"Closer" und François Hollande Klatsch und Abklatsch

Frankreichs Präsident François Hollande

Zuvor hatte sich die Klatschpresse bequem in der Plauderecke der Wochenmagazine eingerichtet, nun rückt Frankreich von seiner feineren Art des Sensationsjournalismus ab. Das zeigt der Fall Hollande - aber nicht nur der.

Von Joseph Hanimann, Paris

Auch auf dem Pflastersteinniveau des Boulevards gibt es bei den Medien noch Höhenunterschiede in Sachen Stil und Geschmack, zumindest in Frankreich. Das schafft eine wahre Kulturschwelle gegenüber den Ländern jenseits von Ärmelkanal und Atlantik. "Austernschlürfer", "Froschschenkelbeißer" - spottete die britische Boulevardpresse nach François Hollandes Pressekonferenz über die französischen Kollegen und deren Hemmung, dem Staatspräsidenten intime Geheimnisse aus seinem Liebesleben abtrotzen zu wollen.

Anders als die angelsächsische Welt hat sich Frankreich, das keine Tagespresse für Klatsch und Sensation kennt, in diesem Sektor bequem in der Plauderecke der Wochenmagazine eingerichtet. Paris Match oder France Dimanche stehen seit sechzig Jahren für ein Genre des Celebrity-Tratschs mit Samthandschuhen, bei dem die Sensation zwar heiß gegessen, dann aber langsam verdaut werden will. Das führt dazu, dass man sich nicht mit täglich neuen Enthüllungen in einen Fall festbeißt, bis das Opfer strauchelt.

Schmerzhaft nah

"Das ist ein Präsident, der eine Vorliebe hat und eine Geschichte": Das Boulevardblatt "Closer" behauptet, François Hollande hat eine 18 Jahre jüngere Geliebte. Frankreichs Präsident pocht auf seine Privatsphäre, dürfte aber wissen, dass das Magazin ein harter Gegner ist. Von Jana Stegemann mehr ...

Abgestürzte Politiker infolge von spektakulären Schlagzeilen sind eher selten, mochten auch manche Geschichten wie die Fotos des Paris Match 2005 von Sarkozys damaliger Frau Cécilia mit ihrem Liebhaber in New York den Präsidenten in Rage versetzen. Ein Rest Raffinement, Stilgefühl, manchmal sogar Galanterie aus aristokratischen Zeiten ist in diesen Blättern zwischen Salon und Gosse hängengeblieben. Paparazzi allein haben in den Redaktionen traditionell nicht das Sagen. "Das Gewicht der Worte, der Schock der Bilder" - hieß lange das Motto von Paris Match, ein Blatt, für das immerhin auch Hollandes bisherige Lebenspartnerin Valérie Trierweiler schreibt.

Von dieser feineren Art des Sensationsjournalismus scheint Frankreich jedoch langsam abzurücken, seit Neulinge wie das 2005 lancierte Magazin Closer der britischen Gruppe Emap über den Ärmelkanal dringen. Dennoch haben die alteingesessenen Titel unter dem halben Dutzend französischer Klatschmagazine einstweilen den längeren Atem. Mit einer Auflage von knapp 600.000 Exemplaren steht Paris Match immer noch an vorderster Stelle, während Titel wie Closer oder das einer Bertelsmann-Tochter gehörende Voici nur auf die Hälfte kommen. Doch macht sich die rücksichtslos nach dem Scoop und dem Coup gierende Bereitschaft zum Bruch mit den Konventionen überall bemerkbar.

Dabei müssen Gegenstand und Ton der Titelgeschichten zwangsläufig besonders sein in einem Land, das seinen Adel auf die Guillotine geschickt und nach dem kurzen Zwischenspiel zweier Kaiser in den alten Palästen unter denselben Lüstern die Würdenträger der Republik installiert hat. Als Ersatzadel kam vor allem das Haus Monaco (die Grimaldis) zum Zug, eine Art sonniger Nebenhof Frankreichs, der mit mehr als 200 Titelgeschichten seit Bestehen von Paris Match alle anderen Königshöfe Europas weit übertrifft.