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"Charlie Hebdo" auf Deutsch:Französischer Sarkasmus für Frauke Petry

Deutsche Ausgabe von "Charlie Hebdo"

In der ersten Ausgabe erscheint ein vierseitiger Reisebericht von Herausgeber Riss. Auf einer Deutschlandreise habe er sich gewundert: "Die Leute sagen, sie kämen aus Deutschland, doch keiner sagt einfach 'Ich bin Deutscher', nicht einmal die Polizisten."

(Foto: Riss/Charlie Hebdo)

Das französische Satireheft "Charlie Hebdo" startet eine deutsche Ausgabe. Die Zeichner in Paris freuen sich schon darauf, deutsche Rechtspopulisten zu verspotten.

Zunächst hielt man es für einen neuen Charlie-Witz. Charlie Hebdo auf Deutsch, das ist ein bisschen wie Rumpelstilzchen auf Hocharabisch. Doch an diesem Donnerstag ist es so weit, mit einer Startauflage von 200 000 Exemplaren. Ist das Pariser Satireblatt mit seiner plötzlichen Berühmtheit und dem üppig fließenden Geld auf die unternehmerische Expansionslogik umgeschwenkt?

"Keine Angst, wir haben nicht vor, ein internationaler Medienkonzern zu werden", winkt der Herausgeber Riss ab, der den Mordanschlag in Paris vom Januar 2015 überlebt hat und dem inzwischen 70 Prozent des Verlags gehören.

Auch mit den Gewinnen sei das gar nicht so toll, sehr viel Geld gehe für die Leibwächter und die Schutzmaßnahmen im geheim gehaltenen Redaktionslokal weg. Dennoch: Im vergangenen Jahr konnte der Verlag alle Gewinne wieder investieren, fortan sollen es zumindest noch 70 Prozent sein.

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Hinter dem Sprung über die Sprachgrenze hinaus steht darum eher das seit der Charlie-Gründung 1970 bestehende Verlangen nach einer Leser- und Kumpelgemeinde - schon in den Neunzigern hätten sie manchmal an eine internationale Ausgabe gedacht, um mit der Charlie-Tradition nicht so allein dazustehen in der Welt.

"Nach dem Mordanschlag waren wir dann oft in der schwierigen Lage, allen möglichen Leuten in fünf Minuten erklären zu müssen, was Charlie Hebdo ist", sagt der Herausgeber, und so habe man sich gedacht: Am besten, sie lesen es gleich selbst.

In keinem anderen Land sei die Reaktion auf den Anschlag so heftig gewesen, sagt die Chefin

Doch warum gerade Deutschland? Eine spontane Antwort hat der Fünfzigjährige mit dem Spitzbubenblick und den sympathischen Lachgrübchen im Gesicht darauf nicht und die frisch engagierte Chefredakteurin der deutschen Ausgabe springt ein.

In wohl keinem Land seien die Reaktionen auf den Anschlag so weit gegangen, mit Mahnwachen und Solidaritätsveranstaltungen, und sei eine so breite Debatte über Meinungs- und Pressefreiheit angestoßen worden wie in Deutschland, sagt die junge Berlinerin, die seit neun Jahren als Journalistin in Paris lebt und für ihre neue Aufgabe bei Charlie Hebdo das Pseudonym Minka Schneider angenommen hat. Nicht aus Sicherheitsgründen - sie hat nur keine Lust auf blöde Emails.

Für einen Kniefall vor den Charlie-Veteranen gehört diese Frau allerdings nicht zur richtigen Generation, sie ist nicht mit dem Mythos der berühmten Zeichner und Autoren François Cavanna, Jean-Marc Reiser und Georges Wolinski herangewachsen.

Deutsch-französische Beziehungen über frechen Ton vielleicht neu beleben

Allenfalls sah sie als Jugendliche manchmal bei Freunden Charlie-Zeichnungen auf dem Klo hängen. "Nun bin ich gespannt, wie diese politisch absolut unkorrekte Zeitung in einem Land ankommt, wo immer lauter von der 'Lügenpresse' geredet wird", freut sie sich.

Zugleich findet sie Gefallen an der Idee, die institutionell etwas verkrusteten deutsch-französischen Beziehungen über einen gemeinsamen frechen Ton vielleicht neu zu beleben. Und dazu fällt auch dem des Deutschen nicht mächtigen Riss wieder etwas ein.

Er ist quer durch Deutschland gereist, hat mit vielen Leuten gesprochen und legt Zeugnis davon ab in einem vierseitigen gezeichneten Reisebericht, der die französische wie die deutsche Charlie-Ausgabe dieser Woche eröffnet. Eine Sache sei ihm auf seiner Tour besonders aufgefallen. "Die Leute sagen, sie kämen aus Deutschland, doch keiner sagt einfach 'Ich bin Deutscher', nicht einmal die Polizisten", wundert er sich. Bei so viel Selbstdistanz müsse doch auch etwas Platz für die französische Lach- und Spottkultur da sein.