Britisches Fernsehen:Der Interpret

Drehbuchautor Andrew Davies verarbeitet Literaturklassiker von Jane Austen über Charles Dickens bis Leo Tolstoi zu TV-Hits für die BBC. Selbst Wladimir Putin ist ein Fan. Ein Besuch in Kenilworth.

Von Alexander Menden

Andrew Davies ist schon lange im Geschäft, länger als so ziemlich jeder andere. Aber sogar er war ein bisschen überrascht von der Reaktion der britischen Zeitungen auf seine Version von Tolstois "Krieg und Frieden". "Ja, das hatte ich nicht erwartet", sagt Davies, während er versucht, gleichzeitig Kaffee zu servieren und seinen überenthusiastischen Spaniel Jake zu bändigen. "Aber ich fand, dass ich in einer recht starken Position war, weil ich auf die Stellen im Buch verweisen konnte, auf die sich meine Interpretation bezog."

Die Daily Mail hatte sich vor der Premiere der BBC-Fernsehadaption des Klassikers im Januar auf das inzestuöse Verhältnis des Geschwisterpaars Helene und Anatol Kuragin gestürzt, die Andrew Davies in seiner Version unzweideutig ausagieren ließ. Eilends bemühte Literatur-Experten sagten, das sei eine sensationalistische Verfremdung des Textes, der Daily Telegraph nannte das Ganze "höchst unpassend".

Der Rummel hat der Serie nicht geschadet, die erste Folge sahen in Großbritannien mehr als sechs Millionen Zuschauer. Der Erfolg freut Andrew Davies natürlich, obwohl er sich nicht sicher ist, wie er mit dem Lob eines besonders prominenten Fans umgehen soll: "Wladimir Putin hat gesagt, dass ihm die Serie gut gefallen habe", sagt er. "Er fand, wir hätten etwas von der 'russischen Seele' eingefangen. Ich weiß nicht recht, ob ich darauf stolz sein oder mir eher Gedanken machen sollte."

So richtig verunsichert wirkt Andrew Davies jedoch nicht, warum sollte er auch? Nach eigener Einschätzung ist er "wahrscheinlich der bestbezahlte Drehbuchautor Großbritanniens". Er selbst erklärt das beim Gespräch in der ausnehmend gemütlichen Küche seines Hauses im englischen Kenilworth damit, "dass ich es schon so lange mache". Aber Langlebigkeit allein scheint keine hinreichende Begründung für Jahrzehnte währenden Erfolg.

Andrew Davies, Jahrgang 1936, hat sehr viel geschrieben in seinem Leben: Kinderbücher und Radiodramen, Romane, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Aber seinen Ruf, den als legendär zu bezeichnen ausnahmsweise mal nicht übertrieben ist, hat er sich mit seinen Fernsehscripts erarbeitet, vor allem mit Adaptionen von Klassikern der Weltliteratur.

Jane Austen und Charles Dickens hat er ebenso kongenial bearbeitet wie William Thackeray und Boris Pasternak. 1995 sorgte Davies für einen bahnbrechenden Moment in der berühmten BBC-Miniserie Stolz und Vorurteil. Eine Szene, in der Colin Firth als Mr. Darcy mit klitschnassem, durchscheinendem Hemd einem See entstieg, machte den Schauspieler zum Sexsymbol. Davies selbst adaptierte später Helen Fieldings Buch "Bridget Jones", in dem ebenfalls ein Mr. Darcy nass wird - ein direkter Verweis auf den BBC-Mehrteiler, den Bridget Jones liebt.

Das Ganze wurde noch verworrener dadurch, dass in diesem Film wieder Colin Firth ins Wasser fiel. Davies' Version von "Stolz und Vorurteil" mit ihrer perfekten Mischung aus Anspruch und Popularität setzte jedenfalls den Standard für erfolgreiche Literaturverfilmungen.

Er habe in seinem ersten Beruf gelernt, diese Balance zu halten, sagt Davies. Im walisischen Cardiff geboren, studierte er Englische Literatur in London, wo er 1957 eine Stelle als Lehrer annahm - um seinen Wehrdienst aufzuschieben. "Aber ich war ziemlich gut darin, es machte mir Spaß", sagt er. Bis er 50 war, arbeitete er parallel als Lehrer und Autor. "Ich machte in beiden Jobs eigentlich das Gleiche: Ich brachte meinen Schülern, genauso wie den Zuschauern, Literatur nahe - nur dass man im Fernsehen Millionen Pfund Produktionsbudget zur Verfügung hat. Aber meine Zielgruppe waren in beiden Fällen Menschen, die das Buch nicht kannten, nicht die, die es zigmal gelesen hatten."

Dabei ist es für Andrew Davies weniger entscheidend, ob die Vorlage große Literatur oder mittelmäßig ist: "Ergänzen und umbauen muss man ohnehin immer", sagt er. "Jane Austen, eine sehr genaue Autorin, schrieb zum Beispiel nie eine Szene, in der ein Mann allein war oder zwei Männer miteinander sprachen - sie sagte, sie wüsste eben nichts davon. Natürlich hätte sie das gekonnt, sie erlegte sich da einfach freiwillig Beschränkungen auf. Für die Zwecke der Serie ist es aber wichtig, auch so etwas zu zeigen - was macht Mr. Darcy, wenn er allein ist?"

Anders als ein Originaldrehbuch schafft eine Adaption eine angenehme Distanz zwischen Autor und dem bearbeiteten Material. Als Davies in den Achtzigerjahren den Fernsehfilm Bavarian Nights über einen etwas lächerlichen, autoritären Schuldirektor schrieb, wurde er von Kritikern und Zuschauern positiv aufgenommen, "aber hier in Kenilworth war es eine Sensation, weil alle wussten, um wen es ging" - um den Rektor der Schule von Davies' eigenen Kindern nämlich. "Wenn man selbst etwas schreibt, dann kann es noch so abenteuerlich sein, man merkt doch, dass es aus der persönlichen Lebenserfahrung kommt", sagt Davies.

Ein Drehbuch entstehe immer in Zusammenarbeit mit Produzenten und Regisseuren, sagt Davies, es sei weit weniger einsam, als einen Roman zu schreiben. Dennoch geht er selten zu den Dreharbeiten. "Für den Autor ist das ziemlich langweilig, man hat keine richtige Funktion und steht nur im Weg herum." Zudem gebe es eine Etikette zwischen Autor und Regisseur: Der Drehbuchschreiber mischt sich in die Dreharbeiten nicht ein. Davies gibt aber zu, dass manchmal doch ein Schauspieler zu ihm komme und frage, was genau die Figur an dieser Stelle denkt.

Im Abspann der Netflix-Serie House of Cards ist Andrew Davies als Co-Autor und ausführender Produzent aufgeführt, obwohl er nie direkt an der US-Fassung beteiligt war. Aber er schrieb 1990 die Adaption des Romans "House of Cards" von Michael Dobbs. In der britischen Version war es nicht Kevin Spaceys Selfmade-Man Frank Underwood, der mit allen Mitteln Präsident werden will, sondern der aristokratische Francis Urquhart, gespielt vom ebenso aristokratischen Ian Richardson, der mit machiavellistischem Genie nach der Macht in Westminster griff.

Auf das (auch von Spacey eingesetzte) Stilmittel, die vierte Wand zu durchbrechen und direkt in die Kamera zu sprechen, kam Davies in Anlehnung an Laurence Oliviers Film Richard III. "Bei Shakespeare spricht Richard mit dem Publikum, macht es zu Komplizen", erklärt er. "Im Film funktioniert das noch viel besser als auf einer Bühne, weil es intimer ist, man kann flüstern." Ian Richardson sei erst etwas nervös gewesen, mit der Kamera so nah an seinem Gesicht zu sprechen. "Aber es dauerte nicht lange, bis er es liebte! In der zweiten Staffel musste ich nur noch schreiben 'Urquhart wirft uns einen seiner Blicke zu' und wusste, dass Ian den richtigen Blick finden würde."

Davies' House of Cards war durch und durch britisch, wurde unter anderem als Satire auf den Thatcherismus interpretiert. Wie findet er die US-Version? "Mein Agent hat für mich einen Vertrag unterschrieben, der mich verpflichtet, nie etwas Negatives über die amerikanische Serie zu sagen", antwortet Davies mit einem Augenzwinkern. "Aber das ist gar kein Problem, denn ich finde sie sehr gut. Vor allem, dass sie die Betonung der Rolle der Frau übernommen, eine Macbeth-Lady-Macbeth-Beziehung daraus gemacht haben, in der die Frau manchmal mächtiger wirkt als der Mann." Könnte er sich vorstellen, auch direkt für einen Streamingdienst wie Netflix zu arbeiten? Schon, sagt Davies. "Aber vor allem möchte ich an Projekten arbeiten, über die die Leute am nächsten Tag bei der Arbeit sprechen. Deshalb ist die BBC am Sonntagabend für mich im Moment noch immer der beste Sendeplatz."

Wie es aussieht, ist Andrew Davies auch nach annähernd einem halben Jahrhundert noch mit unverminderter Energie bei der Arbeit. Für sein jüngstes Adaptionsprojekt hat er sich Victor Hugos "Les Misérables" vorgenommen. Gibt es davon nicht schon genügend Verfilmungen, zuletzt Tom Hoopers Kinoversion des Musicals? "Ach, die hat mir überhaupt nicht gefallen", sagt Davies. "All diese Rollen mit Schauspielern zu besetzen, die nicht singen können - das war ein Fehler."

© SZ vom 23.04.2016
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