autoren weniger verantwortungsvoll mit einem solchen technischen Mittel umgehen dürfen." Mit der notwendigen Sensibilität und Achtung vor dem, was man erzählt, scheitere der Comic nach Meinung der Macher nicht an der Wahrhaftigkeit. Doch um Comicjournalismus zu professionalisieren und als das, was sein Begriff impliziert, in die mediale Berichterstattung zu integrieren, gilt es, journalistische Sorgfalt und Glaubwürdigkeit zu garantieren.

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