Süddeutsche Zeitung

Castingshow "Die Höhle der Löwen":Das Leben ist ein Pitch

Vox startet die dritte Staffel der Casting-Show "Die Höhle der Löwen". Sie ist ein schaurig-schönes Porträt unseres Spätkapitalismus.

Die gefragtesten Singles auf amerikanischen Promiportalen und Klatsch-Internetseiten sind seit geraumer Zeit keine Rockstars mehr, keine Profisportler, Schauspieler oder Models. Die gefragtesten Singles sind jetzt Gründer von Start-up-Unternehmen. Kerle in Turnschuhen, denen Business-Vokabeln über die Lippen kommen statt Songzeilen, und die jetzt - jenseits vom Break-even - nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld.

Der Sender Vox hat diesem neuen Phänotypen des Begehrens vor zwei Jahren eine Castingshow geschenkt. Titel: Die Höhle der Löwen. Jetzt startet Staffel Nummer drei. Kandidaten mit Ideen - verrückten, abseitigen, langweiligen und überraschend naheliegenden - werben erneut um eine Reihe von Promi-Investoren. Neu mit dabei: Carsten Maschmeyer, ehemals Vermittler umstrittener Finanzprodukte - heute Investor, und Ralf Dümmel, der die Handelsgesellschaft DS Produkte führt. Die Investoren blecken also wieder ihre überweißen Zähne und grinsen wie bekloppt, während der Rest um die eigene Zukunft pitcht.

Der Pitch ist ja inzwischen in jeder Ritze unserer Wirtschaftswelt anzutreffen, er ist die Leitvokabel unserer Zeit und das Kraftzentrum dieser Castingshow. Wer etwas pitcht, macht seinem Gegenüber in wenigen Sätzen seine Business-Idee schmackhaft, auf dass es schnell zum gewünschten Ergebnis kommt: Vertragsabschluss. Werbeagenturen pitchen ihre Ideen, Start-up-Unternehmer pitchen, Job-Bewerber pitchen, im Verkehrsministerium soll seit Neuestem jetzt auch gepitcht werden.

Präsentation und Performance: Im Grunde ist eine Castingshow auch nichts anderes als ein abendfüllender Pitch

Jede Castingshow ist im Grunde ein menschlicher, abendfüllender Pitch, im Falle von Die Höhle der Löwen sogar ein Meta-Pitch, ein Pitch-Pitch. Alles Raubtierhafte des Kapitalismus schnurrt im Pitch-Moment zusammen, schrecklich verdichtet und giftig bunt.

Bei Vox laufen junge Unternehmensgründer, Frauen und Männer im besten Alter, mit feschen Turnschuhen und geröteten Bäckchen durch eine Art Käfigtunnel in den Saal. Empfangen werden sie von den auf Sessel thronenden Juroren. Dann müssen die Kandidaten performen und präsentieren, was das Zeug hält: Gewürzmischungen, Dirndl zum Selbstkonfigurieren, eine Art Zalando für Zimmerpflanzen.

Die Investoren machen sich Notizen, beugen sich nach vorne und beginnen mit dem allzu vertrauten Bullshit-Bingo der BWLer-Welt: Break-even (Gewinnschwelle), Unique selling point (Alleinstellungsmerkmal), weitere Player, Marktchancen? Dazu dröhnt dramatisch der Hintergrundsound.

Ein bisschen wird in dieser Show zu viel von "Löwen" und "Raubtieren" geschwafelt. Kandidat Nr. 1: "Also wenn wir die Löwen nicht bekommen, weiß ich auch nicht weiter". Die Stimme im Off raunt: "Was sagen die Raubtiere?"

Wo, bitte schön, war zuletzt so viel Platz für skurrile Ideen und Erfindungen im deutschen Fernsehen?

Überraschenderweise ähneln die Raubtiere dann aber eher schnurrenden Schoßkätzchen, die einem gar nicht mal so unsympathisch sind: Jochen Schweizer (Erlebnisgutscheine) mit seinen schönen karstigen süddeutschen Silben; Frank Thelen (Digitales), herrlich undiplomatisch, aber nie unhöflich; selbst der in der öffentlichen Meinung nicht unumstrittene Carsten Maschmeyer streut putzig klingende Aphorismen: "Manchmal ist ja gar nicht die Größe des Marktes wichtig, sondern die Größe im Markt."

Aber das Herrlichste dieser Castingshow ist ihr QVC-artiger Dauerwerbe-Charme. Wo, bitte schön, war zuletzt so viel Platz für skurrile Ideen und Menschen, seit "Wetten, dass..?" aus dem deutschen Fernsehen verschwand? Da gibt es einen ehemaligen Anwalt, der davon träumt, mit einem Draht zum Bügeln von Hemdsärmeln reich zu werden. Ein Mensch wie aus dem Figurenkabinett von Loriot.

Zum Schluss noch der obligatorische Castingshow-Check: Wird die dritte Staffel von Die Höhle der Löwen Schaden anrichten im kollektiven Gedächtnis der Deutschen? Wohl kaum. Sie wird, im Gegenteil, wahrscheinlich gut unterhalten, unfreiwillig komisch sein und überraschend liebenswerte Menschen zeigen.

Und trotzdem bleibt es eine Castingshow ganz im Geiste der Start-up-Pitch-Kultur des Silicon Valleys: fesche Turnschuhe, spinnerte Businessideen, Money, Power, Glory. Jede Zeit kriegt die Castingshow, die sie verdient.

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Quelle:
SZ.de vom 23. August 2016
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