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CNN-Journalistin Abby Phillip:Die Unbeirrbare

Seventh Democratic presidential primary debate

Philipp bei einer Wahlkampfveranstaltung, die sie moderierte.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

Souveräne Pausen, Sätze wie Schneisen - prägnant, präzise, souverän. Abby Phillip ist "Senior Political Correspondent" bei CNN. Eine Karriere, wie es sie hier kaum gibt.

Von Mareen Linnartz

Sie ist das also, die mit den ausgesprochen dummen Fragen. Etwas mehr als zwei Jahre und doch eine halbe Ewigkeit ist es her, Abby Phillip steht in einem Tross von Reportern am Weißen Haus und wendet sich an den damaligen Präsidenten. Es geht um Details, den Sonderermittler Robert Mueller und eine mögliche Einflussnahme Russlands im Wahlkampf 2016. Sollte Mueller mehr "an die Zügel" genommen werden? Phillip hält ihr Smartphone auf Trump, um seine Antwort aufzunehmen. Der wird binnen Sekunden wütend. "Was für eine dumme Frage!" Sein Zeigefinger schnellt in die Höhe, er schürzt die Lippen, kanzelt sie ab: "Ich sehe Sie oft. Sie stellen viele dumme Fragen." Sie ist 29 damals, er 72. Sie ist eine junge schwarze Frau, Reporterin bei dem Fernsehsender CNN. Und er, nun ja, ist ein alter weißer Mann, der mächtigste des Landes.

Zwei Winter später gehört er - zumindest als Person mit politischem Amt - der Vergangenheit an, und ihr scheint die Zukunft zu gehören. "A star was being born", ein Star wurde geboren, schrieb die New York Times im vergangenen November voller Anerkennung, nachdem Abby Phillip während fünf nervenaufreibender Tage insgesamt 52 Stunden auf Sendung gewesen war, das Wahlgeschehen kommentierte, einordnete und in jeder Sekunde ungeheuer wach erschien. Seit Kurzem trägt sie den schönen Titel "Senior Political Correspondent". Und nun moderiert sie sonntags ein Herzstück von CNN: Inside Politics, eine Sendung, die mit Unterbrechungen annähernd 30 Jahre im Programm ist.

Wer damals im November zu allen möglichen Zeiten und Unzeiten CNN anschaltete, um endlich zu erfahren, was Georgia macht, wie es in Pennsylvania aussieht und wann verdammt noch mal endlich ein Gewinner feststeht, machte als Zuschauerin, die deutsches Fernsehen gewohnt ist, eine erstaunliche Beobachtung: Wie ungeheuer schnell, roh, professionell wahlbegleitende Sendungen sein können; keine lähmenden, vor sich hin dozierenden Professoren, keine Veteranen der Politikberichterstattung, die ihre Beamtenhaftigkeit auch in einem fancy modernen Studio nicht abschütteln können; keine sich irgendwie nur in Nuancen unterscheidenden Balkendiagramme, sondern eine faszinierende "Magic Wall", eine elektronische Landkarte aller Bundesstaaten, mit der sich überall und jederzeit die aktuellen Entwicklungen abrufen lassen.

Bei CNN arbeitet Phillip erst seit 2017

Und dann eben an einem Desk: Dana Bash, 49, Jake Tapper, 51, seit Jahren journalistische Aushängeschilder des Senders - und Abby Phillip, heute 32. Die Neue. Zum ersten Mal dabei, was man nicht merkte. Ihre Sätze: wie Schneisen, prägnant, präzise. Souveräne Pausen, sie spricht überlegt, geradezu langsam - zumindest in der Welt des amerikanischen Fernsehens, in der Moderatoren und Journalistinnen oft so atemlos ihre Erkenntnisse runterrattern, dass einem fast schwindelig werden kann. Und sagt recht früh, dass das Weigern Trumps, die Wahl anzuerkennen, noch "sehr gefährlich" werden könne.

"Abbys Intellekt ist unübertroffen, sie hat eine ziemliche einzigartige Gabe, Informationen zusammenzufassen und auf eine Art weiterzugeben, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen sich abgeholt fühlen", hat David Chalian, Politik-Chef bei CNN über sie gesagt. Und so sieht man sie nun als Co-Live-Kommentatorin bei der Erstürmung des Kapitols, während der Inaugurationsfeierlichkeiten, als Interviewerin in einem größeren Porträt über Kamala Harris. Bei dem Nachrichtensender selbst ist sie erst seit 2017.

Wer hier einwenden möchte, was einen in Deutschland Karrieren bei amerikanischen Fernsehsendern zu interessieren haben, dem sei erwidert: Die zumindest in Teilen größere Durchlässigkeit dort, das Vertrauen in jüngere, vermeintlich unerfahrenere Journalisten und Journalistinnen, auch für die größten Formate, verändert sichtbar etwas.

Vor ihrer ersten Sendung als Inside Politics-Moderatorin sagte Phillip der amerikanischen Instyle, sie glaube, viele in ihrem Alter hätten eine große Sehnsucht "im Fernsehen und in der Politik repräsentiert zu sein". Sie freue sich, ihren Teil dazu beitragen zu können, und bedient diese Zielgruppe bestens auf Instagram: Zeigt sich auch mal selbst mit lustigen Hasenohren oder ihrem Hund. Und da ist ja noch eine andere Perspektive: die einer Schwarzen, die einer Frau.

Seventh Democratic presidential primary debate

Philipp bei einer Wahlkampfveranstaltung, die sie moderierte.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

In ihrer ersten Sendung Ende Januar ist zwischenzeitlich Elizabeth Warren aus ihrem Zuhause zugeschaltet, die für die Demokraten die erste Präsidentin des Landes werden wollte und scheiterte. Sie sprechen über die verheerende Tatsache, dass die Pandemie in den Vereinigten Staaten eine Million mehr Frauen als Männer arbeitslos gemacht hat und was für ein unglaublicher Rückschlag das sein wird auf dem Weg zu einem gleichberechtigten Amerika. Ein wenig später fragt Phillip geradeheraus, wie sexistisch Warren den Politikbetrieb nach jahrelanger Erfahrung eigentlich finde. Es sei schon hart, sagt Warren und strahlt dann die Moderatorin an: "Aber mit Kamala sind wir einen Schritt näher gekommen", einen Schritt näher an die Schaltstellen der Macht.

Ein Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Trinidad und Tobago

Kamala Harris ist so etwas wie eine Konstante im Berufsleben von Abby Phillip: Mehrfach hat sie diese schon interviewt, wie Harris kommt sie aus einer Einwandererfamilie. Phillip ist in der Nähe des Machtzentrums Washington, D. C., mit fünf Geschwistern aufgewachsen, in Maryland, ihre Eltern kommen aus Trinidad und Tobago, wo sie ein paar Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Als die Familie in die USA zurückkehrte, war Phillip neun Jahre alt und sprach Englisch mit einem Akzent. Sie sei ein sehr stilles Kind gewesen, hat sie US-Medien erzählt, zurückhaltend, vor allem in der Schule.

Zu CNN kam sie, weil sie als Redakteurin der Washington Post zu Sendungen eingeladen wurde und auffiel - durch ihre scharfen Analysen. Es ist keine Karriere, die sie angestrebt hat, noch heute erzählt sie manchmal leicht verwundert, wie lange sie in die Maske muss, bevor sie auf Sendung gehen kann.

Vor fünf Jahren war sie das erste Mal zu Gast bei Inside Politics, jetzt ist sie die Gastgeberin. Der Mann, der sie einst so beschimpfte, verbringt seine Tage in Florida und spielt Golf; verschwunden ist er nicht, wüten wird er weiterhin, auch die amerikanische Politik bestimmen - es läuft das zweite Impeachment-Verfahren gegen ihn. Abby Phillip ficht das nicht an. Damals, vor dem Weißen Haus, hat sie sich gefragt, wie man so respektlos sein kann, wenn man doch nur höflich gefragt hat. Und dann gemacht, was sie bis heute auszeichnet: Sie hat sich nicht eine Sekunde beirren lassen.

© SZ/ebri
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