Süddeutsche Zeitung

"Closer" und François Hollande:Klatsch und Abklatsch

Zuvor hatte sich die Klatschpresse bequem in der Plauderecke der Wochenmagazine eingerichtet, nun rückt Frankreich von seiner feineren Art des Sensationsjournalismus ab. Das zeigt der Fall Hollande - aber nicht nur der.

Auch auf dem Pflastersteinniveau des Boulevards gibt es bei den Medien noch Höhenunterschiede in Sachen Stil und Geschmack, zumindest in Frankreich. Das schafft eine wahre Kulturschwelle gegenüber den Ländern jenseits von Ärmelkanal und Atlantik. "Austernschlürfer", "Froschschenkelbeißer" - spottete die britische Boulevardpresse nach François Hollandes Pressekonferenz über die französischen Kollegen und deren Hemmung, dem Staatspräsidenten intime Geheimnisse aus seinem Liebesleben abtrotzen zu wollen.

Anders als die angelsächsische Welt hat sich Frankreich, das keine Tagespresse für Klatsch und Sensation kennt, in diesem Sektor bequem in der Plauderecke der Wochenmagazine eingerichtet. Paris Match oder France Dimanche stehen seit sechzig Jahren für ein Genre des Celebrity-Tratschs mit Samthandschuhen, bei dem die Sensation zwar heiß gegessen, dann aber langsam verdaut werden will. Das führt dazu, dass man sich nicht mit täglich neuen Enthüllungen in einen Fall festbeißt, bis das Opfer strauchelt.

Abgestürzte Politiker infolge von spektakulären Schlagzeilen sind eher selten, mochten auch manche Geschichten wie die Fotos des Paris Match 2005 von Sarkozys damaliger Frau Cécilia mit ihrem Liebhaber in New York den Präsidenten in Rage versetzen. Ein Rest Raffinement, Stilgefühl, manchmal sogar Galanterie aus aristokratischen Zeiten ist in diesen Blättern zwischen Salon und Gosse hängengeblieben. Paparazzi allein haben in den Redaktionen traditionell nicht das Sagen. "Das Gewicht der Worte, der Schock der Bilder" - hieß lange das Motto von Paris Match, ein Blatt, für das immerhin auch Hollandes bisherige Lebenspartnerin Valérie Trierweiler schreibt.

Von dieser feineren Art des Sensationsjournalismus scheint Frankreich jedoch langsam abzurücken, seit Neulinge wie das 2005 lancierte Magazin Closer der britischen Gruppe Emap über den Ärmelkanal dringen. Dennoch haben die alteingesessenen Titel unter dem halben Dutzend französischer Klatschmagazine einstweilen den längeren Atem. Mit einer Auflage von knapp 600.000 Exemplaren steht Paris Match immer noch an vorderster Stelle, während Titel wie Closer oder das einer Bertelsmann-Tochter gehörende Voici nur auf die Hälfte kommen. Doch macht sich die rücksichtslos nach dem Scoop und dem Coup gierende Bereitschaft zum Bruch mit den Konventionen überall bemerkbar.

Dabei müssen Gegenstand und Ton der Titelgeschichten zwangsläufig besonders sein in einem Land, das seinen Adel auf die Guillotine geschickt und nach dem kurzen Zwischenspiel zweier Kaiser in den alten Palästen unter denselben Lüstern die Würdenträger der Republik installiert hat. Als Ersatzadel kam vor allem das Haus Monaco (die Grimaldis) zum Zug, eine Art sonniger Nebenhof Frankreichs, der mit mehr als 200 Titelgeschichten seit Bestehen von Paris Match alle anderen Königshöfe Europas weit übertrifft.

Halb freiwillig

Monaco hat seit Grace Kelly auch den Vorteil, mit blauem Blut und freiwilliger oder unfreiwilliger Schauspielerei eine Lieblingskombination für das französische Klatschpublikum zu bieten. Denn mehr noch als anderswo sind in Frankreich die Filmstars und berühmten Sänger die Traumfiguren des Sektors - Johnny Hallyday, Alain Delon, Brigitte Bardot stehen mit ihren bis zu sieben Dutzend Titelgeschichten bei Paris Match weit vor allen anderen Berühmtheiten aus Politik, Sport und Unterhaltung. Darin dürfte ein Schlüssel zum Verständnis von Frankreichs Einstellung zur Sensationspresse liegen.

Mehr als der Blick durchs Schlüsselloch fanden bei französischen Lesern bisher die erhaschten Bilder von Szenen Anklang, wo die Betroffenen halb freiwillig mitzuspielen scheinen: Momente von mitunter inszeniert wirkender Intimität an fernen Stränden oder zu Hause. Selbst wo die Bilder gegen den Willen der Stars geschossen wurden, wirken sie manchmal so, als hätten die Protagonisten ihre Rolle nicht ganz abgelegt.

Wohl kann es hinterher zu Gerichtsklagen kommen, wie gerade im Fall von Hollandes angeblicher Geliebten Julie Gayet, die gegen Closer Anzeige erstattet hat und Schadensersatz fordert. Im Gegenzug der latenten Komplizenschaft spielten bisher die Medien gern mit durch Einhaltung gewisser Tabus, manchmal sogar durch vorauseilende Korrektheit, wenn Paris Match bei einem Urlaubsfoto von Sarkozy ein Fettpölsterchen an der Taille wegoperierte. Die in Frankreich geltende Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre stößt hier an ihre Grenzen, indem das Private ins Politische zurückschwappt und ein dynamischer Staatspräsident eben kein Indiz von Verfettung zeigen darf.

Führung des Tabubruchs

Diese Umgangsformen beruhen jedoch auch auf einer anderen Voraussetzung. Im Unterschied zur französischen Tagespresse, die mangels großer Medienkonzerne teilweise in Händen der Luxus- und der Waffenindustrie liegt, sind bei den Magazinen einschließlich der Klatschpresse die Mediengruppen wie Hachette Filipacchi oder Prisma stärker präsent. Die traditionelle Nähe zwischen wirtschaftlich-publizistischer und politischer Macht war lange ein Riegel, hinter dem auch private Staatsgeheimnisse gewahrt werden konnten. Dass die Existenz der Tochter von Staatspräsident Mitterrand trotz interner Gerüchte über Jahre hin nicht an die Öffentlichkeit gelangte, erklärte sich aus einer Mischung aus journalistischem Berufsethos und eigennütziger Respektierung der Staatsmacht. Ausgeplaudert hat Mitterrands Geheimnis der journalistische Haudegen Jean-Edern Hallier, mit seinem polemischen Blatt L'Idiot international damals ein Einzelgänger.

Anstelle solcher Querschläger haben die neuen Profis des Skandalgeschäfts mit ihrer Gewinnlogik die Führung des Tabubruchs übernommen. Die Paparazzi mögen dieselben geblieben sein. Der Fotograf Sébastien Valiela hat vor Hollandes neuer mutmaßlichen Geliebten Julie Gayet auch schon Mitterrands Tochter Mazarine Pingeot und dem Schauspieler Gérard Depardieu oder Jane Birkin nachgestellt. Der Schlüssellochblick findet bei Franzosen mehr Interesse als früher. Dass man von diesem Blick sich jedoch gar nicht mehr losreißen kann, wie die Skandalpresse es verlangt - so weit ist es in Frankreich noch nicht gekommen.

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SZ vom 17.01.2014/mkoh
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