Doku über Verteidigungsbündnis:Alarmstufe

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Doku über Verteidigungsbündnis: Im Ernstfall die Baltenrepublik verteidigen: Bundeskanzler Olaf Scholz und Litauens Präsident Gitanas Nausėda bei deutschen Nato-Truppen in Litauen.

Im Ernstfall die Baltenrepublik verteidigen: Bundeskanzler Olaf Scholz und Litauens Präsident Gitanas Nausėda bei deutschen Nato-Truppen in Litauen.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Steht das "Comeback der Nato" bevor? Eine ZDF-Doku benennt Gründe dafür.

Von Matthias Kolb

Es sind Bilder, die immer noch verstören: Am 24. Februar bombardiert Russland am frühen Morgen die ukrainische Hauptstadt Kiew. Stunden später beschließen die 30 Nato-Mitglieder in Brüssel, Tausende Soldaten nach Ost- und Südosteuropa zu verlegen. Die Alarmstufe wird erhöht, der Schutz der Mitgliedsstaaten vor Russland plötzlich konkret. So schlimm das Leiden der Menschen in der Ukraine ist, dem Verteidigungsbündnis gibt die russische Invasion einen Schub. Dies ist die These der ZDF-Dokumentation Comeback der Nato?, die überzeugend und durch viele Interviews belegt wird. Plötzlich hat die angeblich "hirntote" Allianz einen "Zweck und neuen Zusammenhalt", der chaotische Abzug aus Afghanistan ist vergessen.

Pünktlich zum Gipfel in Madrid erfahren die Zuschauer, wie die Nato tickt. Monatelang haben Gunnar Krüger und Florian Neuhann etwa Generalsekretär Jens Stoltenberg begleitet, der dafür sorgen muss, dass kein Mitglied per Veto den Rest stoppt. Sie zeigen, wie die Nato stets betonte, dass es nur ihre Mitglieder sind, die Waffen liefern - in der Organisation werde nur beraten. Die Kriegsverbrechen in Butscha oder Mariupol zeigen Wirkung: Es wird vermehrt schweres Gerät geliefert, Tabus fallen, und die Trennung zwischen Mitgliedern und Organisation wirkt zunehmend künstlich - etwa wenn das Ministertreffen zur Koordination der Waffenlieferungen in der Nato-Zentrale stattfindet.

Doku über Verteidigungsbündnis: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag vor Beginn des Nato-Gipfels in Madrid.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag vor Beginn des Nato-Gipfels in Madrid.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Dass die Autoren viel in Litauen gedreht haben, hat Gründe. Hier ist die Bundeswehr seit 2017 mit einem Bataillon stationiert, um Russland abzuschrecken. Das deutsche Engagement wird zunehmen, und die Bundeswehr wird konkret planen, wie die Baltenrepublik im Ernstfall zu verteidigen ist. Auch deswegen ist es wichtig, die Geschichte Osteuropas zu kennen. Eindrucksvoll berichtet Außenminister Gabrielius Landsbergis, wie er sich als Kind am "Blutsonntag von Vilnius" versteckte. 1991 schickte Michail Gorbatschow Panzer, um die Unabhängigkeitsbewegung zu stoppen - 14 Menschen starben. Heute sagt Landsbergis: "Ich hörte die schweren Motoren und das Rollen der Panzer. Das Geräusch bleibt in dir drin: Metall auf Asphalt. Du erkennst es immer wieder."

Als erstes TV-Team durfte das ZDF im Nato-Archiv drehen. Schlüssig wird gezeigt, dass es keine rechtlich verbindliche Zusage an Moskau gab, dass Staaten des Warschauer Pakts nicht zur Nato gehören dürfen. Entsprechende Aussagen von Außenminister Hans-Dietrich Genscher wurden nie Regierungspolitik, sagt die Historikerin Mary Sarotte: "Als Helmut Kohl und George Bush davon erfuhren, wurden sie sehr wütend." Der damalige Bundeskanzler setzte mit dem US-Präsidenten also die freie Bündniswahl durch. Das Beispiel Litauens zeigt, wie tendenziös der Begriff "Nato-Osterweiterung" ist: Es war eine demokratisch gewählte Regierung, die im 2004 vollzogenen Beitritt zur Allianz den besten Schutz vor Russland sah.

Comeback der Nato? ZDF, Nacht zu Donnerstag, 0.45 Uhr und bereits vorher in der ZDF-Mediathek

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