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Journalismus in Frankreich:Bitte kein "Love Money"

Die Februar-Ausgabe des französischen Magazins.

(Foto: Cahiers du Cinéma)
  • Das gesamte Redaktionsteam des renommierten französischen Filmmagazins Cahiers du Cinéma tritt überraschend zurück.
  • Grund dafür sind die neuen Aktionäre, unter denen sich einige Filmproduzenten befinden.

Von Joseph Hanimann, Paris

Die Cahiers du Cinéma wurden in den Sechzigern unter einem guten Stern groß. Lange galten sie vielen als die wichtigste Filmzeitschrift der Welt. François Truffaut, Eric Rohmer, Jacques Rivette, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard und andere junge Leute begannen hier, über Filme zu schreiben, bevor sie sich dann selber dem Filmemachen zuwandten. Die Cahiers du Cinéma gestalteten sie zum Begleitforum für die Nouvelle Vague des Kinos. EinGlücksfall für eine Zeitschrift. In jüngerer Zeit hat das 1951 gegründete Magazin unter neuen Verhältnissen der Filmproduktion und der -kritik zwar an Einfluss verloren, das Profil einer anspruchsvollen Kinozeitschrift blieb aber erhalten. Nun haben die Gründe dafür eine frappante Bestätigung gefunden - im überraschenden kollektiven Rücktritt des Redaktionsteams.

Die Cahiers seien immer ein kritisch engagiertes Organ mit klaren Positionen gewesen, doch die neuen Inhaber wollten aus ihnen nun offenbar ein "geselliges und schickes" Blatt machen, schrieben die 18 Redakteure in der Begründung für ihren Schritt. Vor einem Monat sind die Cahiers in neue Hände übergegangen. Unter den künftigen Aktionären befänden sich mehrere Filmproduzenten, was für ein auf Filmkritik spezialisiertes Magazin ein Problem darstelle und die Redaktion gezwungen habe, auf die für grundlegende Trägerschaftsveränderungen vorgesehene Gewissensklausel für Journalisten zurückzugreifen und das Haus zu verlassen.

Die Versicherungen der neuen Inhaber konnten die Redaktion nicht überzeugen

Der bisherige Inhaber Richard Schlagman, ehemaliger Besitzer des Londoner Phaidon-Verlags, hat das Magazin Anfang Februar einem Konsortium aus 20 Akteuren der Medien-, Telekommunikations-, Filmproduktions- und Finanzbranche verkauft. Unter ihnen sind Xavier Niel, Mitinhaber der Zeitung Le Monde, Alain Weill, Inhaber des Magazins L'Express, aber auch die Direktoren der Vertriebs- und Produktionsgesellschaft "Federation Entertainment" oder des Unternehmens für Stadtraumdesign Seri. Die Zeitschrift steckt mit ihren 12 000 Exemplaren nicht in der Krise, mag auch die Auflage im letzten Jahr um acht Prozent zurückgegangen sein. Die neuen Inhaber wollten ihr zur Begrüßung aber ein bisschen "Love Money" zustecken, wie einer von ihnen es nannte. Ihre Versicherung, dass die Cahiers du Cinéma bleiben dürften, was sie immer waren - ein Organ für seriöse Filmkritik - und dass der von ihnen einst geprägte Begriff des anspruchsvollen "Autorenkinos" maßgebend bleibe, hat die Redakteure jedoch nicht überzeugt.

Sie befürchteten, zu einer Vitrine für die französische Filmproduktion oder zu einer Schwatzbude der internationalen Kinoaktualität gemacht zu werden. Vor allem bangten sie aber um die Zukunft ihrer redaktionellen Freiheit. Die Ernennung von Julie Lethiphu als Geschäftsführerin der Cahiers, die auch Delegierte der französischen Filmautorengesellschaft SFR und Veranstalterin des Autorentreffens beim Festival Cannes ist, deuteten sie als beunruhigendes Zeichen. Nicht nur im Kino, sondern auch bei allgemeinen gesellschaftspolitischen Fragen wie dem Umgang mit den "Gilets jaunes" oder der Politik des gegenwärtigen Kulturministers habe die Zeitschrift jeweils einen klaren Standpunkt bezogen, sagte der stellvertretende Chefredakteur Jean-Philippe Tessé. Er bezweifelt, dass so etwas künftig möglich wäre.

Die radikale Entscheidung eines kollektiven Rücktritts hätten sie sich lang überlegt, versichert seinerseits der Chefredakteur Stéphane Delorme. Die Option, von innen Widerstand zu leisten, sei ihnen aber unrealistisch vorgekommen, denn es gehe ums Prinzip: "Wir sind es leid, dass bei jedem Verkauf von Medientiteln die immer selben Käufernamen Xavier Niel oder Alain Weill auftauchen, und wir wollten dagegen ein Zeichen des Protests setzen". Delorme bedauert allerdings auch, dass die Warnungen seiner Redaktion vor dem Inhaberwechsel von den anderen Medien wenig beachtet worden seien. In Frankreich wogt weiter die Diskussion über die klare Rollenaufteilung zwischen Produktion, Auszeichnung und kritischer Besprechung von Kinofilmen. Von Seiten der neuen Inhaber der Cahiers du Cinéma hält man sich indessen mit Kommentaren zurück. Man hofft wohl, dass der große Name auch über den neuen Sturm hinaus halten werde.

© SZ vom 05.03.2020/tmh
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