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Casting-Shows und Wirtschaft:Die Wirtschaft, das Jüngste Gericht

Denn hier geht es nicht mal mehr um irgendein Talent, unter dessen Deckmäntelchen angeblich Kunstförderung betrieben oder besondere Fähigkeiten Einzelner herausgekitzelt würden. Sondern gezielt und ganz offen darum, ein neues Produkt zu finden, das der Gewinner ins Supermarktregal stellen "darf". Deshalb entscheidet die Jury nicht nur über Geschmack von Törtchen, Eis und Pfannkuchen, sondern auch über das Auftreten der Anwärter. Passen Produkt und Person nicht zusammen, wird das Urteil schnell eisig. Ist die backende junge Mami dagegen fotogen und vermarktbar, ist ihr Weiterkommen klar.

Über allem thront das Jüngste Gericht, die höchste aller Autoritäten: die Wirtschaft. Der Marketing- und der Kommunikationsleiter von Edeka prüfen Erzeugnis, Auftritt und Vorstellungen der Kandidaten und entscheiden dann, was eventuell Eingang in ihr nach eigenen Angaben ohnehin überfülltes Marmeladenregal findet. Dass ihre höchstrichterliche Aufgabe keine leichte ist, zeigen viel Stirnrunzeln und Aussagen wie: "Ich kann mir diese Tomatenmarmelade wirklich nicht neben der Erdbeermarmelade vorstellen."

Wir lieben Lebensmittel - und Werbung

Was für eine Vorstellung. Bar jeglicher Inhalte ist diese Show eine Dauerwerbesendung. Nach der einstigen Skandalisierung der Castingshows über die Überflutung mit derartigen Formaten scheint der Normalbürger nun die Alltäglichkeit von Casting nicht nur hinzunehmen, sondern sich willig und fröhlich einzufügen. Es mag erfreulich sein für zwei Tomatenzüchterinnen aus Frankfurt, dass ihre Marmelade womöglich im TV beworben wird. Aber muss ihnen TV-Deutschland dabei zugucken, wie sie sich gegen einen "irren Eisverkäufer" aus München durchsetzen - alles unter der gelben Flagge eines Supermarktes?

Dass Castingsendungen ihre Kandidaten dazu abrichten, autoritätshörig, unterwürfig und möglichst biegsam zu sein, ist lange bekannt. Dass private Fernsehsender allerdings ihren Castingwahn so offensiv mit Interessen aus der Wirtschaft verknüpfen, das ist neu.

DSDS bemüht sich bis heute, zumindest zu kaschieren, dass vor allem der Sender durch Merchandising und Bohlen durch Plattenproduktionen an den Kandidaten reich werden. Auch The Voice of Germany hat eher die Jury bekannt gemacht als die Gekürten. Und komischerweise ist auch nach zehn Jahren höchst angestrengter Suche noch kein neues deutsches Topmodel von Heidi Klum gefunden worden. Bis auf die erste Kandidatin, die inzwischen selbst neben Dieter Bohlen in einer weiteren Castingjury sitzt, ist vor allem Klum selbst gut im Geschäft geblieben.

So deutlich aber wie in dieser Sendung war es noch nie, dass der eigentliche Sieger schon zu Beginn fest steht - und nicht der Kandidat ist: Edeka ist mit dieser neuen PR-Strategie nach der sehr erfolgreichen Werbung mit Künstler Friedrich Liechtenstein ein weiterer öffentlichkeitswirksamer Coup gelungen. Die schon für den "Supergeil"-Song verantwortliche Werbeagentur Jung von Matt sitzt passenderweise in dieser Sendung gleich mit in der Jury. Nur RTL hat dabei mal wieder an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Und die Zuschauer? Wollten den Auftakt der Werbesendung eher nicht sehen, nur 1,78 Millionen schalteten ein.

Manchmal entscheidet eben doch das Publikum, was ihm schmeckt.