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Audio-App Clubhouse:Die unendliche Podiumsdiskussion

Social-Media-App Clubhouse

Um Mitglied der App Clubhouse zu werden, braucht man eine Einladung. Dann kann man an Audio-Chats teilnehmen.

(Foto: Christoph Dernbach/dpa)

Die neue App Clubhouse lockt mit künstlicher Exklusivität. Gibt es dort mehr als Medien-Blabla und Unternehmer-Gerede? Ein Test

Von Aurelie von Blazekovic

Oh, die süße Befriedigung, es hineinzuschaffen. Gerade dieser Tage, wo ja die wenigsten bangend vor Clubs, Wiesnzelten oder der Sicherheitskontrolle am Flughafen anstehen können. Und was für ein verlässlicher Endorphinauslöser das doch ist, wenn man durchkommt und drin ist. Den Mechanismus zur Marketingstrategie zu machen, den Zugang zu etwas künstlich zu beschränken, ist so stupide wie erfolgsversprechend. Man will augenblicklich rein, wo nicht jeder reinkommt, egal was drin wartet. In der App Clubhouse sind das jetzt also öffentliche Live-Audio-Chats. Am Wochenende startete die App in Deutschland. Und wer in der digitalen Welt was auf sich hält, der wollte sofort rein.

Nutzer können bei Clubhouse Räume aufmachen und dort live lossprechen. Jeder kann dazukommen, zuhören und auch mitreden. Eine Art Mischung aus Podcast und Chat also, man kann sich melden und vom Moderator das Wort erteilt bekommen. Letztlich ist das eine nicht enden wollende Podiumsdiskussion. Um in die App zu kommen, braucht man aber eine Einladung. Zumindest muss ein Kontakt aus dem persönlichen Telefonbuch einen hereinlassen, ähnlich wie in einem exklusiven Tennisklub. Am Montag schoss Clubhouse auf Platz zwei der am häufigsten heruntergeladenen Gratis-Apps bei Apple. Weiter verknappt wird der Zugang in den Klub übrigens dadurch, dass Clubhouse bisher nur für iPhone-Besitzer erhältlich ist.

Am Dienstagabend warteten 5000 Menschen in der App auf Thomas Gottschalk, der dort nach längeren Technikproblemen über den Lockdown-Alltag plauderte

Wer tummelt sich und talkt also bei Clubhouse? Medien- und Tech-Leute, Unternehmer, Politiker und Social-Media-Gurus. Menschen, die alle Plattformen bespielen wollen. Man kann anderen folgen und Benachrichtigungen erhalten, wenn sie Räume öffnen. Wie bei anderen sozialen Netzwerken sorgt außerdem ein Algorithmus für das Angebot der Inhalte. Ein erster Rundgang durch die Club-Räume führt etwa zu den "Daily Habits of High Performers". Das hört sich vielversprechend an, beim kurzen Hineinhören erfährt man in der Gesprächsrunde: Wird einem sein Business zu stressig und die Beziehungen leiden, sollte man seine Lebensbereiche mal wie Bankkonten betrachten. Man könne nur abheben, wo man vorher eingezahlt hat und müsse nun auf sein Liebeskonto, äh, einzahlen. So zumindest ein britischer "Coach", der laut seiner Profilbeschreibung schon "40 Millionen Verkäufe" generiert hat.

Es warten andere Räume mit klingenden Titeln wie "Millionaire Breakfast Club" und "E-Commerce Aktien", wo die ahnungslose Nutzerin glücklicherweise nicht zum Mitsprechen aufgefordert wurde und über die Funktion "Leave quietly" wieder aus dem Raum schleichen konnte. Der Algorithmus und die ohne Million auf dem Konto frühstückende Nutzerin kennen sich eben noch nicht so richtig, man muss der App erst seine Interessensgebiete beibringen. Clubhouse hat nicht anders als beispielsweise Twitter oder Instagram eigene Ecken für alle möglichen Themengebiete. Egal ob Architektur, Psychedelika, Dating, Schwangerschaft oder Formel 1 - in der App lassen sich mit dem passenden Emoji Themen filtern.

Kampfsportarten oder Aktien - wer seine Interessen angibt, soll in der App auf entsprechende Audio-Chats stoßen.

(Foto: Screenshot: Clubhouse)

Es soll hier also keineswegs nur Unternehmergerede und Medien-Blabla geben. Aber das muss sich erst noch beweisen. Die über das Einladungssystem getriggerte Angst, auf einer neuen Plattform etwas zu verpassen, funktioniert natürlich bestens bei der Zielgruppe der App: Menschen, die überall mitreden wollen. Über die Auswahl des Interessensgebiets "Germany" kommt die neue Nutzerin übrigens schon nach kurzer Zeit in Räume wie "Mittag im Regierungsviertel", wo Bundestagsabgeordnete der SPD mit Kommunikationsexperten und -expertinnen über "Politik als linearen Prozess" fachsimpeln, zumindest bis der Moderator des Raums wegen eines Feueralarms, vermutlich irgendwo im Regierungsviertel, abbrechen muss. Spannend ist das also schon irgendwie. Ob der Spaß über den ersten Hype des Hineinkommens bleibt, muss sich zeigen.

In den USA gibt es Clubhouse schon seit April vergangenen Jahres. Dort lockten unter den ersten Nutzern Rapper Drake und Schauspielerin Tiffany Haddish. Deutsche Promis kommen bisher vorwiegend aus Journalismus und Politik, folgen kann man etwa schon Christian Lindner oder Dorothee Bär. Am Dienstagabend warteten 5000 Menschen in der App mehr als eine halbe Stunde auf Thomas Gottschalk, der dort nach längeren Technikproblemen mit dem Journalisten Sascha Lobo und der Journalistin Jule Wieler über Lockdown-Alltag und US-Politik plauderte. Die Datenschutzprobleme halten scheinbar niemanden auf. Clubhouse fordert Zugriff auf sämtliche Kontakte im Adressbuch des iPhones, was wohl nicht mit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung vereinbar ist. Zum Glück gibt es zur Kritik an Clubhouse schon etliche Gesprächsräume.

© SZ
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