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Cartoon-Journalismus aus Taiwan:Diktator im Damenkleid

NMA machts möglich: Osama bin Ladens Tod in Nahaufnahme.

(Foto: NMA.tv)

Wie es war, oder auch nicht. 500 Chinesen animieren in Taipeh Nachrichten. Vom untreuen Golfprofi Tiger Woods über den fummelnden Dominique Strauss-Kahn bis hin zum furzenden Kim Jong Un ist alles dabei. Aber ist das wirklich Journalismus?

Die Zukunft des Journalismus. Hier? In diesem Bürogebäude in einem Vorort von Taipeh? Muss man nicht so sehen, kann man aber wohl, wenn man Jimmy Lai heißt, und im Leben schon mehrmals für verrückt erklärt wurde, bevor man es dann allen zeigte. Den Hongkonger Jimmy Lai, der sich vom Flüchtlingsjungen zum Textilindustriellen hochgearbeitet hatte, bevor er auf Verleger umsattelte. Jimmy Lai, den sie einen Schmierfink hießen, aber auch einen Rebell gegen das Establishment, einer, der vor allem den Diktatoren in Peking bis heute die Stirn zeigt. Jimmy Lai, der Neuerer, der sich selbst immer nur als eines sah: als Verkäufer. "Ich gebe dem Volk, wonach es verlangt", sagte er der SZ einmal.

Also, drei Promis, drei Nachrichten: Tiger Woods, seiner Ehefrau untreuer Golfprofi, springt ins Auto um vor der den Golfschläger schwingenden Frau zu fliehen. Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds, nähert sich in einem New Yorker Hotel einem Zimmermädchen. Kim Jong Un, gelangweilter Diktator, spielt mit der Atombombe. Drei Nachrichten, die um die Welt gingen, Titelseiten füllten, TV-Sender auf Trab hielten. Drei Mal das gleiche Problem: Keine Kamera war dabei. Es gibt also keine Bilder.

Oder vielmehr: Es gab keine. Bevor Jimmy Lai der Welt seine jüngste Firma schenkte, Next Media Animation, NMA.

"Es ist, als ob man ein Videospiel anguckt"

Ins Leben gerufen zunächst als Zulieferer seiner Sex- und-Crime-Postille Apple Daily, mit denen er die Zeitungsmärkte zuerst in Hongkong und dann in Taiwan aufgerollt hatte. Irgendwann, sagte Jimmy Lai dem Magazin Wired kurz nach der Gründung von NMA, sei ihm bang geworden vor der Zukunft der Printmedien. Außerdem wollte er sich nicht länger arrangieren mit einer Tatsache, mit der sich schaulustige Beobachter schon seit der Entstehung des Raum-Zeit-Kontinuums abfinden müssen: dass man immer erst nach der Tat am Tatort sein konnte. "Wir hatten die Leichen", sagte er, "aber wir sahen nie die Morde." Irgendwann hatte er den Geistesblitz: Warum nicht einfach die Bilder im Nachhinein selbst schaffen? Am Computer, als Animation? "Es ist, als ob man ein Videospiel anguckt, aber es sind Nachrichten!"

Nachrichten als Comics also. Und so konnten die Amerikaner nur wenige Stunden nach dem Vorfall im November 2009 Tiger Woods' computeranimierter Gattin dabei zuschauen, wie sie ihrem untreuen Mann das Gesicht zerkratzt und seinem SUV mit einem Golfschläger in der Hand hinterherjagt. Das war der erste Streich der eben erst gegründeten Firma in Taipei, noch ein wenig unbeholfen produziert, aber das Kalkül ging auf: Das Publikum schrie auf vor Empörung wie vor Lust, die BBC klopfte an - und Jimmy Lai hatte mal wieder ein Entrée ganz nach seinem Geschmack: "Der Zuschauer will die Dinge lieber simpel. Manchmal musst du einen Schritt zu weit gehen."

Und so tat NMA auch den Schritt ins New Yorker Hotelzimmer, wo der entkleidete Strauss-Kahn über das Zimmermädchen herfällt. Oder ins Allerheiligste von Nordkorea, wo Kim Jong Un die Welt per Diktatorenfurz zum Zittern bringt, wenn er nicht gerade Damenkleider anprobiert.

Viele der Videos, das muss man sagen, sollen lustig sein. Andere sind es eher unfreiwillig, darunter nicht wenige derer, die den Großteil des Ausstoßes darstellen, die also auf die Boulevard-Webseiten für Hongkong und Taiwan gehen. Julie Huang, die Pressesprecherin der Firma, sagt, die lustigen Kabarettstückchen seien nur ein kleiner Ausschnitt, tatsächlich sei das Ziel von NMA ein anderes: "Wir geben dir in einer 30 Sekunden Animation das, wofür du sonst zwei oder drei Artikel lesen müsstest", sagt sie. Und fügt an: "Jimmy Lai will hier ernste Nachrichten produzieren".

Oder zumindest das, was als ernste Nachricht durchgeht, wenn man 20 Jahre lang ein Revolverblatt wie Apple Daily geführt hat. Das klappt mal schlechter und mal besser. Einige der Videos wurden Kult, und man darf annehmen, dass sie den Erfolg nicht ihrer Ernsthaftigkeit verdanken, sondern der bizarren, oft surrealen Überzeichnung der Ereignisse, wobei sich die Produzenten weder von Scham noch von Geschmack bremsen lassen. Aber auch nicht von Furcht: Die Kommunistische Partei in Peking kriegt oft ihr Fett ab, die bedrohlichen Pandabären mit dem grünen Mao-Käppchen auf dem Kopf, die sich durch viele der Filme prügeln und foltern sind praktisch die Maskottchen der Firma.