Chinesisches Fernsehen bei Olympia Auf Teufel komm raus in die Arena

Immer ein Hingucker: Das chinesische Staatsfernsehen hatte bei Olympia in London einen Plan B vorliegen - für den Fall, dass Weltklasse-Hürdensprinter das Liu Xiang ausfällt. Denn als Volksheld sollte der Sportler auch dann inszeniert werden, wenn er kein Gold erringt.

Von Thomas Hahn

Vom Olympiasieger Liu Xiang aus Shanghai weiß man gar nicht mehr so genau, was er in Wirklichkeit ist: immer noch ein Hürdensprinter? Oder schon ein Schauspieler? Eine Werbefigur im Dienste der chinesischen Partei-Regierung? Liu Xiang ist bei den Spielen 2004 in Athen über 110 Meter Hürden zu Gold geeilt, in einer Disziplin, die zuvor die Amerikaner dominierten - seither ist er im Riesenreich einer der prominentesten Sportler, eine Symbolfigur für Chinas Aufbruch zu neuen Märkten und ein Millionär im Staatsdienst, an dessen Sponsoreneinnahmen die Regierung beteiligt ist.

Erneut gescheitert: Der chinesische Weltklasse-Hürdensprinter Sportler Liu Xiang scheidet bei den Olympischen Spielen in London 2012 erneut aus. Bereits bei den Heimspielen in Peking im Jahr 2008 war es nichts mit dem erwarteten Gold geworden.

(Foto: AFP)

Zuletzt allerdings hat Liu, 29, darauf bestehen müssen, dass er doch nur ein einfacher Athlet ist, der mit Theater und Staats-PR wenig im Sinn hat. Denn das Volk fühlt sich auf den Arm genommen nach seinem Ausfall im Vorlauf des olympischen Hürdensprintturniers in London- und vor allem von der Art, wie das Staatsfernsehen CCTV darüber berichtet hat.

In besagtem Vorlauf kam Liu Xiang nur bis zur ersten Hürde. Über die stolperte er, weil er sich offensichtlich am rechten Fuß verletzt hatte. Er blieb erst auf der Bahn sitzen, ehe er auf einem Bein die Bahn entlang in den Zielraum hüpfte und zwischendurch Halt machte, um die letzte Hürde zu küssen.

Die ganze Szene beschrieb CCTV-Kommentator Yang Jian in der Live-Übertragung mit tränenerstickter Stimme und viel Pathos: Liu Xiang sei "wie ein Soldat": "Als er merkte, dass er das Ziel nicht mehr erreichen kann, wuchs er über sich hinaus."

Dabei tat Yang Jian offensichtlich nur so, als sei er überrascht von dem Ausfall. Er selbst erklärte in der vergangenen Woche auf einem CCTV-Forum zur Olympia-Berichterstattung, er habe von Lius hohem Verletzungsrisiko an der Achillessehne gewusst und deshalb vier verschiedene Skripts vorbereitet.

Frische Narbe in die Kamera gehalten

Chinesische Medien zitierten Yang mit den Worten: "Mein Vorgesetzter bat mich, diesen heldenhaften Athleten zu preisen, was auch immer bei dem Rennen rauskommt, und ich war damit vollkommen einverstanden." Empörte Schlagzeilen folgten. Tenor: Regierung und Fernsehen hätten das Liu-Xiang-Drama zu ihrem Vorteil inszeniert.

Ein Wunder wäre das nicht. Liu Xiang ist in China immer ein Hingucker, auch wenn er stolpert, und gerade in der Leichtathletik entsteht oft der Eindruck, als sollte die Prominenz auf Teufel komm raus in die Arena. Nur zugeben will das keiner. Leichtathletik-Direktor Feng Shuyong hat für Chinas Regierung erklärt: "Hätten wir vorhersagen können, dass er sich verletzt, hätte niemand Liu laufen lassen."

Liu Xiang selbst hat die frische Narbe an seiner operierten Achillessehne in die Kamera gehalten und gesagt: "Ich habe mich sehr gesund und in Form gefühlt, als ich auf der Bahn stand." Natürlich bei CCTV.

Doch die Glaubwürdigkeitskrise bleibt. Wer ist was? Der Sprinter ein Schauspieler? Das Fernsehen ein Live-Staatstheater? Ein chinesischer Kommentator fragt sich: "Was geht sonst noch ab, ohne dass wir informiert werden?"