Süddeutsche Zeitung

"Bunte"-Affäre:Die unklaren Motive des Tricksers

Warum gibt ein Unbekannter einer Redakteurin vermeintliche Insider-Tipps über Sexpartys und Drogenkonsum eines Politikers? Hinweis auf unlautere Methoden oder bloße Selbstinszenierung: Die Recherche-Affäre bei der "Bunten" gibt weiter Rätsel auf.

Es war nur ein Tipp, aber die Bunte spurte. Ein Informant hatte mitgeteilt, bei einem bekannten Bundespolitiker werde wegen einer Drogengeschichte eine Polizeirazzia stattfinden. Ein Fotograf wurde von der Redaktion zu dem Haus des Politikers geschickt, um die angekündigte Heimsuchung im Bild festzuhalten. Als er dort ankam, es war an einem Tag im Frühsommer, war schon ein Fotograf eines anderen Blattes vor Ort. Auch dieser hatte einen Tipp bekommen.

Die Polizeirazzia fand nicht statt. Der Grund dafür ist banal: Es gab und gibt von Amts wegen keinen solchen Verdacht gegen den Politiker. Es gibt nur, wie berichtet, einen geheimnisvollen Tippgeber, der der Bunten über den angeblichen Drogenkonsum eines Politikers viel erzählt hat und dabei auch noch dramaturgisches Geschick bewies.

Zwei Fotografen vor Ort, das klingt echt. Dabei handelte es sich offenkundig nur um eine Inszenierung des Informanten, die vortäuschen sollte, dass die Polizei den Politiker angeblich im Visier hat. Die Motive des Tricksers und die harte Reaktion der Bunten auf den Vorgang geben weiterhin Rätsel auf. Eine junge und unerfahrene Redakteurin des Blattes, die mit dem Informanten über Wochen Kontakt gehalten hatte, musste ebenso gehen wie ihr Ressortleiter, der auch Mitglied der Chefredaktion war. Dabei ist keine Zeile über den Vorgang in dem Blatt erschienen.

Es sind schon schlimmere Geschichten gedruckt worden, und da gab es solche Sanktionen nicht. Dass Informanten aus niederen Gründen agieren, kann vorkommen. Sozialtheoretiker zumindest kennen den Ansatz, dass auch Handlungen aus verwerflichen Motiven mitunter für das Gemeinwohl förderlich sein können. Es muss nur um einen echten Missstand gehen. Unangenehm wird es, wenn die Tippgeber nicht nur hinterhältig sind, sondern einen Hinterhalt legen. Im Burda-Verlag, dessen Cash-Cow die Bunte ist, hält sich der Verdacht, dass der Tippgeber, der sich erstmals im Januar in München gemeldet hat, ein Provokateur oder ein Erpresser war.

Angeblich im Auftrag des Blattes hatte er den Politiker mit einer anonymen Anzeige überzogen. Und als er das zweite Mal um 1000 Euro Honorar bat, hieß es, er brauche Geld für eine Kamera, um Bilder von einer privaten Sexparty des Politikers machen zu können. Die Gespräche mit er Redaktion hat er quasi protokolliert.

Viele Fragen drängen sich auf: Wollte er der Bunten zeigen, dass die Bunte manchmal unsaubere Methoden einsetzt? Darauf deutet eine Mail von Anfang Juli an die Redaktionsspitze hin. Die Bunte habe ihn angeblich zu unlauteren Methoden angestiftet, teilte er der Bunte-Chefredaktion mit. Gaga? Ein Wichtigtuer? Und warum verwies er in dieser Mail auf das angebliche Interesse der Konkurrenz an einem solchen Vorgang? Warum meinte er, die Bunte könne die Geschichte über die merkwürdige Beziehung zwischen Redaktion und Informant exklusiv erwerben? Die Bunte kauft eine Geschichte über die Bunte? Und warum hat das Blatt auf einen solch dubiosen Vorgang reagiert, als ginge es plötzlich um alles oder nichts?

Vielleicht haben die Aufregungen um den Fall des Rupert Murdoch mitsamt öffentlicher Vorführung desselben zu Panikreaktionen geführt. Aber die britischen Boulevardleute waren Menschenjäger, die von der Bunten waren nicht mal Treiber. Sie zeigten nur Jagdfieber. Die Versager werden gefeuert, alle anderen sind rein und haben nichts gewusst. Diese Strategie kann aufgehen, wenn sie in Einklang mit der Wirklichkeit steht. Falls nicht, könnte es noch größere Turbulenzen geben.

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Quelle:
SZ vom 01.08.2011
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