Comedy Genieße die Lacher

Der israelische Satiriker Shahak Shapira hat bei seinem Auftritt im Lindenkeller nicht enttäuscht.

(Foto: Lukas Barth)

Shahak Shapira hat eine Mission. Er will diesem sachlichen Land neuen Humor beibringen. Eine ganze Weile schon in ausverkauften Hallen und im Netz, jetzt auch im Fernsehen. Klappt das?

Von Friedemann Karig

Der Mann hat mit Religion nichts am Hut, sagt er. Aber auf der Bühne denkt er gern darüber nach: Shahak Shapira, geboren in Israel, beschäftigt sich jetzt mit Jesus und seinen "Sixpacks", die so sexy seien. Wieso könne die Kirche etwas gegen Homosexuelle haben, wenn ihr Messias aussähe wie ein schwules Model? Das war jetzt was für die Christen im Publikum. Aber auch seine eigene Religion bedeutet ihm nach eigenem Bekunden nichts. "Der jüdische Gott", stellt er klar, "verarscht die Juden doch nur. Er hat sie 40 Jahre durch die Wüste laufen lassen, nur um sie an den einzigen Fleck im Nahen Osten zu bringen, an dem es kein Erdöl gibt." So tough kann lustig sein.

An einem deutschlandgrauen Tag im März sitzt Shahak Shapira am vielleicht unlustigsten Ort der Welt. Er sitzt in einem Raum im Hotel Meridién Hamburg, Hinterhofblick, vor sich das Trio der Pressetermin-Tristesse: Apfelschorle, Filterkaffee, Wasser. Er sagt: "Ich arbeite momentan von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts, ich hab nicht mal Zeit für Groupies." Dann lacht er sein gequältes Lachen, lächelt sein "Ich weiß es doch auch nicht, weißt du es?"-Lächeln, als lerne ausgerechnet er als Profi gerade, wie schmerzhaft trefflich der Ausdruck "Galgenhumor" sein kann.

Er ist ein Durchschnittstyp, der mit seiner Comedy durch ausverkaufte Hallen tourt

Und wieder einmal fragt man sich, warum er sich das antut: den Fernsehquatsch. War er nicht schon ganz oben? Also, zumindest im Netz? Hatte er sich nicht mit einigen supersmarten Aktionen Hunderttausende Follower erspielt, saß bei Böhmermann auf der Couch, schrieb einen Bestseller (über sein Aufwachsen als Jude in Ostdeutschland) dann noch einen (eine Übersetzung der Bibel in Internetsprache)?

Wenn am 8. April Shahak Shapiras TV-Show Shapira Shapira startet, wird man es endlich wissen. Seit zwei Jahren gibt es Geraune, der Netzkünstler und Comedian bastle beim Talentefunkhaus ZDF Neo an etwas Großem. Und heute, vor seinem stillen Wasser, verrät der 30-Jährige, woran und warum: "Ich will machen, was es im deutschen Fernsehen noch nicht gab: Wöchentlich eine halbe Stunde Stand-up und Sketche, immer frisch produziert, vor Publikum. Wie die Amerikaner. Entweder ich scheitere grandios - oder es wird revolutionär." Und wieder das Lächeln. Ich weiß es nicht, weißt du es? Shapira hat also eine Mission. Er ist ausgezogen, die Deutschen das Lachen zu lehren. Er will nicht weniger als diesem sachlichen Land eine neue Humorkultur beibringen. Kann das klappen?

Kurzer Rückblick: Im August 2017 sprühte ein junger Mann in einer gelben Warnweste rassistische und antisemitische Hass-Tweets direkt vor die Twitter-Zentrale in Hamburg, um gegen die lasche Reaktion des Netzwerkes auf solche Inhalte zu protestieren. Die New York Times und Al-Jazeera berichteten, sogar der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas schaltete sich mahnend in die Debatte ein. Es war nicht die erste aufsehenerregende, mit kleinen Mitteln effektive, "virale" Aktion des Mannes namens Shakak Shapira.

Anfang 2017 hatte er für die Aktion "Yolocaust" auf einer Webseite die Aufnahmen von Touristen veröffentlicht, die am Holocaust-Mahnmal in Berlin für Urlaubsbilder posiert hatten, und ihnen Bilder aus den Vernichtungslagern gegenübergestellt. Weltweite Aufmerksamkeit folgte, 2,5 Millionen Menschen sahen die Seite innerhalb einer Woche. Ein Jahr zuvor hatte er mit der Partei "Die Partei" Dutzende rechtsradikale Facebook-Gruppen der AfD infiltriert und sie öffentlich bloßgestellt.

Wer innerhalb kurzer Zeit mit solchen Aktionen das deutsche Netz durchrüttelt, wird zu den digitalen Klassentreffen eingeladen. So sitzt Shapira im Herbst 2017 im Münchner Volkstheater beim Netzkongress des Zündfunks (BR), nachdem er in einem Vortrag erklärt hatte, dass ihm seine Reichweite inzwischen natürlich immens helfe. Das Netz kennt den Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Nach seinem Auftritt winkt er ab: "Eigentlich will ich ja nur Stand-up machen. Schon immer." Er erzählt, was viele junge Comedians erzählen, die (zu) viel Louis C. K. geschaut haben: Hier gebe es kaum echte Comedy, das können nur die Amerikaner, aber man werde es ihnen schon zeigen.

Ein paar Monate später tourt er mit seinem Stand-up-Programm "German Humour" durch ausverkaufte Hallen. Dort verwandelt sich der schüchterne Durchschnittstyp in einen souveränen Durchschnittstypen - mit einem gut gearbeiteten Comedy-Programm. Die Witze: hart, aber herzlich; die so simple wie brutal schwere Comedy-Schule: Schneide ein Stück aus der Realität aus, das per se schon absurd ist ("Auschwitz hat im Netz als Sehenswürdigkeit nur eine durchschnittliche Bewertung von viereinhalb Sternen"). Nimm es todernst ("Der McDonalds am Alexanderplatz hat nur drei"). Treibe es auf die Spitze ("Technisch gesehen sind Chicken McNuggets also schlimmer als der Holocaust"). Genieße die Lacher.

Das funktioniert. Zumindest in der Nische. Das Publikum? Studenten, 20 bis 30 Jahre alt, urban. Leute, die Shapiras Vorbilder im Netz auf Englisch sehen oder deren deutsche Adaptionen. Die hiesigen Entertainer mögen generell hintendran sein, aber ihre Avantgarde kopiert die Amerikaner nicht erst seit gestern. Erst Harald Schmidt, dann Jan Böhmermann schauen sich seit Jahrzehnten erfolgreich ab, was David Letterman oder Jimmy Kimmel treiben. Die Konkurrenz bleibt, da hat Shapira völlig recht, in Deutschland jedoch überschaubar. Jemand wie er, mit einer treuen Gefolgschaft, einer greifbaren Persönlichkeit und einem soliden Programm schafft es hier recht schnell sehr weit. Und wieder die Frage: Wozu Fernsehen? Im Vergleich zur einsamen, aber ehrlichen Bühne geht es hier um Abläufe, Senderwünsche, Teams, sprich: Kompromisse. Ist es das Drama des begabten Kindes? Einer, der viel kann, will immer was Neues?

Die mediale Aufmerksamkeit kam 2014, als ihn Jugendliche angriffen, weil er Jude ist

März, kurz vor der ersten Ausstrahlung. "Ich orientiere mich mit der Sendung eben eher bei Louis C. K., Dave Chappelle, Bill Burr. Leute, die in Deutschland nicht viele kennen." Shapira will eine Mischung aus Sketch-Comedy und Stand-up, "die es in der Form in Deutschland noch nie gab", wie er quasi als Warnung auf der Seite für den Ticketkauf schreibt. Seine Anforderung ans Publikum: "Wenn ihr Stand-up liebt, Humor lieber ehrlich als 'richtig' habt und auch mal Freude in unangenehmen Witzen finden könnt, kommt bitte unbedingt! Wenn ihr aber politisches Kabarett und einen Performer erwartet, der lediglich eure eigenen Ansichten bestätigt, werdet ihr vielleicht woanders glücklicher!" Was soll das heißen? "In Deutschland gibt es entweder das belehrende Kabarett mit fester politischer Haltung, meistens eher links, quasi Opposition auf der Bühne", sagt er, "oder sehr simple Comedy ohne echte Botschaft." Shapira will: "Anspruch ohne Zeigefinger."

In den ersten Clips der Sendung auf Youtube stellt er sich vor als "Eiskunstläufer, Zumba-Trainer, Sänger", parodiert R. Kelly ("I believe I can touch a child") und tanzt albern. Dabei merkt man ihm in der angestrengten Selbstironie das Fremdeln mit dem Medium, mit der Rolle als Star und Zugpferd, noch an. "War nicht meine Idee", sagt er, "es musste plötzlich schnell ein Vorstellungsvideo für die erste Sendung her." Auf der Bühne funktioniert das tausendmal besser: wenn er zum Beispiel fantasiert, dass man per App bald Obdachlosen spenden und kontrollieren kann, was sie davon kaufen, lachen alle.

"Bis jetzt lassen sie mich komplett machen", sagt Shapira, "und ich weiß ehrlich nicht, ob irgendjemand beim Fernsehen mich versteht. Muss ja aber auch nicht." Sein Referenzrahmen ist ein anderer. Am liebsten steht er in Berlin auf Stand-up-Bühnen und liefert auf Englisch ab. "Die englische Szene in Berlin ist besser, vor allem, weil es sie viel länger gibt." Die erste mediale Aufmerksamkeit bekam Shapira, nachdem ihn am Silvesterabend 2014 arabische Jugendliche in der Berliner U-Bahn angegriffen hatten, weil er Jude ist. "Ich wollte aber kein Opfer sein", sagt er. Also ging er an die Netzöffentlichkeit, erzählte seine Geschichte. Wie seine Mutter es für eine gute Idee hielt, die Siedlung im Westjordanland, wo er aufwuchs, zu verlassen und sich im südlichen Sachsen-Anhalt niederzulassen, da war er 14. Wie sein kleiner Bruder von Neonazis zusammengeschlagen wurde, wie er selbst in New York studierte und Werber wurde, ins weltoffene Berlin ging.

Auch im Programm macht er seine Herkunft zum Thema. "Das ist auch so deutsch: dass man dann sofort und für immer der Jude ist. In den USA, einer durchmischteren, entspannteren Gesellschaft, kann man mit seinen Wurzeln spielen, ohne sich festlegen zu müssen." 2018 nahm Shapira die deutsche Staatsbürgerschaft an. Wer "den Deutschen" einen anderen Humor beibringen will, müsse eben Opfer bringen. Ob es sich gelohnt hat, wird sich zeigen. "Wenn die Sendung floppt", sagt er, "probiere ich es weiter - bis es klappt."

Ein letztes Lächeln. Ich weiß es nicht, aber du? Solange das Fernsehen diese Art von Talenten noch locken kann, sollte man einschalten.

Shapira Shapira, ZDF Neo, ab 9.4., 23.15 Uhr.