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Juan Moreno über Kritik an seinem Buch:"Wo ist das Problem?"

Einem Reporter wie Moreno, dessen Währung die Glaubwürdigkeit ist, können die Vorwürfe schwer schaden. Auch deshalb hat er am Tag vor seinem Auftritt bei den Münchner Medientagen die SZ besucht. Mit einem Rucksack voller Dokumente berichtete er in einem gut dreistündigen Gespräch von seiner Recherche. Das geplante Interview scheiterte an den Vorstellungen vom Autorisierungsprozess.

"Die Szene hat es so nie gegeben", sagt der Anwalt von Claas Relotius über den Schluss des Buches

Tatsächlich kann man bei einigen der von Relotius' Anwalt angeführten Punkten durchaus von "Randfragen und Nebenschauplätzen" sprechen, wie es der Rowohlt-Verlag tut. Die Frage etwa, ob die Bürotür von Claas Relotius beim Spiegel "immer" verschlossen war, wie es das Buch beschreibt, ob dieser wirklich "jeden Tag" mit seinen Kollegen beim Essen war, ob er einem Mitarbeiter immer "die erste Frage" nach dessen kranker Mutter stellte. (Der Anwalt stellt klar, dass sich Relotius nach der Mutter erkundigt habe, es aber nie die erste Frage gewesen sei.) Daneben werden auch Textstellen beanstandet, in denen Relotius offenbar seine Lügen falsch wiedergegeben findet: dass die kranke Schwester, die er erfunden hatte, nicht wie von Moreno beschrieben an Krebs gelitten habe zum Beispiel. Und auch wenn keiner der Kritikpunkte die Geschichte des Fälschers Relotius im Kern infrage stellt, werfen einige davon handwerkliche Fragen auf. Etwa, wenn man das Buch ganz hinten aufschlägt.

Nachdem er aufgeflogen war, habe Relotius behauptet, er sei in einer Klinik in Süddeutschland, heißt es da. Ein Kollege aber habe eine Spiegel-Sekretärin getroffen. "Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg." So endet das Buch, ein starkes Ende. Weil es jede Hoffnung auf eine Läuterung des Claas Relotius erstickt.

"Die Szene hat es so nie gegeben", teilt Anwalt Schertz mit. Laut Zeit ist sich die Sekretärin nicht sicher, Relotius eindeutig erkannt zu haben. Mit Moreno selbst habe sie nicht gesprochen. Hat Moreno an dieser Stelle die Genauigkeit dem Effekt geopfert? Warum hat er nicht selbst mit der Sekretärin gesprochen? Der Branchendienst Übermedien liefert eine Erklärung, die Moreno selbst nicht offiziell bestätigen will: Für das Buch sei ursprünglich ein Co-Autor geplant gewesen. Der soll für Moreno recherchiert und auch die Fahrrad-Geschichte erfahren haben.

"Ich gehe bis heute davon aus, dass das stimmt", sagt Moreno bei den Medientagen. Falls er Fehler gemacht habe, werde er sie korrigieren. Er habe "nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert". Warum er sich die Fahrradszene nicht von mindestens zwei Quellen bestätigen hat lassen, fragt der Moderator. "Ich hab' natürlich 30 Quellen dazu, weil die Frau das allen gesagt hat", ruft er. "Wo ist das Problem?", ruft er, sichtlich erzürnt, dass mögliche Fehler mit vorsätzlichen Fälschungen gleichgesetzt werden.

Ironischerweise zählt der Relotius-Skandal neben den Lügen des US-Präsidenten Donald Trump zu den Hauptgründen, warum der Anspruch an die Genauigkeit gestiegen ist, mit der Reporterinnen und Autoren die Wirklichkeit schildern sollen. Womöglich hätte sich vor ein paar Jahren niemand über die so letztgültig formulierte Fahrradszene gewundert.

So sieht Moreno das offenbar noch immer: Es gehe in der Schlussszene schlicht darum, dass Relotius noch immer weiterlügt. Was er auf Seite 127 viel expliziter erwähnt habe. "Relotius hat, auch nachdem er aufgeflogen war, gelogen. Immer und immer wieder. Er hat nicht damit aufgehört. Nachweislich", steht da. Kein Anwalt sei dagegen vorgegangen, sagt der Autor. Ob er es bereue, dass er sich durch den Schluss angreifbar gemacht habe, fragt der Moderator in München. Eine Antwort bekommt er darauf nicht.

Die Frage ist: Wie heldenhaft muss Juan Moreno eigentlich sein?

Das Bedürfnis scheint in weiten Teilen des Publikums groß zu sein, ihn entweder als Supermann oder als Gestrauchelten zu sehen. Es ist dasselbe Bedürfnis, das die Hochglanzgeschichten des Claas Relotius so erfolgreich gemacht hat: weil sie die Welt so wunderbar in richtig und falsch, gut und böse, wahr und unwahr sortieren, weil sie keine Fragen und Brüche zulassen.

Niemand ist ein 24-Stunden-Held, weil er etwas Heldenhaftes getan hat. Aber Heldentaten sind auch nicht weniger wert, wenn sie von einem Menschen vollbracht worden sind, der vielleicht mal Fehler macht. Und selbst Skandale wie dieser können manchmal Fluch und Segen zugleich sein. Etwa, wenn sie Bücher verkaufen.

© SZ vom 28.10.2019
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