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Casting-Shows und Wirtschaft:Schmeckt nach Werbung

Kartellamt

Edeka versucht es nach seinem Liechtenstein-Coup weiter mit offensiver Werbung für ein Positiv-Image - und RTL macht mit.

(Foto: dpa)

"Das Erfolgsrezept" ist eine von vielen Castingsendungen bei RTL. Doch in Sachen Dreistigkeit setzt das Format neue Maßstäbe: Der Sieger steht schon nach der ersten Folge fest - und es ist keiner der Kandidaten.

Die Zeiten, in denen Dieter Bohlen Ärger mit Justiz und Jugendschutz hatte, weil er wöchentlich vor Millionenpublikum Teenager aufs Übelste beschimpfte, sind lange vorbei. Aktuell konkurriert er bei Deutschland sucht den Superstar mit Heino darum, welcher von beiden der freundlichere ältere Herr in der Jury ist. Dass das Publikum die Nase voll hat von uferloser Raserei gegenüber Casting-Mitgliedern, zeigte sich am einschlägigen Erfolg von The Voice of Germany, wo die Jury einen geradezu revolutionären Weg einschlug: den des Respekts gegenüber den Kandidaten. Die Quote sprach für sich, ein Aufatmen ging durch die TV-Republik: So geht es also auch. Und so machten es dann die anderen nach.

Heidi Klum ist von der einst gefürchteten Model-Gouvernante bei Germany's Next Topmodel auf Pro Sieben zur besten Freundin ihrer "Mädchen" geworden, Detlef D. Soost, der einst bei Popstars für RTL 2 pöbelnd auf den Putz haute, "coacht" jetzt Abnehmwillige, größtenteils auf die motivierend-freundliche Art.

Von der öffentlichen Pöbelei über den Kuschelkurs zur Direktverwertung

Doch es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn selbst in den einst menschenverachtenden Formaten im TV nur noch Friede, Freude, Eierkuchen herrschen würde - und so ist es dann auch nicht. Der allgemeine Kuschelkurs in Sachen Casting mag die Sittenwächter befriedet haben, Befremdliches läuft nun aber unter dem Radar ab.

So zum Beispiel in der neuen RTL-Castingsendung Das Erfolgsrezept. Deutschlands Hobbyköche bekommen darin "die Chance ihres Lebens": Ihr Gericht soll "die Produktpalette von Edeka erweitern". So lautet unverfroren die Ankündigung. Mal abgesehen von ganz offensichtlicher Werbung, die in der Sendung am Sonntagabend nur durch den kleinen Hinweis "Unterstützt von Produktplatzierungen" zu legitimieren versucht wird: Wer bitte möchte die Produktpalette eines Supermarktes erweitern und sich dabei auch noch im TV zum Affen machen?

Schaut man sich die erste Sendung an, wird schnell klar: Auch dieses Format dient eher dazu, die Jurymitglieder zu beweihräuchern als die Kandidaten groß rauszubringen. Von Juror und Sternekoch Tim Raue etwa erfahren wir, dass er morgens nur aus einem Grund aufsteht - "um zu gewinnen". Dass es in der Sendung eigentlich nicht um ihn geht: geschenkt. Die TV-Dramaturgie baut, wie so oft, Autoritätsfiguren in der Jury auf, um dem Zuschauer zu suggerieren, wie beschwerlich so ein Kandidaten-Dasein ist und wie sehr sich der Held anstrengen muss, um gegen die anderen zu bestehen. Mitfiebern soll der Zuschauer ja hier genauso wie bei Sangeswettkämpfen oder Model-Contests, auch wenn es nur um Kuchenbacken geht.

Doch diese Sendung setzt dem Casting-Wahn im deutschen TV trotz ihrer oberflächlichen Harmlosigkeit ein neues Krönchen auf. Gäbe es einen Wettbewerb um die dreistesten Castingshows, Das Erfolgsrezept wäre Sieger in der Kategorie "Unverschämteste Verknüpfung mit Wirtschaftsinteressen".

Die Wirtschaft, das Jüngste Gericht

Denn hier geht es nicht mal mehr um irgendein Talent, unter dessen Deckmäntelchen angeblich Kunstförderung betrieben oder besondere Fähigkeiten Einzelner herausgekitzelt würden. Sondern gezielt und ganz offen darum, ein neues Produkt zu finden, das der Gewinner ins Supermarktregal stellen "darf". Deshalb entscheidet die Jury nicht nur über Geschmack von Törtchen, Eis und Pfannkuchen, sondern auch über das Auftreten der Anwärter. Passen Produkt und Person nicht zusammen, wird das Urteil schnell eisig. Ist die backende junge Mami dagegen fotogen und vermarktbar, ist ihr Weiterkommen klar.

Über allem thront das Jüngste Gericht, die höchste aller Autoritäten: die Wirtschaft. Der Marketing- und der Kommunikationsleiter von Edeka prüfen Erzeugnis, Auftritt und Vorstellungen der Kandidaten und entscheiden dann, was eventuell Eingang in ihr nach eigenen Angaben ohnehin überfülltes Marmeladenregal findet. Dass ihre höchstrichterliche Aufgabe keine leichte ist, zeigen viel Stirnrunzeln und Aussagen wie: "Ich kann mir diese Tomatenmarmelade wirklich nicht neben der Erdbeermarmelade vorstellen."

Wir lieben Lebensmittel - und Werbung

Was für eine Vorstellung. Bar jeglicher Inhalte ist diese Show eine Dauerwerbesendung. Nach der einstigen Skandalisierung der Castingshows über die Überflutung mit derartigen Formaten scheint der Normalbürger nun die Alltäglichkeit von Casting nicht nur hinzunehmen, sondern sich willig und fröhlich einzufügen. Es mag erfreulich sein für zwei Tomatenzüchterinnen aus Frankfurt, dass ihre Marmelade womöglich im TV beworben wird. Aber muss ihnen TV-Deutschland dabei zugucken, wie sie sich gegen einen "irren Eisverkäufer" aus München durchsetzen - alles unter der gelben Flagge eines Supermarktes?

Dass Castingsendungen ihre Kandidaten dazu abrichten, autoritätshörig, unterwürfig und möglichst biegsam zu sein, ist lange bekannt. Dass private Fernsehsender allerdings ihren Castingwahn so offensiv mit Interessen aus der Wirtschaft verknüpfen, das ist neu.

DSDS bemüht sich bis heute, zumindest zu kaschieren, dass vor allem der Sender durch Merchandising und Bohlen durch Plattenproduktionen an den Kandidaten reich werden. Auch The Voice of Germany hat eher die Jury bekannt gemacht als die Gekürten. Und komischerweise ist auch nach zehn Jahren höchst angestrengter Suche noch kein neues deutsches Topmodel von Heidi Klum gefunden worden. Bis auf die erste Kandidatin, die inzwischen selbst neben Dieter Bohlen in einer weiteren Castingjury sitzt, ist vor allem Klum selbst gut im Geschäft geblieben.

So deutlich aber wie in dieser Sendung war es noch nie, dass der eigentliche Sieger schon zu Beginn fest steht - und nicht der Kandidat ist: Edeka ist mit dieser neuen PR-Strategie nach der sehr erfolgreichen Werbung mit Künstler Friedrich Liechtenstein ein weiterer öffentlichkeitswirksamer Coup gelungen. Die schon für den "Supergeil"-Song verantwortliche Werbeagentur Jung von Matt sitzt passenderweise in dieser Sendung gleich mit in der Jury. Nur RTL hat dabei mal wieder an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Und die Zuschauer? Wollten den Auftakt der Werbesendung eher nicht sehen, nur 1,78 Millionen schalteten ein.

Manchmal entscheidet eben doch das Publikum, was ihm schmeckt.