Süddeutsche Zeitung

"Closer" und François Hollande:Schmerzhaft nah

"Das ist ein Präsident, der eine Vorliebe hat und eine Geschichte": Das Boulevardblatt "Closer" behauptet, François Hollande hat eine 18 Jahre jüngere Geliebte. Frankreichs Präsident pocht auf seine Privatsphäre, dürfte aber wissen, dass das Magazin ein harter Gegner ist.

Auch wenn das mit Blick auf die aktuelle Titelstory des Boulevardblattes Closer niemand glauben möchte: Frankreich hat eines der strengsten Pressegesetze der Welt. Trotzdem veröffentlichte Closer am Freitag eine Titelgeschichte mit der Überschrift "François Hollande und Julie Gayet - Die geheime Liebe des Präsidenten". Auf sieben Seiten berichtet das Blatt über die angebliche Liebesaffäre zwischen dem französischen Präsidenten und der 18 Jahre jüngeren Schauspielerin.

Closer ist ein Boulevard-Magazin, das die Hürde bei Persönlichkeitsrechten weiter unten ansiedelt als andere. Und offenbar steht im Zweifel genug Geld für Schmerzensgeldzahlungen und Gerichtsprozesse zur Verfügung.

Auf den publizierten Bildern ist ein Mann von der Größe Hollandes zu sehen, der sich mit Helm und dunklem Trenchcoat bekleidet auf einem Motorroller zu einem Haus fahren lässt. Ein anderes Foto soll Gayet an derselben Tür eines Hauses mit der Nummer 20 zeigen. Als Beleg für die Identität Hollandes dient Closer ein ebenfalls vor dem Gebäude fotografierter Mann, bei dem es sich um den Leibwächter des Präsidenten handeln soll. Als weiterer Beweis werden die Schuhe, die Hollande bei offiziellen Anlässen trug, mit denen des Mannes auf dem Foto verglichen.

Hollandes Gesicht ist unter dem Motorradhelm nicht zu erkennen, und doch schreibt die Closer-Redaktion: Der 59-jährige Politiker verbringt seit Juni 2013 immer wieder gemeinsame Nächte mit der 41-jährigen Schauspielerin. Als Liebesnest diene eine Wohnung im eleganten achten Pariser Bezirk, die auf den Namen von Freunden der Schauspielerin laufe und nur wenige Minuten vom Elysée-Palast entfernt liege.

Das Magazin schreibt weiter: Hollande lasse sich abends mit dem Motorroller zu der Wohnung fahren und am nächsten Morgen wieder abholen. Ein Personenschützer prüfe zuvor den Hauseingang, an einem Morgen habe er Croissants mitgebracht. Der Präsident steige in einer Tiefgarage in ein Auto um und werde diskret in sein Büro gefahren. Ist der Präsident während seiner nächtlichen Ausflüge überhaupt ausreichend geschützt?, sorgt sich Closer.

In einer Stellungnahme, in der sich François Hollande als Privatmann und nicht als Präsident äußert, beklagt er "zutiefst" die Verletzung seiner Privatsphäre. "Die Achtung des Privatlebens" stehe ihm zu "wie jedem Bürger", heißt es und dass er mit Blick auf die Veröffentlichung alle "Schritte, auch juristischer Art" prüfe. Den Inhalt des Berichts dementierte Hollande nicht. Gayet, die sich im Wahlkampf für Hollande öffentlich engagiert hatte, ist gegen entsprechende Berichte - Gerüchte über eine Affäre der beiden gibt es seit etwa einem Jahr - bereits juristisch vorgegangen.

"Das ist ein normaler Präsident"

Die beiden haben mit Laurence Pieau eine starke Gegnerin. Die Chefredakteurin von Closer gilt als harte Geschäftsfrau und verteidigte gegenüber dem Sender Europe 1 die Veröffentlichung: "Das ist ein normaler Präsident, eine normale Person. Das ist ein Präsident, der eine Vorliebe hat und eine Geschichte." Hollande ringt um seine Privatsphäre, Pieau zieht fragend eine Augenbraue hoch. Ähnlich verständnislos zeigte sie sich im vergangenen Jahr, als es um Herzogin Catherine ging.

Im Falle der Frau von Prinz William hatte Closer ein Foto eines Paparazzo veröffentlicht, dass Catherine während eines Privaturlaubs des Paares in der Provence oben ohne zeigte. Closer brachte die recht körnigen Fotos auf seiner Titelseite. Großbritannien japste.

Pieau bekam Hunderte böse Lesermails - auch Morddrohungen. "Ich habe nur meinen Job gemacht", sagte sie. Die Fotos seien "keinesfalls schockierend", sondern zeigten eine "junge Frau beim Oben-Ohne-Sonnenbaden, wie Millionen andere Frauen, die man am Strand sehen kann". Die Redaktion weigert sich, den Namen des Paparazzo rauszugeben und beruft sich darauf, lediglich die Erstverwertungsrechte an den Bildern erkauft zu haben. Aus der virtuellen Welt konnte auch ein Richterspruch die Fotos der barbusigen Kate nicht entfernen.

Closer ist nicht nur Europas erfolgreichstes Peoplemagazin mit einer Reichtweite von sechs Millionen Lesern, sondern auch Marktführer in Frankreich und England. 2002 wurde es auf der Insel ins Leben gerufen und 2012 nach Deutschland exportiert, wo es im Bauer Verlag erscheint. Das bunte Heft wirbt mit "People-Journalismus der nächsten Generation", mit "höchstem Anspruch an Exklusivität und einem Blick hinter die Kulissen". Vor allem aber druckt Closer in allen drei Ländern: Paparazzibilder. Dazu sagte der Chefredakteur der deutschen Ausgabe, Tom Junkersdorf, in einem SZ-Gespräch: "Wir fotografieren nicht Häuser, wir fotografieren nicht in Grundstücke. Bei uns fängt die Berichterstattung an, wenn ein Star auf die Straße geht. Star sein ist kein Schicksalsschlag, man sucht sich das aus." Um diese Fotos werden dann Geschichten gestrickt, eine perfekte PR-Kampagne sorgt für den Rest. Selbst vor der Bundeskanzlerin im Badeanzug machte die Redaktion nicht Halt. (Junkersdorf: "Wir haben bewusst Bilder ausgesucht, auf denen sie gut in Form ist.")

Hollande dürfte das alles bewusst sein. Schon mal hatte der Präsident Ärger mit dem Magazin, als es 2007 Urlaubsfotos von ihm mit seiner damaligen neuen Freundin in Marokko veröffentlichte. Eigens dafür kam das Magazin drei Tage früher mit der aktuellen Ausgabe raus und stellte mit 805.000 verkauften Exemplaren einen neuen Verkaufsrekord auf. Die Frau auf den Fotos war Valérie Trierweiler - offiziell bis heute Hollandes Lebensgefährtin. Wegen ihr hatte er sich von Ségolène Royal, der Mutter seiner vier Kinder, getrennt, mit der er 20 Jahre zusammen war.

Hollande könnte aber auch einfach Silvio Berlusconi anrufen. Zu dessen Medienimperium gehört die französische Ausgabe von Closer.

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