Europameisterschaft:Kommt mir chinesisch vor

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Diese Bandenwerbung für die chinesische Autofirma BYD war am Sonntag tatsächlich im Frankfurter Stadion zu sehen. (Foto: Arne Dedert/dpa)

In der Volksrepublik wundern sich Fußballfans über die Bandenwerbung in den deutschen Stadien. Dabei floriert das Geschäft mit der virtuellen Realität im eigenen Land.

Von Florian Müller, Peking

Chinas Fußballfans sind verblüfft: Die Stadionwerbung während der Europameisterschaft in Deutschland ist ja komplett auf Chinesisch! BYD, Taobao, Alipay – alles Marken, die in Deutschland kaum einer kennt, aber in China jeder. „Man könnte glatt meinen, dass China die EM organisiert“, scherzte ein Blogger auf der Plattform Weibo. Da schlägt das national eingestellte Herz schneller: „All das Chinesische macht mich sehr stolz, wir sind stärker geworden“, kommentierte ein anderer. Doch schnell sickerte die Erkenntnis durch, dass die Menschen im Stadion ganz andere Werbung sehen als die Menschen an den Bildschirmen. Das nennt sich virtuelle Bandenwerbung, und die wird von der UEFA erstmals bei einer EM mithilfe künstlicher Intelligenz jeweils speziell auf den deutschen, chinesischen und amerikanischen TV-Markt zugeschnitten in der Übertragung auf die Bande projiziert.

China hat das erste Anti-Deepfake-Gesetz erlassen

Die Technologie dafür gibt es schon seit Jahren, doch fallen viele Menschen immer wieder darauf herein. Je besser KI aber wird, desto häufiger kommt es zu solchen sogenannten Deepfakes. Da ist etwa die ukrainische Studentin und Youtuberin, deren computergenerierter Klon auf chinesischen Plattformen plötzlich prorussische Propaganda macht. Die junge Frau ist schockiert, da sie selbst keinesfalls für die unheilige Allianz zwischen Chinas Machthaber Xi Jinping und Russlands Kriegstreiber Wladimir Putin Werbung machen würde. Solchen Missbrauch zu entdecken, ist aber gar nicht so leicht, da er auf Plattformen im abgeschotteten chinesischen Internet stattfindet. Analysten warnen jedoch, dass chinesische Trollfabriken schon Dissidenten und politische Gegner im Ausland mit Deepfakes angreifen, so etwa den taiwanischen Präsidenten Lai Ching-te während des Wahlkampfs.

Auch Kriminelle nutzen die Technologie inzwischen, wie ein Beispiel aus Hongkong zeigt. Ein Mitarbeiter eines internationalen Konzerns wurde in einer gefälschten Videokonferenz von seinem vermeintlichen Chef angewiesen, 25 Millionen Dollar an Betrüger zu überweisen. Er dachte, die anderen Teilnehmer seien Kollegen, in Wahrheit waren sie aber wohl computergeneriert. Doch wie jede Technologie kann generative KI auch mit guter Absicht genutzt werden, und China ist ein Spitzenreiter in der Anwendung. So gibt es bereits seit Jahren KI-generierte Moderatoren in Livestreams. Und wer zum Beispiel seine tote Mutter vermisst, kann bei einigen Firmen Ton- und Videoaufnahmen von ihr hochladen und dann mit einem Klon videotelefonieren. Die digitale Wiedergeburt kostet nur einige Hundert bis Tausend Dollar.

Wegen der Missbrauchsgefahr hat China Anfang vergangenen Jahres das erste Anti-Deepfake-Gesetz der Welt erlassen. In der Theorie dürfen Stimme und Bild echter Menschen nicht ohne deren Zustimmung durch KI geklont werden. Die Technologie darf auch nicht dazu genutzt werden, die „nationale Sicherheit“ oder „soziale Stabilität“ zu gefährden, Synonyme für die Herrschaft der Kommunistischen Partei. Die chinesischen Plattformbetreiber nehmen das ernst. Einen Gangnam-Style tanzenden Xi wird es im chinesischen Internet daher wohl auf absehbare Zeit nicht geben.

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