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Titelseite von "Charlie Hebdo":Der lustige Erdoğan

Recep Tayyip Erdogan

Laut der Satirezeitschrift Charlie Hebdo "privat lustig": Recep Tayyip Erdoğan vor dem Parlament in Ankara.

(Foto: AP)

Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" karikiert den türkischen Präsidenten. Der lässt von "kulturellem Rassismus" sprechen - und kündigt "gerichtliche und diplomatische" Schritte an.

Von Joseph Hanimann, Paris

Der türkische Präsident war zunächst um Lakonie bemüht. Persönlich, so Recep Tayyip Erdoğan, habe er die Karikatur von sich in der Satirezeitschrift Charlie Hebdo nicht angesehen. Das sei unnötig. Tatsächlich treibt sie die Spannungen zwischen Ankara und Paris aber in ein neues Stadium.

Spannungen, die sich ohnehin schon auf hohem Niveau bewegen: Nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den politischen Islam kritisiert hatte, riet Erdoğan ihm, er solle sich doch in psychiatrische Pflege begeben. Paris rief daraufhin seinen Botschafter erstaunlich kommentarlos nach Frankreich zurück - zu Beratungen, wie es lediglich hieß.

Und nun also Satire als Brandbeschleuniger. Auf der Titelseite seiner am Mittwoch erschienenen Ausgabe zeigt Charlie Hebdo eine Zeichnung vom türkischen Präsidenten in Unterhose und Feierabendstimmung. In der einen Hand hält er eine Bierdose, mit der anderen lüftet er einer Frau über dem Hintern den Schleier. Privat sei er ganz lustig, lautet die Überschrift.

Offizielle Zurückhaltung seitens des Elysée also - und stattdessen eine Art direkte Entgegnung durch die entfesselte Presse? So würde es jedenfalls perfekt in Erdoğans Weltbild passen. Macrons Anti-Muslim-Agenda trage in Charlie Hebdo schon Früchte und verbreite "kulturellen Rassismus", erklärte sein Presseberater Fahrettin Altun jedenfalls. Der türkische Vize-Kulturminister Serdar Cam bezeichnete die Karikaturisten in einer empörten Reaktion als "Hunde".

Charlie Hebdo als patriotisches Kampfblatt und Organ des Élysée? Das entspricht eher den Vorstellungen eines autoritären Regimes als der Realität einer undisziplinierten Medienkultur. Das französische Satireblatt sticht schließlich einfach dort gezielt und wenig zimperlich zu, wo die Nerven eh schon gespannt sind. Und das sind sie seit den Mohammed-Karikaturen auf Seiten der Fundamentalislamisten in jedem Fall. Kein anderer Spottkandidat reagiert derzeit zuverlässiger, schneller und virulenter als sie.

Manche Handwerker und Landwirte in Frankreich lachen womöglich etwas verkniffen über die neue Karikatur

Die Ankündigung der türkischen Präsidentschaft, sie werde nach der Charlie-Publikation "gerichtliche und diplomatische" Schritte einleiten, wird den kulturellen Kontrast denn auch weiter verstärken. Gerichtlich müsste die Türkei schließlich gegen die Zeitung vorgehen - diplomatisch aber gegen die französische Regierung.

Angesichts des Konflikts um Berg-Karabach und der griechisch-türkischen Kontroverse auf Zypern ist die türkische Regierung aber bemüht, Politik, Militäroptionen und Medienaspekte in einem einzigen Stimmungstopf zu verrühren. Der Boykott französischer Produkte, zu dem Erdoğan zu Beginn dieser Woche aufgerufen hatte, wird Charlie Hebdo etwa nicht weh tun. Manche Industrielle, Handwerker und Landwirte in Frankreich lachen aber womöglich etwas verkniffen über die neue Karikatur.

© SZ/biaz/pak
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