US-Medien:Mehr nach rechts?

Lesezeit: 3 min

US-Medien: Steht bei CNN wirklich wieder "objektiver Journalismus" im Fokus?

Steht bei CNN wirklich wieder "objektiver Journalismus" im Fokus?

(Foto: Mike Stewart/AP)

Die Pandemie bescherte dem Nachrichtensender CNN Traumquoten. Seitdem geht es bergab, der Sender tut sich unter dem neuen Chef schwer.

Von Fabian Fellmann

Die schwierigen Tage des ersten Covid-Jahres dürfte sich die Belegschaft von CNN wohl nicht gleich zurückwünschen. Doch damals lief es für den Dauernachrichtensender seit Langem wieder einmal richtig gut. 2020 war er der große Gewinner in der amerikanischen Kabel-TV-Welt, nach vielen Jahren der Stagnation. In der Pandemie konnte der linke Sender seine Reichweite plötzlich steigern, bei den unter 50-Jährigen gar verdoppeln. Auf einmal erschien es denkbar, den Branchenprimus Fox News mit seinem rechten, alternden Publikum einzuholen.

Inzwischen hat sich die Stimmung gedreht. Während Fox News weiter wächst, befinden sich die Zuschauerzahlen von CNN seit Monaten im freien Fall, längst sind sie zurückgefallen auf Platz 3, hinter das Programm von MSNBC.

Reagieren aber kann der Sender kaum, weil er vor allem mit internen Querelen beschäftigt ist. Zuerst musste er seinen Star Chris Cuomo feuern, der nicht nur vor der Kamera die Politik analysierte, sondern auch seinem Bruder und vormaligen New Yorker Gouverneur Ratschläge einflüsterte. Bei der Aufarbeitung der Affäre flog zudem auf, dass CNN-Chef Jeff Zucker eine Beziehung mit einer Angestellten führte. Auch er musste gehen.

Chris Licht wollte eine Neuausrichtung des Senders, "objektiver Journalismus" solle wieder zu sehen sein

Unter dem neuen Boss Chris Licht geht es nun aber auch ein halbes Jahr nach dessen Amtsantritt nicht weniger turbulent zu. Licht verlangte bei seinem Start in einem Schreiben an die Belegschaft, sie müsse das Vertrauen des Publikums wieder gewinnen, mit einer Neuausrichtung. Licht will weg vom Image des "Clinton News Network", wie Donald Trump es zu nennen pflegt. Der frühere Präsident wurde auf CNN stets hart kritisiert, seine Abwahl wurde im Programm als "Ende eines nationalen Albtraums" gefeiert. Nun solle wieder "objektiver Journalismus" auf dem Sender zu sehen sein, forderte Licht.

US-Medien: Chris Licht, neuer Chef von CNN, verlangte bei seinem Start in einem Schreiben an die Belegschaft, sie müsse das Vertrauen des Publikums wieder gewinnen.

Chris Licht, neuer Chef von CNN, verlangte bei seinem Start in einem Schreiben an die Belegschaft, sie müsse das Vertrauen des Publikums wieder gewinnen.

(Foto: Evan Agostini/Invision/AP)

Was der neue Chef damit genau meint, ist alles andere als klar. Er wolle CNN "zu einem Ort für fairen und respektvollen Dialog, Analyse und Debatte machen", erklärte Licht bei Antrittsbesuchen im Kapitol den Führungen der beiden Parteien. Anderen Medien fiel nicht nur auf, dass es ungewöhnlich ist, wenn ein CEO Politiker dazu überreden will, seinem Sender die Aufwartung zu machen, sondern auch, dass er mehr Republikaner als Demokraten traf.

Inzwischen hat Licht deutlich gemacht, dass ein Teil seiner neuen Fairness offenbar darin besteht, prominente Journalisten hinauszuwerfen. Er stellte Ende August die Mediensendung von Brian Stelter ein, und wenige Tage später nahm überraschend John Harwood den Hut. Der profilierte Korrespondent für das Weiße Haus bezeichnete Trump noch ein letztes Mal auf CNN als "Demagogen", bevor er den Sender verließ, zwei Jahre vor dem Ende seines Vertrags und ohne einen neuen Job zu haben.

Boykottaufrufe in den sozialen Medien wurden zusätzlich befeuert von einer vermeintlichen Kehrtwende der Starmoderatorin Brianna Keilar. Sie hatte sich einen Namen damit gemacht, Trumps Leute hart anzufassen. Nun aber kritisierte sie auf einmal Joe Biden, und das ausgerechnet für eine Rede, die eine düstere Warnung vor Trumps Gefahr für die amerikanische Demokratie war. Keilar wies darauf hin, dass Biden sich bei seiner Rede zur besten Fernsehzeit von Marine-Soldaten und deren Kapelle begleiten ließ: Damit verstoße er gegen die Konvention, die Parteipolitik bei solchen Anlässen ruhen zu lassen. Die Streitkräfte dürften nur bei zeremoniellen, keinesfalls aber bei politischen Auftritten eingesetzt werden, weil sie gänzlich unpolitisch sein zu hätten.

Den Einstieg ins Streaming-Geschäft hat CNN trotz seines jugendlichen Publikums verpasst

Die Meinungen auf der linken Seite waren alsbald gemacht: CNN rückt nach rechts. Das kam auch im Weißen Haus nicht gut an, das sich an die wohlwollende Berichterstattung von CNN gewöhnt hatte, wie eine Serie von Tweets von Joe Bidens Stabschef zeigte. Hinter dem Wandel wird David Zaslav vermutet, der CEO des Medienimperiums Discovery, das seit April Warner Discovery heißt, weil es sich das Mutterhaus von CNN einverleibt hat. Zaslav bestreitet, auf die politische Ausrichtung des Senders Einfluss zu nehmen, und auch Licht beteuert, es gehe ihm nur um "objektiven Journalismus".

Die aufgeregte Debatte zeigt, dass der neue Chef durchaus einen Punkt hat. Bidens Rede über die Gefahren für die US-Demokratie konnte durchaus als objektiv bezeichnet werden. Die Art und Weise aber, in der er sie vortrug und mit tagespolitischen Themen vermischte, war eine Grenzüberschreitung, die nicht nur von Republikanern als solche empfunden und in mehreren liberalen Medien kritisiert wurde. Die Aufregung um die Berichterstattung von CNN scheint dennoch mindestens dieselben Ausmaße anzunehmen wie jene im Programm des Senders.

US-Medien: John Harwood, einer der Stars von CNN (hier 2019), hat den Sender verlassen. Nicht ohne Trump bei seiner letzten Sendung noch einmal als "Demagogen" bezeichnet zu haben.

John Harwood, einer der Stars von CNN (hier 2019), hat den Sender verlassen. Nicht ohne Trump bei seiner letzten Sendung noch einmal als "Demagogen" bezeichnet zu haben.

(Foto: Bob Daemmrich /ZUMA Wire)

Wie genau CNN zu einer neuen Art der Berichterstattung findet, ohne belanglos zu werden, ist aber bisher Lichts Geheimnis. Gerade bei jüngeren Zuschauern hätte der Sender durchaus Potenzial, doch ist Kabel-TV ein schrumpfender Markt, und CNN erreicht ein beschränkteres Publikum als CBS, die Nummer eins der Antennensender. Den Einstieg ins zukunftsträchtige Streaming-Geschäft hat CNN verpasst, trotz des relativ jugendlichen Publikums.

Nach nur einem Monat stellte Licht CNN+, das Prestigeprojekt seines Vorgängers, wieder ein. Dem Sender einfach ein paar linke Zähne zu ziehen, genügt nicht; Licht muss nun schnell beweisen, dass er eine erfolgversprechende Zukunftsvision zu bieten hat. Trösten kann er sich damit, dass es auch der Konkurrenz nicht viel besser geht. Auch bei MSNBC, ebenfalls ein Sender mit linker Ausrichtung, schrumpft der Publikumskreis, nur ein klein wenig langsamer.

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