"Bunte" und die Paparazzi Warten auf den goldenen Schuss

Wer berühmt ist, wird umzingelt: Anmerkungen zum Wesen und Unwesen des Paparazzitums.

Von Hans Leyendecker

Günter Kaußen war einst Deutschlands größter Altbauspekulant, aber lange Zeit existierte von dem Mann, der mehr als zehntausend Wohnungen besaß, kein Pressefoto. Der Steinreiche verbarrikadierte sich in einem 500 Quadratmeter großen Penthouse in Köln. Er galt als eine Art deutscher Howard Hughes, weil er ähnlich publikumsscheu war wie der amerikanische Multimillionär.

Als der Spiegel 1977 eine Titelgeschichte des ungewöhnlich hartnäckigen Enthüllers Hans Hermann Mans über den sehr umstrittenen "Grossisten im Wohnungshandel" veröffentlichte, war auf dem Cover nur die Zeichnung eines Geiers mit einem Menschenkopf zu sehen. Der Vogel hielt Wohnungen in seinen Klauen.

Phantom vors Objektiv

Das erste Foto Kaußens im Spiegel erschien 1981, und es stammte von dem Kölner Fotografen Jürgen Christ. Gut zehn Tage hatte er im Auftrag des Magazins vor Kaußens Wohnung in einem Auto gewartet, bis das Phantom vor sein Objektiv geriet. Kaußen verabschiedete mit der ganzen Familie einen Freund am Taxi und "war sich seiner Anonymität so sicher, dass er mich gar nicht wahrnahm", erinnert sich der 65 Jahre alte Fotograf.

Warten auf den goldenen Schuss

Christ war viele Jahre der Spezialist für "Abschüsse", wie seine Tätigkeit im Branchenjargon genannt wird. Auf Stasi-Offiziere, Wirtschaftskriminelle und normale Nachrichtendienstler hat er mit langen Linsen gezielt und immer auf den goldenen Schuss gewartet. Manchmal hatte er drei Wagen zur Verfügung, die er wechselte, um nicht aufzufallen. Im Gepäck hatte er Funkfernauslösesysteme für die Kamera und ein Militärperiskop zum Um-die-Ecke-Schauen.

Gern auch zog er sich in einen Wohnwagen zurück, um die Szene besser beobachten zu können. Einmal kam er mit einer Hebebühne, um besseren Draufblick zu haben. Oft begleitete ihn eine Assistentin: "Ein observierendes Pärchen macht sich weniger verdächtig" (Christ).

"Spezial-Paparazzo"

Christ nennt sich "Spezial-Paparazzo". Das Wort ist für die Objekte seiner Objektive ein Hasswort, aber der Name steht eigentlich nur für eine Romangestalt von George Gissing, den Fellini in seinem Film La Dolce Vita für einen Sensationsfotografen übernommen hatte.

Die Beschattungsaffäre des Wochenblattes Bunte, das sich für das privateste Privatleben von Politikern wie Franz Müntefering oder Oskar Lafontaine interessierte und mit einer Berliner Agentur zusammenarbeitete, deren Mitarbeiter wie gewöhnliche schnüffelnde Privatdetektive agierten, hat eine Debatte über Klatschjournalismus und die Methoden von Paparazzi in Deutschland ausgelöst. Die Firma selbst hat am Freitag den Verdacht geäußert, es könnten in der Berichterstattung über ihre angeblichen Arbeitsmethoden möglicherweise gefälschte Dokumente im Umlauf sein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso der Blick über den Kanal beruhigend sein kann.