Süddeutsche Zeitung

Britisches Fernsehen:Die BBC - so hochgelobt wie umstritten

Die BBC macht das beste TV-Programm der Welt - mit deutlich weniger Geld als ARD und ZDF. Und doch ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Großbritannien umstritten.

Es gehört in Deutschland beinahe zum guten Ton, sich über ARD und ZDF aufzuregen, und nicht selten ist die Kritik verbunden mit dem Hinweis, man müsse doch nur einmal nach Großbritannien blicken: Macht dort nicht die BBC das beste Programm der Welt, und das auch noch mit weniger Geld? Und wird sie nicht zu Recht in aller Welt gefeiert dafür? Die knappe Antwort auf diese Frage lautet: Ja, die BBC macht das beste Programm der Welt, und das auch noch mit weniger Geld. Gefeiert wird sie in aller Welt, aber in Großbritannien hat sie keinen leichten Stand.

Es ist sogar ein kleines Wunder, dass die BBC noch immer so gut dasteht, obwohl sie fortwährend attackiert wird. Selbst gemäßigte Konservative wie der vormalige Premierminister David Cameron witzeln immer wieder einmal, man werde den Laden bei erstbester Gelegenheit einfach zumachen. Im Sender steht dann immer die durchaus bange Frage im Raum, wie witzig das jetzt wirklich gemeint war. John Whittingdale, bis vor kürzerem Kulturminister, sagte einmal, das Ende der BBC sei eine "interessante Aussicht". Die Tories und die BBC - das ist keine Liebesgeschichte, und das wird auch keine mehr. Besonders Teile des rechten Flügels der Konservativen würden dem öffentlich-rechtlichen Sender gern die Gebühren streichen und ihn den Kräften des freien Marktes überlassen. Den rechten Tories ist die BBC, deren oberstes Gebot die Neutralität ist, zu links.

Was die BBC einstweilen rettet, ist ihre enorme Popularität in der Bevölkerung. Ihr Spitzname ist "Tantchen", sie gehört zur Familie. Sie hat eine emotionale Bedeutung für Großbritannien, eine Bindung zum Land, und selbst die konservativsten unter den Tories wissen, dass sie sich mit der Abschaffung der BBC wenig Freunde machen würden.

Der Sender reagiert auf den permanenten Druck meist sehr britisch, nämlich mit Selbstironie. In den vergangenen beiden Jahren hat er zwei Staffeln einer wunderbaren Comedy-Serie namens W1A ausgestrahlt, in der es im Wesentlichen darum geht, dass bei der BBC viel zu viele Menschen arbeiten, die ihre Tage damit verbringen, sich auf Konferenzen aufzuplustern und heiße Luft zu produzieren. Die Serie ist wirklich witzig, doch leider ging die Selbstironie an einigen konservativen Politikern vorbei. Sie sahen in der Sendung eher eine Art Dokumentation der tatsächlichen Zustände. Vermutlich ist es nachgerade irre, das als Deutscher anzumerken, aber leider sind nicht alle Briten mit einem britischen Sinn für Humor gesegnet.

In Zahlen sieht es so aus: Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland stehen rund acht Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung, bei der BBC sind es rund 5,2 Milliarden. Mit diesem Geld werden unter anderem Hits wie die Miniserien Sherlock Holmes mit Benedict Cumberbatch, The Night Manager mit Tom Hiddleston und Hugh Laurie oder die Historien-Serie Poldark produziert, deren heimlicher Star die Landschaft Cornwalls ist, obwohl Hauptdarsteller Aidan Turner sich diesen Tick zu oft seiner Oberbekleidung entledigt, um seinen gestählten Körper zu präsentieren. Zu seiner Verteidigung ist zu sagen: Das war nicht seine Idee, wie die Produzentin der Reihe kürzlich enthüllte. Es war, sagte sie stolz, unter anderem ihre Idee.

Die neidischeren unter den Medienbeobachtern glauben seither, es seien vor allem diese Szenen, die dafür gesorgt haben, dass Turner als neuer James Bond gehandelt wird. Hiddleston präsentiert im Night Manager übrigens ebenfalls eine beeindruckende Physis, weshalb auch er als James Bond im Gespräch ist, doch vor allen Dingen sind diese Serien gut geschrieben, sehr gut besetzt und bestens gefilmt. Wenn sie auf der BBC laufen, ist es tatsächlich fast wieder so wie in den jüngeren Jahren des Mediums: Wer die Sendung nicht gesehen hat, kann im Büro nicht mitreden.

Das eigentlich Wunderbare an der BBC sind aber nicht diese Großprojekte, sondern kleinere Shows wie die politische Comedy-Sendung Have I Got News for You. Diese läuft seit 1990 und ist das vielleicht witzigste politische Programm überhaupt. Zwei Zweierteams treten gegeneinander an und beantworten die Fragen eines Moderators zum politischen Geschehen der Woche. Teamkapitäne sind seit jeher Paul Merton, der schlagfertigste Mann der Welt, und Ian Hislop, Herausgeber der exzellenten Satirezeitschrift Private Eye. Ihnen zur Seite sitzen in der Regel Politiker oder Komiker, und was in diesem auf den ersten Blick so simplen Format passiert, ist außergewöhnlich scharf und lustig.

Seit 2002 wechselt der Moderator wöchentlich. Zuvor hatte ein Mann namens Angus Deayton moderiert. Als jedoch publik wurde, dass der heitere Deayton Sex mit Prostituierten und Drogen konsumiert hatte, machten sich Merton und Hislop in der Sendung so unerbittlich über ihn lustig, dass er gefeuert wurde. Auch das ist eine Stärke der BBC: Sie wendet sich gegen sich selbst, wenn sie es für nötig hält.

Hier stehen wir, dort steht ihr

Bestes Beispiel dafür ist ein Interview des Radio-Moderators John Humphrys mit dem damaligen BBC-Generaldirektor George Entwistle im Jahr 2012. Der Sender war in den Skandal um den DJ und BBC-Prominenten Jimmy Savile verstrickt, der jahrzehntelang Mädchen und Jungen sexuell missbraucht hatte, weshalb Entwistle ohnehin einen schweren Stand hatte. Damals kam ein BBC-Bericht dazu, in dem schwere Missbrauchsvorwürfe gegen einen ehemaligen Berater von Margaret Thatcher erhoben wurden, die sich als falsch herausstellten. Entwistle ging das Interview recht entschlossen an, er wurde jedoch von Humphrys in einer Weise befragt, die in Deutschland undenkbar wäre. Folge dieses Interviews in seinem eigenem Sender: Entwistle trat nach lediglich 54 Tagen an der Spitze der BBC zurück.

5,2 Milliarden

Euro hat die BBC jedes Jahr zur Verfügung, in Deutschland ist das Budget der Sender deutlich höher, trotzdem wird in Großbritannien immer wieder heftig darüber diskutiert, ob die berühmten Moderatoren der Sender möglicherweise zu viel verdienen. Die BBC aber findet, diese Leute seien ihr Geld durchaus wert.

Der scharfe Ton von Interviewern wie Humphrys erwächst einer Haltung, einem Selbstverständnis. Die BBC-Journalisten sehen sich zum einen mindestens auf Augenhöhe mit den Politikern, zum anderen geben sie stets deutlich zu verstehen: Hier stehen wir, dort steht ihr. Als sich vor knapp drei Jahren SPD-Chef Sigmar Gabriel und ZDF-Moderatorin Marietta Slomka ein wenig in Haare gerieten, wurde in Deutschland gleich über das "Zoff-Interview" und den Umgang von Medien und Politikern diskutiert. Auf der Insel ist der scharfe Ton die Regel. Der BBC-Mann Eddie Mair fragte den jetzigen Außenminister Boris Johnson am Ende eines 15 Minuten langen, ebenso fairen wie erbarmungslosen Interviews einmal: "Sie sind ein ziemlich fieser Kerl, nicht wahr?"

Legendär ist ein Interview, das Jeremy Paxman im Jahr 1997 mit dem damaligen Innenminister Michael Howard führte. Weil er sich nicht mit einer ausweichenden Antwort zufrieden geben wollte, stellte er zwölf Mal dieselbe Frage. Später behauptete Paxman, er habe einfach ein wenig Zeit schinden wollen, aber das ist wohl als Scherz zu verstehen. 17 Jahre nach dem Interview kam Howard als Gast in Paxmans letzte Sendung als Moderator von BBC-Newsnight. Paxman stellte die Frage ein dreizehntes Mal, Howard antwortete.

Paxman gehörte zu den Stars des Senders, er verdiente auf dem Höhepunkt seiner Karriere mehr als eine Million Pfund im Jahr. Wegen der hohen Gehälter für ihre prominentesten Moderatoren gerät die BBC immer wieder in die Kritik. Es handele sich um eine Verschwendung des Geldes der Steuerzahler, argumentieren besonders die Konservativen. Zuletzt hatte die neue Regierung angeregt, der Sender solle offenlegen, wer mehr als 150 000 Pfund im Jahr und damit mehr als die Premierministerin verdiene. Kulturministerin Karen Bradley sagte, das werde Einsparungen bringen, die in bessere Sendungen investiert werden könnten. Die BBC argumentiert, dass man die besten Leute angemessen bezahlen müsse, weil sie sonst zur Konkurrenz gingen.

Im September hat die BBC eine komplette Show an die Konkurrenz verloren: Die Sendung The Great British Bake Off, ein Backwettbewerb, war zur erfolgreichsten des Senders geworden, die letzte Episode sahen mehr als 15 Millionen Menschen. Dann gab die unabhängige Produktionsfirma bekannt, sie habe das Format für 75 Millionen Pfund für drei Jahre an Channel 4 verkauft. Drei der vier Moderatoren stiegen daraufhin aus Loyalität zur BBC aus, und es sagt einiges über die Bedeutung des Senders, dass das Thema allen Ernstes die Schlagzeilen beherrschte.

Immerhin ist es weitgehend abgemacht, dass die BBC bis auf Weiteres mit Gebühren finanziert wird. Derzeit zahlt jeder Haushalt jährlich 145,50 Pfund, rund 160 Euro. Dieser Beitrag soll bis mindestens zum Jahr 2022 in Anlehnung an die Inflationsrate steigen. Was die BBC so besonders macht, ist die Tatsache, dass sie für viele Briten nicht nur Teil ihres täglichen Lebens ist, sondern auch Teil der britischen Identität. Wie wohl sonst nur der Gesundheitsdienst NHS steht sie für etwas, das alle Bewohner des Landes teilen. Im Schnitt nutzt jeder Brite täglich fast drei Stunden Angebote der BBC, sei es Fernsehen, Radio oder Online. Umso wichtiger ist es, dass der Sender seine Unabhängigkeit bewahrt. Der Regisseur Peter Kosminsky warnte vor Kürzerem, Teile der Politik versuchten, aus der BBC einen "Staatssender wie in Nordkorea" zu machen. Er mahnte zur Wachsamkeit: "Blinzele einmal, und sie ist weg."

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Quelle:
SZ vom 15.10.2016/cag
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