ZDF:Der Mann, der Claus Kleber beerbt

Christian Sievers

Von 19 Uhr versetzt auf 21.45 Uhr: Christian Sievers, Journalist beim ZDF.

(Foto: Jana Kay/ZDF und Jana Kay)

Christian Sievers übernimmt zum Jahresende das "Heute-Journal" vom Vorgänger, der in den Ruhestand geht.

Von Claudia Tieschky

Was anderen Menschen an einem auffällt, ist auf seltsame Weise unberechenbar. Daher ist Christian Sievers an diesem Donnerstag am Telefon auch erst mal perplex über die Frage, warum er den Ehering am Mittelfinger trägt. Darüber, sagt er, habe er noch nie nachgedacht, und, der Ring wandere auch öfter mal von Finger zu Finger. "Meine Mutter sagt immer, ich sei viel zu nervös."

Richtig daran ist: Wenn Christian Sievers in den "Heute"-Nachrichten um 19 Uhr im ZDF auf dem Bildschirm erscheint, dann bringt er eine sehr feine Art von Dynamik rüber. Völlig unabhängig davon, wie die Weltlage aussieht, Sievers hat etwas Entschlossenes im Blick, manchmal gepaart mit Grimmigkeit, manchmal mit einer tänzelnden Unruhe, oft aber auch mit heiterer Note. Sogar, wenn er - ein Job, den er auch noch hat - die Wahlhochrechnungen im Mainzer Sender vorträgt: Mit ihm kann man der Weltlage standhalten, das strahlt seine ganze Erscheinung aus.

Vielleicht kann er das alles vermitteln, weil Sievers sich aus der Nähe mit Krisen und Katastrophen befasst hat: Als langjähriger Nahost-Korrespondent des ZDF, aber auch als Reporter nach den Terroranschlägen in New York 2001. Um vom Mainzer Lerchenberg aus überhaupt dorthin zu kommen, erzählt Sievers am Telefon, campierte er mit einer Kollegin zwei Tage lang am Frankfurter Flughafen in der Abflughalle, bis wieder ein Flugzeug ging, das sie mitnahm. In den Tagen danach berichtete er in Reportagen über die Stadt im Ausnahmezustand - und zwar für das "Morgenmagazin", bei dem er damals arbeitete: "Ich habe als Langschläfer elf Jahre meines Lebens die Frühaufsteher-Karte gehabt."

Bei "Heute" um 19 Uhr hört er schon nächste Woche auf

In der ARD moderierte am 11. September 2001 übrigens der Washington-Korrespondent Claus Kleber, der später zum "Heute-Journal" des ZDF wechselte - und den Sievers, inzwischen 51, nun zum Jahresende beerbt, wenn Kleber aufhört. So kommt es, dass Sievers schon am Donnerstag nächster Woche seine letzte "Heute"-Sendung moderiert. Im "Heute-Journal" half er bisher immer wieder mal aus, künftig wechselt er sich im Wochentakt mit Marietta Slomka ab.

Alles kann sich schlagartig ändern, so hat Sievers einmal in einem Interview seine Erfahrung als Journalist im Nahen Osten zusammengefasst. Gar nicht schlagartig, sondern nach und nach hat sich seine Rolle im ZDF verändert. Als er 2013 als Vertretungsmann beim "Heute-Journal" einstieg, war er gleichzeitig noch Leiter des ZDF-Studios Tel Aviv und pendelte alle paar Monate. 2014 wurde er Moderator der "Heute"-Nachrichten und zog ganz zurück nach Deutschland.

Wenn man will, kann man bei Sievers interessante Parallelen zum Vorgänger Kleber feststellen: Beide studierten Rechtswissenschaften, beide kamen über den Südwestfunk - einen Vorgängersender des SWR - zum Radio, beide zog es in die USA. Sievers hatte mit 27 ein Jahr ein Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Aussicht, falls er einen Sender fände, der ihn nähme. Das tat dann der Lokalsender WTNH-Channel 8 in New Haven im Bundesstaat Connecticut. Sievers berichtete über alte Damen mit vielen Tieren oder tägliche Probleme mit der Müllabfuhr. "Superviel gelernt" habe er da, über das amerikanische Leben, aber vor allem das Rausgehen und Berichten, und Schnelligkeit - "der US-Journalismus ist ja oft gnadenlos in seiner Konkurrenz."

Man hört, dass er sich gerne an diese Zeit erinnert, und dazu passt, dass er auch im Studioalltag "weiter begeistert für die Themen dieser Welt" sein will. Von großen Ankündigungen will er nichts wissen: "Ich bin nicht der neue Claus Kleber. Claus kann man nicht klonen, aber man kann sehr viel von ihm lernen." Für seine letzte "Heute"-Sendung kommende Woche kündigt er schon mal an, dass es "garantiert keine Showeinlage" gibt. Aber mal sehen, wo an diesem Tag der Ring sitzen wird.

© SZ
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