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"Charlie Hebdo":Live und Leben

Ein Mann versteckte sich in der Druckerei, in der sich die Attentäter verschanzt hielten - und die Medien berichteten live darüber. Brachten sie damit den Mann in seinem Versteck in Gefahr? Das muss jetzt ein Gericht entscheiden.

Ein Spitzname für die französische Armee lautet la grande muette, die große Schweigsame: Über Militäroperationen erfahren die Medien nie mehr als das, was die Armeeleitung sie wissen lässt. Bei Anti-Terror-Einsätzen ist das anders. Dort kann man den Informationsfluss kaum kontrollieren. Polizei, Medien, Opfer und Terroristen greifen nach allen Informationen, die sie erhaschen können. So war es auch bei den Ereignissen rund um den Anschlag auf das Satireblatt Charlie Hebdo - und das hat jetzt ein juristisches Nachspiel.

Bereits im Frühjahr hatten mehrere Geiseln, die sich beim Angriff auf einen koscheren Supermarkt in Paris im Laden versteckt gehalten hatten, gegen einen Fernsehsender geklagt: durch dessen Liveberichterstattung über die Situation rund um den Supermarkt sei ihr Leben in Gefahr geraten. Die französische Medienaufsicht CSA hatte später außerdem 16 Medien dafür gerügt, durch voreiliges Verbreiten von Informationen, die den Terroristen nützlich sein konnten, Menschenleben aufs Spiel gesetzt zu haben. Jetzt hat eine weiterer Beteiligter Klage eingereicht. Sie zeigt, wie vertrackt die Lage ist, in der sich die Medien bei solchen Ereignissen befinden.

Lilian Lepère, ein Angestellter der Druckerei in Dammartin-en-Goële östlich von Paris, in der die Brüder Kouachi sich verschanzt hielten, hatte sich in einem Schrank verstecken können. Dort harrte er acht Stunden lang aus, bis die Polizei das Gebäude stürmte und die beiden Attentäter erschoss. Nun wirft er drei TV-Sendern vor, noch während der Aktion über seine Anwesenheit im Gebäude berichtet zu haben. Bei mehreren Fernsehauftritten hatte Lepère später selber erzählt, wie er im engen Schrank unter dem Waschbecken still hielt, sein Handy auf stumm stellte und, als einer der Kouachi-Brüder sich über ihm die Hände wusch, bangte, beim Griff nach dem Handtuch würde sich die Schranktür öffnen.

Nach der Rüge durch die Medienaufsicht hatten die Medien sich in einer gemeinsamen Erklärung gerechtfertigt, sie hätten nur ihre Aufgabe als Berichterstatter erfüllt. Zu den Klagen nehmen sie nun keine Stellung. Es heißt aber, dass die Fernsehsender intern ihre Strategie überdenken würden: zwischen möglichst ausführlicher, aktueller Berichterstattung - und Schweigen im Namen der Sicherheit.

© SZ vom 20.08.2015
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