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Fälschungen beim "Spiegel":"Es war ja jenseits der Vorstellungskraft, dass jemand das macht"

Juan Moreno

Juan Moreno, 46, arbeitet seit knapp zwölf Jahren beim Spiegel. Zuvor war er Redakteur bei der ARD, Radiomoderator für den WDR, TV-Moderator bei Phoenix sowie SZ-Kolumnist. Er ist Autor mehrerer Bücher.

(Foto: Mirco Taliercio)

Was wäre passiert, wenn Sie diese Erwiderung vorher gesehen hätten?

Ich hätte die Mails von Relotius früher als Fälschung enttarnen können. Ich wusste, dass sie falsch sind - denn ich hatte ja sowohl Foley als auch Maloof besucht, ich hatte ihnen Fotos von Relotius gezeigt, und sie sagten, diesen Mann nie gesehen zu haben. Maloof zeigte mir seinen Ausweis. Ich hatte das auf Video. Nachdem mir die Redaktion die Mails vorgelegt hatte, wusste ich, die müssen falsch sein. Ich bin ins Auto gestiegen, habe bei Yahoo eine Mailadresse angelegt, die so ähnlich klang wie die von Relotius' angeblichem Protagonisten, und Ullrich Fichtner (gehört künftig zum Team der Chefredaktion des Spiegels; Anm. d. Red.) eine Mail geschrieben, auf Englisch: "Hallo, mein Name ist Luger, ich schwöre, dass Claas Relotius die Wahrheit sagt. Wir haben heute drei Mexikaner erschossen, es war ein großer Tag für Amerika." Luger nannte sich einer der Bürgerwehrler.

Um zu zeigen, wie leicht sich Mails fälschen lassen.

Es war ja jenseits der Vorstellungskraft, dass jemand das macht. Es ist unglaublich, mit welchem Einsatz Relotius gespielt hat. Wenn der Fotograf Milano in seine Bildtexte die Namen der Männer geschrieben hätte, hätte sich Relotius schon mit der Bilddokumentation auseinandersetzen müssen, beim Spiegel sind Bild- und Textdokumentation getrennt. Hat er aber nicht. Die reale Nachricht von Milano lautete allerdings: Ich weiß, dass der Mann Maloof heißt. Er hatte ihn oft getroffen.

Auch diese Milano-Mail war gefälscht?

Alle Mails waren gefälscht. Relotius hat auch eine Mail der Bürgerwehr-Sprecherin gefälscht. Diese E-Mails standen gegen meine Videos. Die Reportage erschien, ohne dass meine Warnungen irgendwie berücksichtigt wurden.

Was ging wohl in Relotius vor?

Er muss so unglaublich einsam gewesen sein. Seine Geschichten erfüllen auf elegante Art Erwartungen und Vorstellungen, und sie haben vor allem immer einfache Erklärungen. Wenn man als Reporter aber eines lernt: Es ist immer grau, nie schwarz oder weiß. Aber so wütend ich war, dass ich da gegen Wände gerannt bin: Wäre mir das als Chef auch passiert? Vielleicht.

Wie dick waren denn die Wände, gegen die Sie beim "Spiegel" gelaufen sind?

Spiegel-Qualitätswände. Solide Wände.

Haben Sie an sich gezweifelt, als Ihnen niemand glauben wollte?

Total. Es ist tatsächlich so, dass ich nicht mehr sicher war, ob ich noch einen Job habe. Ich bin Pauschalist mit einem Vertrag, der jedes Jahr automatisch ausläuft. Wenn über so einer Geschichte mein Name steht und das irgendwann hochkommt, ohne dass ich etwas gesagt habe, bin ich mit drin. Das ist existenzbedrohend.

Andersherum, wenn Sie falsche Vorwürfe erhoben hätten, auch.

Die Branche ist klein, dann wäre erzählt worden, Moreno erträgt nicht, dass ein brillanter Autor wie Relotius besser ist als er. Aber mein Name stand auf dem Spiel.

Kann man an dieser einen Reportage erklären, warum Relotius' Masche so lange funktionierte, die Kontrollen versagten?

Das fällt alles wunderbar zusammen in seinen Geschichten, die haben etwas Tröstendes. Es ist totaler Zeitgeist. Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt. Wenn man in eine Geschichte wie "Jaegers Grenze" schreibt, die Zahl der Flüchtlinge hat sich in den letzten Jahren aber um 85 Prozent reduziert, zerstört das den ganzen Mood.

Wie haben Sie letztlich erfahren, dass Relotius aufgeflogen ist?

Mit einem Einzeiler von Ullrich Fichtner: "Das System Claas R. bricht zusammen."

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