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Champions League auf Sat 1:Der Letzte macht kein Licht aus

18 Stunden Fußball: Sat 1 feiert das Duell FC Bayern gegen Chelsea ab Samstagmittag mit einem Fernsehmarathon und verabschiedet sich damit komplett von der Champions League. Was der Verlust der teuren Übertragungsrechte für den Sender und seine Mitarbeiter bedeutet, wird sich schon bald ablesen lassen.

Christopher Keil

Vor etwas mehr als einem Jahr siegte der FC Schalke bei Inter Mailand 5:2 und stieg ins Halbfinale der Champions League auf. Wolff-Christoph Fuss, der das Spiel kommentierte, erinnerte sich daran so: Das sei ein Schalker Wunder gewesen. Zusammen mit den Endspielen, die der FC Bayern München erreichte, habe er, Fuss, seit Sommer 2009 eine wunderbare Zeit bei Sat 1 verbracht.

Tatsächlich sind Fernsehfußballer sehr abhängig von dem, was deutsche Mannschaften international wie national leisten. Sat 1 präsentierte jahrelang die Champions League im deutschen Free TV und profitierte zuletzt davon, dass die Bayern 2010 bis ins Finale vordrangen und auch 2012. Mehr Spiele mit deutscher Beteiligung auf dem Rasen bedeutet mehr Publikum, mehr Werbeeinnahmen, mehr Aufmerksamkeit.

Ein Kommentator wie Wolff Fuss spricht dann zuweilen vor 14 Millionen Menschen, so viele waren es beim Elfmeterschießen in Madrid Ende April, das die Münchner auf dramatische Weise gewannen. Beinahe 60 Prozent aller TV-Haushalte blickten durch Sat 1 ins Estadio Bernabeu, wo Bastian Schweinsteiger den entscheidenden Treffer setzte.

Das ist ein Wert, den man früher oft hatte - früher, als es noch keine Fernsehforschung gab, keine Quoten und nur drei TV-Anstalten in Deutschland.

Trotzdem wurden Sat-1-intern immer wieder Diskussionen über die Champions League geführt. Zum einen, weil sie sehr teuer ist, zwischen 40 und 50 Millionen Euro jährlich müssen vermutlich investiert werden. Zum anderen habe die Unregelmäßigkeit, mit der die 16, 17 oder 18 Spiele ausgestrahlt werden können, das Sende-Schema und die Gewohnheiten der Zuschauer gebrochen.

Dass Sat 1 circa 150 Millionen Euro bis 2015 spart, obwohl ein Teil der Summe bestimmt anderweitig eingesetzt wird, sollte die Aktionäre von Pro Sieben Sat 1 freuen. Man wird bald sehen, ob das Interesse an Sat 1 ohne Champions-League-Spiele und Experte Franz Beckenbauer, dafür mit fester Programmierung dienstags und mittwochs, steigt.

Seit 1993, seit Leo Kirch die Bundesliga-Zusammenfassungen beschaffte und damit die ARD und ihre Sportschau austrickste, zählt Fußball zum Profil von Sat 1. Künftig wird das ZDF die Champions League zeigen. Um das Schalker Wunder herum verlor Sat 1 2011 die Übertragungsrechte, das heißt, der Privatsender hatte nicht ausreichend geboten beim europäischen Fußballverband (Uefa). Das Endspiel an diesem Samstag in München ist die letzte Show.

Normalerweise ziehen Redakteure, Moderatoren und Kommentatoren einer Sportredaktion dann weiter. Sie sind die Nomaden des Fernsehens, immer dort beheimatet, wo die Live-Spiele gerade Programm sind. Doch diesmal ist es wohl etwas anders. Bis Anfang Juni versucht Sat 1, wenigstens die EuroLeague-Lizenzen zu ersteigern. Außerdem umfasst die in der Sportmarke ran gebündelte Redaktion nicht sehr viele angestellte Kräfte, es sollen weniger als zehn sein, Jungredakteure und Volontäre eingeschlossen, hinzu kommen zehn, zwölf freie Mitarbeiter. Außer Fußball betreut ran noch Boxen, Kickboxen und Motorsport.

Kommentator Wolff Fuss, der auch vom digitalen Telekom-Kanal (Bundes-)Liga Total beschäftigt wird, soll Sat 1 verlassen. Da wird keiner mehr, der reisen möchte, aufgehalten. Eher ist es so, dass zur Abreise ermutigt wird. Das Kosten-Nutzen-Prinzip gilt bei Pro Sieben Sat 1 für nahezu alles und alle, das ist dann beinahe gerecht. Wobei bekanntlich jeder seine eigene Kosten-Nutzen-Rechnung hat, nicht nur der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns, Thomas Ebeling.

Wolff Fuss wollte sich auf Anfrage zu einem Wechsel nicht äußern. Was aber wird aus Moderator Johannes B. Kerner? Er steht gut unter Vertrag bei Sat 1, doch aus der Ferne betrachtet sieht es so aus, als könnten da zwei kaum mehr etwas miteinander anfangen. Für Kerner, Fuss und alle bei ran wird es ein erinnerungswürdiger Samstag. Sat 1 geht um 14 Uhr mit dem Champions-League-Finale auf Sendung, man nennt das wohl einen sehr langen Vorlauf, und es wird hinterher einen noch längeren Nachlauf geben, in dem die Halbfinal-Partien des FC Bayern gegen Madrid und von 6.10 Uhr an noch einmal das Endspiel gegen den FC Chelsea gezeigt werden. Um 8 Uhr am Sonntagmorgen ist Schluss, und der Letzte muss nicht einmal das Licht löschen.

© SZ vom 19.05.2012/mahu
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